Treib-Seminar

Wie kommt die Kuh auf die Weide?

Bevor ich anfange mit den Tieren zu arbeiten, bespricht Philipp Wenz mit mir noch einmal die wesentlichen Details des Treibens. | Foto: K. Bub2019/10/20190927_172456_Kuhgefluester.jpeg

STEINENSITTENBACH (ak) – Dass die HZ stolzer Pate eines kleinen Kälbchens ist, ist mittlerweile bekannt. Nun hat Praktikantin Anna-Lena Kopp an einem Seminar für „Low-Stress-Stockmanship“, also stressfreies Rindertreiben, teilgenommen, das auf einem von Rainer Wölfel – dem Ziehvater unserer Liesel – betreuten Hutanger stattfand.

Als wir – die Seminarteilnehmer – uns am späten Nachmittag der Kuhherde am Hutanger in Steinensittenbach nähern, sind die erst einmal wenig beeindruckt. Menschen, Autos, Wanderer, das sind sie gewohnt. Erst als sie Rainer Wölfel, den Gebietsbetreuer der Hutanger und Herden, erblicken, kommen sie auf uns zu – es könnte ja frisches Futter geben. Seminarleiter Philipp Wenz erklärt uns noch mal, worauf es gleich beim Kühetreiben ankommt: langsam auf die Kühe zugehen, ihre Reaktionen beobachten und ihre Bewegungszonen respektieren. „Low Stress“ eben.

Vorbild „Crazy Bud“

Die Hüte- und Treibmethode kommt aus den USA von „Crazy Bud“ Williams, seines Zeichens Rinderflüsterer, hatte Wenz zuvor im Seminar erklärt. Es basiert auf der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier, die im Idealfall auf „qualitativem Vertrauen“ beruht. Dieses Vertrauen beinhaltet den respektvollen Umgang mit dem anderen und seinen Grenzen. Und das wiederum macht Halfter, Stock und Geschrei beim Treiben überflüssig.

„Das Geheimnis der Treibemethode sind die Bewegungs- und Beobachtungszonen“, versuche ich mich etwas nervös zu erinnern, als ich, als erste der Gruppe, die Herde treiben soll. So wunderschön und treu ihre großen braunen Augen mich auch anblicken – sie sind schneller und schwerer als ich, sodass ich bei einem Angriff keine Chance hätte.

Beobachtungszone bedeutet, sie beobachten mich lediglich und versuchen herauszufinden, was eine Fremde mit quietschpinken Gummistiefeln hier in ihrer Mitte zu suchen hat. Ich habe keine Angst, das Kind in mir möchte eigentlich auf sie zurennen und sie streicheln, wie ich es auch von zu Hause gewohnt bin. Doch Schmusen ist verboten, hatte Wenz erklärt. Eine Kuh kann nicht unterscheiden, wann sie zu groß zum Kuscheln mit dem Menschen wird.

Es kann sein, dass das Tier, das noch vor einem Jahr klein, zart und zum Liebkosen geeignet war, mit rund 500 Kilogramm plötzlich auf einen zuläuft und wieder spielen will – was dann aber lebensgefährlich sein kann. Also kein Knutschen heute für mich. Ich gehe noch einen Schritt auf die Herde zu, schon gehen einzelne Köpfe nach oben. Noch ein Schritt.

Die ersten Kühe bewegen sich gemächlich von mir weg, ich bin offensichtlich in ihre Bewegungszone getreten. Ich komme mir etwas dämlich vor, wie ich mich in Zeitlupe an die Tiere herantaste. Langsam kommt die Herde in Bewegung, und ich freue mich – das siebenstündige Seminar war wohl nicht umsonst.

Konzentration gefragt

Dass es längst zu regnen begonnen hat, bemerke ich erst, als ich schon klatschnass bin. Mein Augenmerk lag einzig und allein auf den Rindern. Immer wieder versuche ich mir die Inhalte aus dem Seminar ins Gedächtnis zu rufen: Aus welchem Winkel muss ich herantreten, um die Kuh in die gewünschte Richtung zu treiben? Wie reagiert sie bei bestimmtem Verhalten? In welchem Bereich beobachtet sie mich, wann ist ihr egal, wo ich mich befinde? Ich bemühe mich sehr und gehe im Zickzack auf die Kühe zu, doch häufig bleiben sie einfach stehen und schauen mich mit großen Augen an, als wollte sie sagen: „Schön, dass du da bist, aber ich habe jetzt keine Lust mich zu bewegen.“

Was mir währenddessen vollständig entgeht: Ich treibe nur ungefähr die halbe Herde, der Rest ist von meinem Auftreten wenig beeindruckt und frisst einfach weiter. Endlich eilt Wenz mir zur Hilfe und dirigiert auch die anderen Kühe 
in meine Richtung. Und 
nun kommt Schwung in die ganze Sache. Wir versuchen, die Herde kontrolliert in eine Richtung zu bewegen, was uns sogar gelingt, obwohl das wohl weniger an meinem besonderen Draht zu den Kühen, als an seiner Erfahrung im Treiben liegt.

Am Ende meiner kleinen Treiberunde bin ich fix und fertig – und nass. Als die anderen Teilnehmer nun auch am Zug sind, kann ich sie in Ruhe beobachten. Ein kleiner Trost für mich: Auch sie stellen sich nicht sehr geschickt an und sind auf Wenz‘ Hilfe angewiesen.

Ein wahrer Kuhflüsterer

Doch der Seminartag zum Low-Stress-Stockmanship war ein voller Erfolg: Die Theorie am Vormittag war breit gefächert, von Fleischqualität über Kälberneid bis hin zu ökonomischen Gesichtspunkten der Mutterkuhhaltung. Wenz hätte mit seinem Erfahrungsschatz wohl Hunderte Geschichten erzählen können, doch in der Praxis zeigte sich, dass er das Treiben wirklich beherrscht und mit Leidenschaft umsetzt. Ein echter „Kuhflüsterer“ eben.

Mehr zum Low-Stress-Stockmanship und Philipp Wenz unter www.stockmanship.de/

Die Kuhflüsterer von Steinensittenbach
N-Land Hersbrucker Zeitung
Hersbrucker Zeitung