Bäder sind zu, an Baggerseen gibt es kein Aufsichtspersonal

20 Prozent mehr Badetote?

Männliche Schwimmer, die über 50 Jahre sind, überschätzen sich gern. Doch vor allem in wilden Gewässern sind nicht immer Rettungskräfte vor Ort, so wie hier. Foto: WavebreakmediaMicro/Adobe Stock2020/07/NL-Badeunfall-AdobeStock-scaled.jpg

NÜRNBERGER LAND – Zwölf Menschen sind heuer in Bayern schon beim Baden ertrunken und jede Woche werden es mehr, denn der Sommer kommt ja erst richtig in Fahrt, die Ferien stehen noch vor der Tür. 95 Personen waren es im vergangenen Jahr, die im Freistaat ihr Leben im Wasser lassen mussten.

Eine traurige Bilanz, doch Experten rechnen damit, dass es in diesem Sommer noch schlimmer wird. Alexander Gallitz, der Präsident des Deutschen Schwimmlehrer Verbands, stellt Hochrechnungen an, die nichts Gutes ahnen lassen. Er schätzt, dass ein Drittel mehr Deutsche ihren Urlaub im Heimatland verbringen werden, und zwar nicht nur in beaufsichtigten Schwimmbädern, sondern vor allem an Seen, am Meer, in Flüssen und Baggerteichen. Geschätzt rechnet man beim Deutschen Schwimmlehrer Verband mit zirka 20 Prozent mehr Badeunfällen und -toten. Dass an den Wildgewässern professionelle Aufsicht nicht überall möglich ist, ist offensichtlich. Und erst recht nicht dort, wo das Baden sowieso verboten ist. Das erhöht das Gefahrenpotenzial ganz entschieden.

Zwar haben viele Freibäder jetzt wieder auf, aber die Besucheranzahl wird in Corona-Zeiten streng kontrolliert und reduziert, die Hallenbäder bleiben nach wie vor zu. Die Folge: Vielen Schwimmern, die sich nicht hundertprozentig sicher im nassen Element bewegen, fehlen Übungseinheiten in den beaufsichtigten Bädern, die sie sicherer im Wasser werden lassen. Da man sich aber gern überschätzt, vor allem wenn man männlich und über 50 ist, wie Alexander Gallitz weiß, geht man trotzdem unbekümmert in die Fluten, manchmal dann mit verheerenden Folgen.

„Zum Glück“ ist der 20er Sommer bisher noch kein echter Hitze-Sommer, findet Gallitz und hofft, dass sich das nicht noch gravierend ändert. Denn die Leute gehen raus, wenn sie nach Erfrischung im kühlen Nass lechzen. Und wenn das Freibad voll ist, dann geht man eben an den nahen See oder Fluss, ob da Wasserwachtler nach dem Rechten sehen oder nicht. Gallitz weiß, dass zum Beispiel am nahen Happurger Stausee im unteren Teil Algen das Baden unmöglich machen, so dass die Wasserhungrigen in den oberen Teil abwandern, wo es erstens verboten ist, ins Wasser zu gehen, und zweitens natürlich auch keine Aufsicht von Wasserwacht oder DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) vor Ort ist. Das sei einfach zu gefährlich. Ähnlich sieht es am nahen Baggersee in Sengenthal bei Neumarkt aus, in dem schon viele Menschen zu Tode gekommen sind. Dort kommen unsichere Schwimmer in gefährliche Situationen, weil das Wasser ziemlich unvermittelt tief wird. Das sei typisch, berichtet Gallitz aus seiner jahrelangen Erfahrung im Wasser und am Beckenrand: Es sind keineswegs die Nichtschwimmer, die ertrinken. „Die sind vorsichtig, weil sie ihr Defizit einschätzen können“, so der Inhaber der Schwimmschule Flipper und ehemalige Wettkampfschwimmer. Zu den Opfern gehören viel häufiger Schwimmer, die sich eben nicht sicher genug im Wasser bewegen.

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Auch der Eindruck, dass vorwiegend Kinder ertrinken, ist falsch. Häufig sind es zwar Notfälle mit Kindern, aber oft riskieren Erwachsene bei der Rettung des Nachwuchses auch ihr eigenes Leben. „Nur“ 25 Kinder seien im vergangenen Jahr in Schwimmbädern ertrunken, der Rest der 95 Todesopfer waren Erwachsene im fortgeschrittenen Alter oder Jugendliche, die beim Feiern am Strand einen über den Durst getrunken haben.

Kampagne „Bayern schwimmt“

Was kann man tun, um der unheilvollen Entwicklung entgegenzuwirken? Die Wasserwacht hat die Kampagne „Bayern schwimmt“ ins Leben gerufen, bei der Grundschülern, die ja im vergangenen Winter Corona-bedingt keinerlei Schwimmunterricht erhalten konnten, das Brustschwimmern, Kraulen und Tauchen virtuell vermittelt werden soll. Gallitz hält nicht viel von solchen Trocken-Übungen, „Quatsch“ sei das, denn die Kinder könnten nur lernen, wenn sie sich ans Wasser gewöhnen, untertauchen ohne Angst zu bekommen, und das gehe eben nur im echten Nass.


Seine Schwimmschule, die Stiftung „Deutschland schwimmt“, der er vorsitzt und die er mit gegründet hat, und der Deutsche Schwimmlehrerverband haben ebenfalls eine Anleitung fürs Schwimmenlernen auf Youtube gestellt, die aber ganz ausdrücklich für die Eltern gedacht ist, die die Übungen dann mit ihren Kindern im Wasser umsetzen. Genaue Anweisung gibt es da, „Wie halte ich das Kind, wenn es die Schwimmbewegungen ausführt“, „Wie gewöhne ich es ans Wasser, nehme ihm die Angst vor dem Untertauchen. „Das ist freilich kein Schwimmkurs im eigentlichen Sinn“, so Gallitz, „aber besser als nichts“.

Abgesehen davon bleibt den Schwimmlehrern, dem Aufsichtspersonal und Rettungsdiensten, nur das zu wiederholen, was Gallitz schon seit Monaten predigt: „Seid wachsam, passt auf eure Kinder auf, passt auf euch und auch auf andere auf!“

Interview mit Alexander Gallitz im Podcast:

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