1945 wird eine Maschine von eigenen Truppen abgeschossen

„Ich wusste, dass es zu Ende ging“

Eine JU-88-Besatzung beim Kartenspiel in der Einsatzpause. Die Aufnahme entstand im Sommer 1943. | Foto: Bundesarchiv2021/04/ju-88-scaled.jpg

FISCHBACH/DIEPERSDORF – Vor 76 Jahren kann sich die Besatzung eines deutschen Nachtjägers aus ihrer brennenden Maschine retten und mit dem Fallschirm abspringen. Wenige Wochen später stürzen der Pilot und sein Bordmechaniker mit ihrer JU 88 nach schwerem Beschuss in den Wald zwischen Lauf und Diepersdorf.

76 Jahre nach Kriegsende finden sich in der Region immer noch Überreste abgestürzter Flugzeuge aus dem 2. Weltkrieg. Bei der Recherche zweier Abstürze in der Nähe von Fischbach und bei Diepersdorf sind wir auf die Geschichte einer deutschen Flugzeugbesatzung gestoßen, die im März 1945 irrtümlich von einer deutschen Maschine am Himmel über Fischbach abgeschossen wurde. Die vier Männer überlebten den Absturz. Pilot und Bordmechaniker kamen fünf Wochen später, am 24. April 1945, bei einem Angriff auf einen amerikanischen Konvoi ums Leben, als ihre Junkers 88 vom Abwehrfeuer getroffen in den Wald zwischen Diepersdorf und Lauf stürzt. An Bord war damals ein dritter Mann, dessen Identität erst in jüngster Zeit geklärt werden konnte.

In den letzten Kriegswochen, als riesige Geschwader alliierter Bomber nach Deutschland einfliegen und Städte mit ihrer Bombenlast in Schutt und Asche legen, gibt es kaum noch Flugzeuge aus Göhrings Luftwaffe am Himmel. Die Angriffe der kleinen Gruppen deutscher Jäger auf die riesigen Bomberpulks, bestehend aus 500 und mehr Maschinen, sind lediglich Nadelstiche für die Alliierten. Trotzdem: Die deutschen Jäger, allen voran die Flugzeuge der Nachtjäger-Geschwader, sind bei Amerikanern und Engländern gefürchtet.

Pausenlos im Einsatz sind in den letzten Kriegsmonaten in der hiesigen Region die Mannschaften des Nachtjägergeschwaders 101, das in Unterschlauersbach bei Großhabersdorf stationiert war. Immer wieder werden die Männer alarmiert, wenn große Bomberverbände ihre Ziele anfliegen.

553 Bomber auf dem Weg nach Nürnberg und Würzburg

Am 16. März 1945 steigen zwischen 16 und 17 Uhr 553 Bomber vom Typ Lancaster und Mosquito von ihren südenglischen Basen auf. Ihre Ziele sind Würzburg und Nürnberg. 16 zweimotorige Mosquitos, die als Fernjäger und als Markierer und Aufklärer unterwegs sind, fliegen den schweren Bombern voraus. Auf dem Flugplatz in Unterschlauersbach schrillen um 21 Uhr die Alarmglocken. Feindliche Verbände im Anflug, erfahren die Mannschaften, die sich sofort zum Aufstieg fertig machen.

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Blick ins Cockpit eines deutschen Nachtjägers. Foto: Bundesarchiv

An diesem Abend sind nur wenige Maschinen einsatzbereit, weil es an Flugzeugbenzin und Ersatzteilen mangelt. In der 2. Gruppe des sechsten Geschwaders startet eine Ju-88 C6 mit einer vierköpfigen Besatzung: Herbert Ludwig (Pilot), Anton Dietrich (Funker), Erich Gränitz (Bordmechaniker) und Feldwebel Rottmann, der als Gast mitfliegen darf. Der Feldwebel bedient das Funkmessgerät an Bord.
Aufgabe der Maschine ist die Ortung des Bomberverbands und der Beschuss der Lancaster.

Was der Besatzung an jenem späten Abend des 16. März 1945 am Himmel über Fischbach widerfährt, hat der Nürnberger Friedrich Braun minutiös recherchiert. Er hatte nach dem Krieg die Gelegenheit, sich mit Anton Dietrich zu unterhalten, der nur durch einen Zufall nicht in der Maschine seines Piloten Herbert Ludwig saß, die fünf Wochen nach dem Einsatz über Fischbach zwischen Diepersdorf und Lauf so schwere Treffer erhielt, dass sie in einen Wald stürzte.

Braun gilt als einer der besten Kenner der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region während der letzten Monate des 2. Weltkriegs. Er recherchierte nicht nur an den hiesigen Schauplätzen und in deutschen Archiven, Braun hat auch in europäischen Archiven und in den USA Quellen studiert, hat nach dem Krieg mit Zeitzeugen in der Region gesprochen und mit Vertretern der amerikanischen und englischen Streitkräfte.

Einschläge über dem Reichswald

Die JU 88 von Herbert Ludwig, die sich am späten Abend des 16. März 1945 den anfliegenden feindlichen Bombern über dem Reichswald südöstlich von Nürnberg nähert, erhält auf einmal eine ganze Serie von Treffern, schräg von unten. „Schräge Musik“ hieß das in der Fliegersprache, abgefeuert von Bordgeschützen auf deutschen Jägern, die in einem 65-Grad-Winkel nach oben schossen. Braun hat recherchiert, dass der mit Ludwig, Dietrich, Gränitz und Rottmann bemannte Nachtjäger von einer deutschen Maschine abgeschossen wurde, deren Bordschütze sie offenbar für eine Mosquito hielt – zunächst einmal Pech für die vierköpfige Besatzung. Die Männer haben dann aber ausnahmslos Glück im Unglück.

Als das Heck der JU 88 abreißt und die Maschine aus 5000 Metern Höhe abstürzt, gelingt es allen vier Besatzungsmitgliedern herauszuspringen. Ludwig hat dabei offenbar die größten Probleme. Er schildert später in einem Brief an seine hochschwangere Frau, dass er sich erst in etwa 3000 Metern Höhe aus dem Cockpit befreien konnte. Mit Brandwunden im Gesicht landet er mit dem Fallschirm auf dem Reichsparteitagsgelände und schlägt dabei mit dem Kopf gegen eine Kipplore. Dass er sich aus dem auseinanderbrechenden Flugzeug retten kann, grenzt an ein Wunder.

Brief an die Frau

Mein Schiff brannte lichterloh“, schreibt er seiner Frau. „Dein Bubilein wurde in der Maschine hin- und hergeschleudert und kam nicht heraus. Dann war ich wenigstens mit dem Oberkörper aus dem zerschossenen Kabinendach heraus, hing aber hilflos in dem sich ständig drehenden und sich überschlagenden Flugzeug. Sah, wie sich der Erdboden rasend schnell näherte und wusste, dass es zu Ende ging. Ich arbeitete wie ein Wilder und plötzlich war ich frei, sauste durch die Luft, zog ruhig meinen Fallschirm … Es gab einen kleinen Ruck und ich war glücklich … Ich befand mich genau über dem Reichsparteitagsgelände.

Während Dietrich mit seinem Fallschirm auf einem Fischbacher Bauernhof landet, springt Gränitz direkt in eine deutsche Flakstellung im Reichswald. Wo Rottmann herunterkommt, kann Braun später nicht mehr rekonstruieren. Fünf Wochen nach dem Einsatz über Fischbach ist Ludwig mit seiner JU 88 wieder in der Luft. Gestartet ist die Maschine auf dem Fliegerhorst Unterschleißheim. Mit ihm in der Maschine sitzt Bordmechaniker Erich Gränitz. Und ein dritter Mann, der Funker, dessen Identität erst kürzlich geklärt werden konnte. Der Langenzenner Michael Becker recherchierte in Zusammenarbeit mit dem Finnen Matti Salonen, dass es sich um Unteroffizier Werner Bräuer handelt.

Der Nachtjäger greift am 24. April 1945 gegen 20.30 Uhr einen amerikanischen Verband auf der Autobahn bei Lauf an und gerät in wildes Abwehrfeuer aus hunderten von Maschinenwaffen. Beim dritten oder vierten Anflug auf die Amerikaner wird der Jäger getroffen, dreht ab und stürzt in den Wald in der Nähe des heutigen Waldgasthofs Letten. Alle Besatzungsmitglieder kommen dabei ums Leben. Die Absturzstelle ist noch heute sichtbar, bei Einheimischen ist sie immer noch als „Fliegerloch“ bekannt, ein etwa kreisförmiger Tümpel, der wegen des hohen Grundwasserspiegels in dem Waldgebiet immer mit Wasser gefüllt ist.

Das „Fliegerloch“ vergeblich leergepumpt

Michael Becker, der in der Region schon eine ganze Reihe von Flugzeugwracks aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckte und die Schicksale der Mannschaften recherchierte, hoffte, in dem Tümpel Überreste von Ludwigs Maschine zu finden. Vor Jahren hat Becker das „Fliegerloch“ deshalb einmal leer gepumpt und den Grund mit einer Metallsonde untersucht. Er fand nichts. Die Spezialisten unter den Altmaterialsammlern dürften bereits im Sommer 1945 als erstes die Einspritzpumpen ausgebaut und dann nach und nach alle brauchbaren Dinge wie Triebwerke und Elektromotoren abtransportiert haben.

Leutnant Herbert Ludwig wurde nur 25 Jahre alt. Sein Grab befindet sich auf der Kriegsgräberstätte in Treuchtlingen am Nagelberg. Ludwigs Bordmechaniker, Unteroffizier Erich Gränitz, wurde auf dem Friedhof in Lauf bestattet, wo die Inschrift auf seinem Grabstein nach 76 Jahren kaum mehr zu entziffern ist. Als sein Flieger abstürzte, war er 22 Jahre alt. Die Grabstätte von Werner Bräuer ist nicht bekannt.

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