Schausteller Jürgen Wild im Interview

Wann darf sich das Karussell wieder drehen?

Noch sind die Lichter am Kinderkarussell von Schausteller Jürgen Wild nicht ganz aus. Doch die Corona-Pandemie hat den kleinen Familienbetrieb in echte Existenznöte gebracht. | Foto: privat2020/09/redwebWhatsApp-Image-2018-10-22-at-21.13.jpeg

HERSBRUCK – Während in vielen Bereichen das Leben trotz Corona so langsam wieder seinen gewohnten Gang geht, kämpfen die Schausteller noch immer ums Überleben. Die HZ sprach mit Jürgen Wild über alte Traditionen, ausgefallene Veranstaltungen und die Definition von Menschenansammlungen.

Vergangenes Jahr durfte Ihre Familie 100 Jahre Schaustellerei feiern. Jetzt stehen Sie nahezu am Abgrund. Warum?

Jürgen Wild: Ich habe ungefähr 20 Veranstaltungen im Jahr, auf denen ich mit Kinderkarussell und Süßwarenbude vertreten bin. 16 dieser Veranstaltungen wären jetzt um diese Zeit schon rum. Stattgefunden hat keine davon.

Von was leben Sie jetzt? Gibt’s Überbrückungsgelder?

Im Moment bekomme ich nichts.Große Schaustellerbetriebe mit vier Mitarbeitern aufwärts erhalten Unterstützung. Sie haben ja auch große monatliche Fixkosten. Sie müssen ihre großen Fahrgeschäfte in Hallen unterbringen. Das kostet. Ich bin nur ein kleiner Schausteller. Wir sind ein Familienbetrieb und fallen da raus. Gut, ich könnte Hartz IV beantragen und mein Karussell verkaufen. Aber mal ehrlich: Wer kauft in dieser ungewissen Zeit ein Karussell? Mein kleines Kinderkarussell hat geschätzt einen Wert von 125.000 Euro. Jetzt dürfte ich es für einen Euro hergeben…

Zumindest gab es einige kleinere Kirwa-to-go-Veranstaltungen.

Das ist richtig und wir waren auch dabei. In einigen Orten habe ich allerdings draufgezahlt, in manchen ging es Null auf Null auf. Winkelhaid aber lief gut. Dort fand gleich ein ganzes Schlemmerwochenende statt.

Wieso geht’s in einigen Orten und in anderen nicht? Nürnberg hatte ja auch „Sommer in der Stadt“?

Wir vom Schaustellerverband haben ja ein Hygienekonzept ausgearbeitet. In Nürnberg und München funktioniert das auch. In den Landkreisen wird’s schon schwieriger. Wenn ich mir anschaue, wie die Leute in der Gastronomie oder an den Seen sitzen… – und mir wird mein kleines Karussell verboten, weil ich eine Menschenansammlung generieren könnte.

Was würden Sie sich hier von der Politik wünschen?

Wir brauchen Leitlinien, die wir den Städten in die Hand geben können, die eine Kirchweih oder einen Weihnachtsmarkt auf die Beine stellen wollen. Sie brauchen Sicherheit. Und ich wünsche mir, dass sich die Politik besinnt und die Regelungen für die Überbrückungshilfen überarbeitet. Im Moment fallen die kleinen Schausteller und Marktleute hinten runter.

Lässt sich ein schlechtes Jahr nicht auch einmal verkraften?

Normalerweise müssen wir im Sommer so viel verdienen, dass es bis Pfingsten reicht. Erst da fängt die Saison für uns wieder an. Aber schon im Januar, Februar und März müssen wir die Anzahlungen für die Feste im Sommer leisten. Manche Städte verlangen mittlerweile sogar 25 Euro Bewerbungsgebühr. Das heißt dann aber noch lange nicht, dass man auch genommen wird und einen Platz bekommt. Laut Industrie- und Handelskammer braucht ein Industriebetrieb, der einen Monat ausfällt, drei Jahre, um sich wieder zu erholen. Wie lange aber braucht ein Schausteller, der sein komplettes Jahreseinkommen verloren hat, um wieder auf die Beine zu kommen?

Kleine Schausteller brauchen also dringend finanzielle Unterstützung.

Ja. Es geht uns nicht darum, künftig von Vater Staat zu leben. Wir wollen nur überleben und die Chance auf einen Neustart bekommen. Schließlich hängt auch an uns einiges dran.


Was zum Beispiel?

Nehmen wir mal das Oktoberfest in München. Wie viele Hendl, Haxn, Semmeln, Brezeln und Lebkuchenherzen werden da jedes Jahr verkauft. Dahinter stehen Metzger, Landwirte, Bäcker… Selbst unser Mandelverkäufer bringt im Moment seine Ware nicht mehr los.

Es geht also um weit mehr als nur ein bisschen Kirwa-Gaudi.

Es geht hier nicht um Spaß. Es hängen Existenzen dran. Und letztendlich auch unsere Traditionen und unsere Kultur. Wenn die kleinen Schausteller die Corona-Krise nicht überleben, dann wird es künftig auf den kleinen Festen bei uns kein Karussell und keine Buden mehr geben.

Es ist für Sie also wichtig, dass die wenigen noch ausstehenden Veranstaltungen wie die Hersbrucker Kirwa und der Weihnachtsmarkt stattfinden.

Genau. Auch wenn diese Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen nicht das Geld bringen, das wir für einen Neustart bräuchten. Wir würden wenigstens wieder etwas tun und den Menschen ein bisschen Freude bringen und nicht nur zu Hause rumsitzen.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren