Ungewöhnlicher Fund in Schnaittach

Jüdische Grabsteine als Baumaterial

Gerhard Faul mit zwei der Platten, die aus dem Mäuerchen herausgebrochen sind. Die hebräischen Schriftzeichen auf den Grabsteinen stehen nur auf jeweils einer Seite, sie waren im Mauerwerk versteckt. | Foto: Kirchmayer2019/11/Gerhard-Faul-judische-Grabsteine-als-Mauerwerk.jpg

SCHNAITTACH — Es gibt Menschen, die Gerhard Faul geraten haben, die Steinplatten einfach wieder zu verbauen. Den hebräischen Schriftzeichen zum Trotz, die bis vor Kurzem jahrzehntelang in einem Mäuerchen im Schnaittacher Ortskern verborgen waren und nun beim Bau eines Carports zum Vorschein kamen.

Faul, der hier vor zwei Jahren ein Haus als Zweitwohnsitz gekauft hat, dachte nicht daran, den Fund unter den Teppich zu kehren. Der Nürnberger hat an einem Film und einem Buch über das KZ-Außenlager Hersbruck mitgearbeitet. „Ich bin für das Thema sensibilisiert“, sagt er.

Ihm war gleich klar: Es handelt sich um jüdische Grabsteine, die hier verbaut wurden. Nur ein paar hundert Meter entfernt von den drei jüdischen Friedhöfen im Markt, von denen sie höchstwahrscheinlich stammen.

Faul ließ Fotos machen, die er ans Jüdische Museum Franken in Fürth schickte. Auch Schnaittachs Bürgermeister Frank Pitterlein und der Denkmalschutz erfuhren von dem Fund.

Doch wie kommt es dazu, dass die massiven Steine aus geweihtem Boden als Mauerwerk dienen?

Bundesweite Schändungen

Ein Einzelfall ist das nicht, sagt Joino Pollak vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Bundesweit seien während des Nationalsozialismus, also von 1933 bis 1945, jüdische Friedhöfe geschändet und Grabsteine als Baumaterial zweckentfremdet worden. „In den letzten Jahren ist sehr viel wiederentdeckt worden“, so Pollak – auch in Schnaittach.

Die jüdische Gemeinde im Markt hat eine lange Geschichte, die in den 1930er Jahren jäh endete. 1938, im Rahmen der Reichspogromnacht, wurden auch dort Wohnungen verwüstet, Juden misshandelt und die Synagoge teilweise zerstört. Bis Anfang 1939 verließen die letzten Juden den Ort. In großer Zahl sollen die Grabsteine aus den drei jüdischen Friedhöfen als Baumaterial verwendet worden sein, heißt es in einem Text, der in den 1990er Jahren in der PZ-Beilage Fundgrube erschien.

Von Nachbarn erfuhr Gerhard Faul, dass die Mauer jahrzehntelang als Umfriedung eines Misthaufens diente. Im Haus, das er kaufte, wurden zunächst Nutztiere gehalten, dann handelte es sich um einen privaten Reiterhof.

Teller mit Hakenkreuz an der Wand

In einem Zimmer, das wohl bis in die 80er Jahre als Aufenthaltsraum des Reiterhofs verwendet wurde, fand der Nürnberger nach dem Hauskauf 2017 allerlei NS-Devotionalien an den Wänden. Teller, Hufeisen und einen Dolch mit Hakenkreuzen, Bierkrüge und Gläser mit Hitlerportraits.

Die Vorbesitzer hatten sich offenbar keine Gedanken darüber gemacht, die Gegenstände vor dem Verkauf wegzuwerfen oder zu verstecken. Faul hat die Stücke aus der Zeit des Nationalsozialismus dem Nürnberger Doku-Zentrum gespendet.

„Mein Mann war kein Nazi, er hat die Sachen nur aufbewahrt und gesammelt“, hat die Vorbesitzerin über die NS-Devotionalien gesagt, berichtet Faul. Das Haus ist laut Faul bereits vor der NS-Zeit im Besitz der Familie gewesen, die es ihm 2017 verkaufte. Die Frau, die dort zuletzt wohnte, war nach dem Krieg nach Schnaittach gezogen und hatte in die Familie eingeheiratet.

Misthaufen kein Zufall?

Dass die jüdischen Grabsteine ausgerechnet um einen Misthaufen herum verbaut wurden, hält Faul nicht für einen Zufall. Schnaittachs Bürgermeister Pitterlein spricht gar von der „größten Schändung, die man betreiben kann“. Schließlich sei es wahrscheinlich, dass in dem Hof auch Schweine gehalten wurden. Diese gelten im jüdischen Glauben bekanntlich als nicht koscher.

Für Joino Pollak ist es der erste Fund von Grabsteinen als Misthaufen-Umfriedung. „Wer bereit ist, Schändungen vorzunehmen, ist in der Verwendung auch nicht zurückhaltend“, sagt er.

Steine sollen zurück auf Friedhof

Was geschieht nun mit den Grabsteinen? „Ziel ist es, sie freizulegen, zu erfassen und auf einen jüdischen Friedhof zurückzuführen“, sagt Pollak. Im jüdischen Glauben gehören Grabsteine zum Verstorbenen und müssen auf dem Friedhof bleiben – oder in diesem Fall zurück auf den Friedhof kommen, erklärt er.

Das soll möglichst noch in diesem Jahr passieren. „Die Schriften sind gut erhalten“, sagt Faul. Sie waren vor der Witterung geschützt, das könnte nun bei der Aufklärung helfen.

„Wir werden noch längere Zeit mit Funden rechnen müssen. Wir brauchen ein Bewusstsein der Menschen, dass sie verantwortungsvoll mit den Grabsteinen umgehen“, sagt Bürgermeister Pitterlein, dem ein weiterer aktueller Fund bekannt ist. Er hat zugesagt, dass der Markt die Kosten für den Rücktransport übernimmt – auch in Zukunft.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer