Schwimmlehrer fürchten mehr Badetote

Gefährliche Geheimtipps

Der Präsident des Deutschen Schwimmlehrer Verbands, Alexander Gallitz, mit einer Schwimmschülerin, die offensichtlich Spaß am Unterricht hat. | Foto: Privat2020/05/Ezelsdorf-Gallitz-Corona-scaled.jpg

EZELSDORF – Der Präsident des Deutschen Schwimmlehrer Verbands Alexander Gallitz befürchtet mehr Schwimmunfälle in der kommenden Saison. Bevor sich viele Menschen an abgelegene Seen aufmachen, fordert er die Öffnung der Bäder unter Beachtung eines Hygiene-Konzepts.

„Uns trifft es gleich doppelt“, sagt der Ezelsdorfer Alexander Gallitz, Präsident des Deutschen Schwimmlehrer Verbands, und meint damit die Auswirkungen der Corona-Krise auf Schwimmlehrer und -schüler. Zum einen geht es wie in vielen Branchen um die Existenz der Sportpädagogen, die nicht selten vom Unterrichten leben, und zum anderen um die in Frage stehende Wassersicherheit. Er weiß, wovon er spricht, schließlich ist er Inhaber der Schwimmschule Flipper, auch sein Bruder betreibt zwei Schwimmbäder im Landkreis Roth – alle derzeit wegen Corona komplett geschlossen.

Mehr noch als den betroffenen Schwimmlehrern gilt seine Sorge allerdings den Kindern und Erwachsenen, die nicht unter professioneller Anleitung und Aufsicht das Schwimmen lernen und üben können, obwohl die Badesaison unmittelbar bevorsteht. Denn dass die Schwimmbäder geschlossen sind und es möglicherweise noch eine ganze Weile bleiben, bedeutet ja nicht, dass Wasser- und Sonnenhungrige zu Hause bleiben. Das Gegenteil wird der Fall sein, befürchten er und auch Mitglieder der Wasserwacht und der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft).

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Wenn der Geheimtipp zur Falle wird

Es werden diejenigen, die nicht ins Freibad können, sich mit Kind und Kegel an den Bagger- und Badeseen, an Flüssen oder dem Meer abfrischen. Das Problem dabei: Nicht überall können Mitglieder der Wasserwacht vor Ort sein und im Notfall helfen. Es gibt nicht nur gut einsehbare Seen wie den Rothsee, der von den Rettern mit dem Fernglas ganzflächig gut im Blick behalten werden kann. „Sind die Strandbäder voll, dann geht die Bevölkerung auch dorthin zum Baden, wo es eigentlich verboten ist“, weiß Gallitz. Und dann werde es schnell gefährlich. Er denkt dabei an verwinkelte Seen in Oberbayern, die schlecht zu kontrollieren sind, wo auch keine Wasserwacht vor Ort ist, die zudem noch das Problem hat, dass sie ihre Leute wegen der Bestimmungen nicht mehr in Sechser-Gruppen unterbringen darf. Ein abgeschiedener Geheimtipp könne so schnell zur tödlichen Falle werden.

Für Schulkinder sieht Gallitz das Problem, dass die dritten Klassen, für die Schwimmen im Winterhalbjahr auf dem Lehrplan steht, damit sie ihr Jugendschwimmabzeichen Bronze ableisten können, keine Möglichkeit zum Üben haben. Denn vorgesehen ist von Seiten der Schwimmpädagogen, dass die Kinder das im Winter Gelernte im Sommer in den Schwimmbädern unter Aufsicht trainieren und vertiefen, um mehr Sicherheit im Wasser zu erhalten. „Aber das fällt weg“, klagt der ehemalige Wettkampfschwimmer.

Tot sind auch seine Schwimmkurse für Menschen mit Behinderung im Rahmen seiner Stiftung „Deutschland schwimmt“, für die er 2018 den Inklusionspreis des Bezirks Mittelfranken erhielt. Hier muss man davon ausgehen, dass es zum Beispiel für die geistig behinderten Kinder, die durch speziell geschulte Schwimmlehrer unterrichtet werden, einen großen Bruch in ihrer Entwicklung gibt und dass viel Erlerntes erst mühsam wieder erarbeitet werden muss.

„Wir werden mehr Badetote haben“

Besondere Sorgen machen ihm auch die Erwachsenen. Wer sich bisher unsicher fühlte, war dankbar, im Hallenbad üben zu können, jetzt aber fährt man ohne Training an den See, wo noch hinzu kommt, dass man Strömung, Wind, Temperaturverhältnisse oft nicht einkalkuliert. „Da kommt man schnell in Bedrängnis“, konstatiert der Präsident des Schwimmverbands, der mit beunruhigenden Zahlen aufwartet. Unter den knapp 500 Badetoten pro Saison in der Bundesrepublik sind nur etwa 20 Kinder, viele sind Erwachsene, die sich selbst überschätzen, zumeist Männer über 50. Und: „Wir werden definitiv mehr Badetote in diesem Jahr zu beklagen haben, wenn wir die Öffentlichkeit nicht permanent auf die neue Situation und die daraus resultierenden Probleme und Konsequenzen hinweisen“, befürchtet er. Aus diesem Grund bleibt er auch nicht untätig, sondern hat bereits vor einer Woche an den Bayerischen Innen- und Sportminister Joachim Herrmann geschrieben.

Ihm schildert er seine Sorgen als Vertreter der Schwimmlehrer-Kollegen und legt ihm ein durchdachtes und ausgefeiltes Hygiene-Konzept nahe, das sich auch in Schwimmbädern beim Unterricht mit Kindern umsetzen lässt, so dass diese zum Vorteil aller bald wieder geöffnet werden könnten. Neben Desinfektions-Maßnahmen und Abstandswahrung etwa beim Umkleiden wird auch das Tragen von Gesichtsschutz außerhalb des Schwimmbeckens vorgeschrieben. Obwohl davon auszugehen ist, dass das chlorhaltige Wasser keine Viren überträgt, darf dann der Schwimmlehrer nicht mehr mit ins Wasser, dafür aber die Eltern, die gemeinsam die Übungen mit den Kindern ausführen, die der Lehrer im Trockenen zeigt.

Ausgefuchstes Hygienesystem

Abstände, Duschvorgänge, das Tragen von Mundschutz außerhalb des Wassers – alles ist genau festgelegt. Also müsste der Minister nur noch sein Okay mit dem Ministerpräsidenten absprechen. Ob er das tut? Bisher hat Gallitz noch keine Antwort erhalten. Umso erfreulicher für ihn ist allerdings die zügige Auszahlung der Soforthilfe, die er vom Bayerischen Staat erhielt, bereits eine Woche nach der Beantragung. Die Fixkosten für seine Schwimmschule laufen ja weiter, auch wenn die Einnahmen einbrechen. „Die 5 000 Euro haben uns sehr gut getan“, lobt er den Bayerischen Sondertopf. Vom Bund hat er allerdings noch nichts gehört, auch dort hatte er um Unterstützung gebeten.

Was er tun wird, wenn sich die Politik in Sachen Bäderöffnung nicht bewegt? Zwar hofft er darauf, dass ebenso wie in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen eine baldige Lockerung abzusehen ist. Sollte die aber länger auf sich warten lassen, wird Alexander Gallitz nicht müde werden, wenigstens weiterhin an die Öffentlichkeit zu appellieren, beim Baden in Naturgewässern die gängigen Regeln einzuhalten, achtsam zu sein und auch immer ein Auge auf die anderen zu haben.

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