Nach einer Woche Skispaß in Südtirol

Warten auf Corona-Test: Ein Erlebnisbericht

Da war die Welt noch in Ordnung: Die Sonne lacht, die Pisten sind bestens präpariert, Skifahren machte Spaß in den Faschingsferien auf der Seiser Alm in Südtirol. | Foto: Buchner-Freiberger2020/03/sudtirol-winter-schnee_Foto-Buchner-Freiberger0002.jpg

RÖTHENBACH. „Frau Buchner-Freiberger?“ Die Stimme meines Hausarztes am Telefon klingt fröhlich. „Gute Nachrichten, es ist kein Corona.“ So richtig überrascht mich diese Nachricht nicht, und trotzdem plumpst mir in dem Moment ein Stein vom Herzen. Denn die letzten Tage waren eine Hängepartie.

Doch der Reihe nach. Wir sind Fasching vier Tage Ski fahren auf der Seiser Alm in Südtirol, mein Mann, unser zwölfjähriger Sohn und ich. Die Sonne lacht, die Pisten sind breit, absolutes Skifahrer-Glücksgefühl. Nur der kalte Wind lässt mich manchmal frösteln.

Noch keine Bedenken

Corona? Ist höchstens am Abend im Speisesaal Anlass für das ein oder andere Witzchen mit den Tischnachbarn. An der Rezeption wartet ein einsames Fläschchen Hände-Desinfektionsmittel auf Ängstliche. Südtirol hat zu diesem Zeitpunkt gerade mal einen bestätigten Corona-Fall. Wir fühlen uns sicher.

Auf der Rückfahrt schreibe ich am Brenner meinen PZ-Kollegen eine Nachricht, dass ich Dienstag wieder in der Redaktion bin. „Vorausgesetzt, ihr wollt das Risiko auf euch nehmen, mit einer Südtirol-Rückkehrerin zusammenzuarbeiten.“ Zwinker-Smiley, Zwinker-Smiley.

Schluss mit lustig

Zu Hause ist plötzlich Schluss mit lustig. Meine Mutter hat uns ein Päckchen Desinfektionstücher in die Küche gelegt – vorsichtshalber. Vorsichtshalber, ein Wort, das ich in den nächsten Tagen ständig gebrauchen werde. Als mein Mann Toilettenpapier kaufen will, weil wir tatsächlich keines mehr im Haus haben, kommt er unverrichteter Dinge und ziemlich konsterniert nach Hause. „Es gibt kein Klopapier mehr“. Was ist denn in Deutschland passiert, in den gerade mal vier Tagen, in denen wir weg waren?

Erste Anzeichen?

Montag habe ich noch Urlaub, am Nachmittag fühle ich mich plötzlich unglaublich schlapp. Ich habe Kopfschmerzen und meine Temperatur ist leicht erhöht. Kein Husten, kein Schnupfen, kein Halsweh. Trotzdem rufe ich am nächsten Tag bei meinem Hausarzt an, wieder „vorsichtshalber“. Mein Arzt, ein besonnener Mann, beruhigt mich: Meine Symptome seien überhaupt nicht typisch für Corona. Er schreibt mich trotzdem für die Woche krank, ich sehe die Sache entspannt.

Der Kopf fängt an zu rattern

Aber nicht lange. Stündlich prasseln neue mediale Schreckensnachrichten auf mich ein. Irgendwie scheinen alle, die jetzt positiv auf Corona getestet werden, vorher in Südtirol gewesen zu sein. In meinem Kopf fängt es an zu rattern. Da war doch die italienische Familie in der Gondel, die sich kräftig geschnäuzt hat. Oder die Frau am Nebentisch im Hotel, die immer gehustet hat. Dazu kommt: Mir geht es körperlich nicht besser, im Gegenteil.

Mein Mann, so quietschfidel und gesund wie unser Sohn, erzählt aus der Arbeit, dass einige Kollegen sich unwohl in seiner Gegenwart fühlen: Südtirol-Heimkehrer! Das Wort fühlt sich jetzt ein bisschen an wie ein Stigma.

Eine Woche zu Hause

Erst recht, als Südtirol am Freitag zum Risikogebiet erklärt wird. Mein Chef bittet mich, die nächste Woche auch noch zu Hause zu bleiben – Sie erraten es, vorsichtshalber natürlich. Das Gesundheitsministerium verfügt, dass Kinder von Südtirol-Rückkehrern 14 Tage nicht in die Schule dürfen. Und mir wird immer mulmiger. Ich habe keine Angst, dass ich an Corona sterben könnte, nein, ich habe ein stabiles Immunsystem, mein Körper würde die Krankheit vermutlich gut wegstecken.

Habe ich meine Familie angesteckt?

Aber ich will das Virus nicht unwissentlich weitergeben, nicht als potenzielle Virenschleuder durch die Gegend laufen. Die Einladung zu einer Geburtstagsfeier sage ich ab. Sonstige Kontakte nach draußen habe ich ohnehin schon auf ein Minimum begrenzt. Aber habe ich vielleicht doch meinen Mann und meinen Sohn angesteckt? Immerhin haben wir vier Tage im selben Hotelzimmer geschlafen, am selben Tisch gegessen und – Virologen werden erschaudern – sogar an der Raststätte aus demselben Glas getrunken. Zusätzlich verunsichert mich mein Umfeld, das es natürlich nur gut meint. „Lass dich unbedingt testen“, sagen die einen, „lass dich bloß nicht testen“, die anderen.

Ich will einen Test!

Ich will Gewissheit. Also versuche ich am Wochenende, einen Test zu organisieren. Unter der Nummer 116117, die überall empfohlen wird, lande ich auf drei verschiedenen Anrufbeantwortern, wo mir eine Computerstimme erzählt, was Corona ist, dass man sich gut die Hände waschen und möglichst zu Hause bleiben soll. Mach ich ja schon alles! Als ich mich nach einer Viertelstunde in der Warteschleife endlich an der richtigen Stelle wähne, wird mir gesagt, dass ich mich wegen des hohen Anrufer-Aufkommens später nochmal melden solle. Weitere Versuche, unter anderem im Laufer Krankenhaus, scheitern ähnlich kläglich. Ich bin entnervt.


Also rufe ich am Montag wieder in meiner Hausarztpraxis an … und darf zu meiner Überraschung vorbeikommen. Ich werde direkt in ein kleines Untersuchungszimmer geleitet. Die Sprechstundenhilfe entschuldigt sich sogar noch für diese notwendige Separierung. Ich bin angenehm überrascht. Mein Hausarzt, den nach langen Praxisjahren wohl nichts mehr aus der Fassung bringt, verzichtet auf den üblichen Händedruck, geht aber ansonsten entspannt mit mir um. Hysterie? Fehlanzeige. Das habe ich aus anderen Praxen schon ganz anders gehört.

Abstrich ohne Hysterie

Er schlägt einen Corona-Abstrich vor. „Wie, hier? Jetzt sofort?“, frage ich erstaunt. Denn in meinem Kopf haben sich längst Bilder von vermummten, grünen Seuchen-Experten des Gesundheitsamtes formiert, die einen nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause besuchen kommen.

Schutzkleidung habe er leider nicht, fügt mein Arzt noch schulterzuckend hinzu. Er streift sich Handschuhe über und fährt mit einem Stäbchen in meinem Mund und meiner Nase herum. Die Probe wird verschlossen, das war´s. Hatte ich mir spektakulärer vorgestellt.

24 Stunden später habe ich Gewissheit, kein Corona. Wohl eher ein abklingender bakterieller Infekt. Zu Hause sind wir trotzdem alle drei noch, bis die 14-tägige Corona-Inkubationszeit vorbei ist. Unser Sohn, der zuerst ein bisschen empört war ob des Schulverbots, genießt nun die Vorteile und zieht mit einem Kumpel, der ebenfalls in Südtirol im Urlaub war, um die Häuser. Geocachen im Wald und Fortnite zocken, während die anderen in der Schule sitzen – super. Im Bekanntenkreis haben sich einige dieser „Südtirol-Betreuungsgruppen“ gebildet.

Alle Lifte stehen still

Seit Anfang der Woche stehen in ganz Südtirol die Lifte still. Ich werde traurig, wenn ich an unsere junge, sympathische Hotelchefin denke, die eben erst den elterlichen Betrieb modernisiert hat. „Die Leut´ sind ganz verrückt wegen dem Virus“, hat sie uns zum Abschied kopfschüttelnd gesagt. Aber sie mache sich keine Sorgen, die Hysterie sei bestimmt schnell wieder vorbei. Zwölf Tage ist das erst her. Jetzt ist Italien Sperrzone.

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