„Ganz schrecklicher Vorschlag“

Abi ohne Prüfung? Durchgefallen!

Wird es dieses Jahr keine Prüfungssituation wie diese geben, um das Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife in Händen halten zu dürfen? Für Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist es durchaus vorstellbar. | Foto: Moritz Wussow/stock.adobe.com2021/04/Altdorf-Abi-Adobe-scaled.jpg

ALTDORF – Die GEW stößt mit ihrem Vorschlag, wegen der Pandemie keine Abiturprüfungen abzuhalten, auf wenig Gegenliebe. Für eine solche Entscheidung sei es längst zu spät, urteilt die Leiterin des Leibniz-Gymnasiums, Dr. Konstanze Seutter.

Natürlich ist im Schulbetrieb derzeit die Unsicherheit und bei manchen auch die Verzweiflung groß. Gerade in den Abschlussklassen im Gymnasialbereich sind derzeit gute Nerven gefragt – bei Schülern, Lehrern, Eltern, Bildungspolitikern und Verbänden. Über Ostern hat nun die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) einen unkonventionellen Vorschlag aus dem Hut gezaubert, der als Destillat dieser allgemeinen Verunsicherung gelten kann: Man fordert dort, die Abiturprüfungen in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie notfalls ausfallen zu lassen, sollte sich das Infektionsgeschehen so negativ entwickeln, wie manche Fachleute befürchten. Für das Reifezeugnis sollten dann nur die während des Schuljahrs erzielten Noten herangezogen werden.

Grundsätzlich“ halte man an den Abiturprüfungen fest, so die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. „Abschlussklassen haben in der Pandemie den Vorzug vor anderen Klassen erhalten und konnten früher in den Präsenzunterricht zurückkehren. Die große Anstrengung von Schulen und Lehrkräften muss sich auch lohnen. Viele Jahrgangsstufen sind zugunsten der Abschlussklassen im Fernunterricht geblieben. Diese Solidarität der Schülerinnen und Schüler darf nicht umsonst gewesen sein“, sagte die GEW-Vorsitzende. Doch sie schränkt in aller Deutlichkeit ein: „Sollte das Infektionsgeschehen so dramatisch ansteigen, wie die dritte Welle in anderen europäischen Nachbarstaaten befürchten lässt, müssen die Länder flexibel reagieren und von Prüfungen absehen.

Kritik von allen Seiten

Kritik an diesem Vorschlag kommt postwendend. Der Deutsche Lehrerverband winkt ab und verweist darauf, dass diese Überlegungen schon im letzten Jahr im Raum standen und von den Bundesländern nicht befolgt wurden, was sich im Nachhinein als richtig erwiesen habe. Viele Bundesländer hätten die Prüfungen ja schon etwas nach hinten verlegt, um Zeit zu gewinnen, und im vergangenen Jahr hätten sich die Tests unter ähnlichen Bedingungen „weitgehend problemlos“ durchführen lassen. Auch der Deutsche Philologenverband hält den GEW-Vorschlag für nicht sinnvoll, ebenso wie der Verband Bildung und Erziehung.

„Ganz schrecklicher Vorschlag“

Hinzu kommt, dass die Prüfungen in Rheinland-Pfalz bereits komplett abgeschlossen wurden, gibt Dr. Konstanze Seutter, die Leiterin des Altdorfer Leibniz-Gymnasiums zu bedenken. Und in vielen weiteren Bundesländern sollen die Tests in wenigen Wochen, ja Tagen, beginnen. In neun Bundesländern sollen sie noch im April starten. Außerdem würde zweifellos ein Vergleichbarkeitsproblem entstehen, würde man anderswo auf die Abi-Tests verzichten. Auch um das Image des Abschlusses fürchten viele, wenn es 2021 ein Corona-Sonder-Abitur geben würde. Einen ganz „schrecklichen Vorschlag“ nennt die Altdorfer Schulleiterin diese Anregung.


Sie bemängelt vor allem, dass man offensichtlich gar nicht an die betroffenen Schüler gedacht hat. Seit Monaten bereiteten die sich auf die Prüfungen vor und seien nach ihrer Einschätzung auf einem guten Weg. Sie hätten schließlich nur noch vier Wochen vor sich. „Ich bin mit ihnen in einem engen Austausch und habe den Eindruck, sie sind recht gelassen“, glaubt sie, so wie das im übrigen auch im letzten Jahr der Fall war. Jetzt die Abi-Prüfungen abzusagen, das sei, wie jemandem, der einen Marathonlauf absolviert, zu sagen, die letzten 400 Meter vor dem Ziel müsse er gar nicht mehr zu Ende bringen.

Weniger Klausuren, mehr Zeit zum Lernen

Man habe ja schon auf die Situation reagiert, sagt Seutter und bezieht sich auf bayerische Modifizierungen wie die Reduzierung der Klausurenzahl auf nur noch drei beziehungsweise auf die Verschiebung des Prüfungsstarts vom 30. April auf den 12. Mai. Sie erinnert sich auch daran, dass der letztjährige Abiturjahrgang „gottfroh“ war, dass alles weitgehend so lief wie all die Jahre zuvor. Anders werde natürlich in diesem Jahr wieder die Verabschiedung laufen, „aber auch da finden wir wieder einen Weg mit einem guten Hygiene-Konzept so wie im letzten Jahr“, ist sie sicher.
Nach dpa-Informationen aus Kultusministerkreisen werden die Ressortchefs am Donnerstag über die Lage beraten. Der Elternbeirat des Leibniz-Gymnasiums wollte sich zu dem Thema nicht äußern.

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