Wiederansiedlung der harmlosen Riesen

Von Schwaig in den Nationalpark: Rückkehr der Bartgeier

Jörg Beckmann, stellvertretender Direktor des Nürnberger Tiergartens, mit einem der rund fünf Kliogramm schweren Jungtiere. | Foto: Hansruedi Weyrich/LBV2021/06/Bartgeier-Jorg-Beckmann-Tiergarten-Nurnberg-mit-Bartgeier-Foto-Hansrued.jpg

SCHWAIG – Wenn Tiere Berufe hätten, wäre der Bartgeier die Müllabfuhr. Der große Vogel mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern ernährt sich hauptsächlich von Knochen. Doch weil man ihm nachsagte, Vieh und selbst kleine Kinder zu fressen, wurde er Anfang des 20. Jahrhunderts in den gesamten Alpen ausgerottet. Nun soll er in Deutschland wieder sesshaft werden – der Tiergarten Nürnberg greift dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) dabei unter die Arme.

Im Gut Mittelbüg in Schwaig, in der Quarantänestation des Tiergartens, wurden nun zwei junge Bartgeier von einer Nachzucht aus Südspanien auf ihre Auswilderung vorbereitet – gestern am frühen Morgen begann der Transport in den Nationalpark Berchtesgaden, wo die Tiere nun heimisch werden sollen.

„Ganz besonderer Tag“

Von einem „ganz, ganz besonderen Tag“ spricht Norbert Schäffer, der Vorsitzende des LBV. Über zehn Jahre sollen nun jährlich zwei bis drei Vögel in den deutschen Alpen ausgewildert werden.

Die beiden Jungvögel sind gut drei Monate alt und wiegen bereits rund fünf Kilo. Maximal erreichen Bartgeier ein Gewicht von sieben Kilo. Trotz der zunächst raschen körperlichen Entwicklung dauert es fünf bis sieben Jahre, bis die Tiere geschlechtsreif werden.

Die beiden Pioniere kommen aber als Paar nicht infrage, sie haben beide das gleiche Geschlecht. Heute werden sie vom bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber mit Namen versehen.

Mithilfe von GPS-Sendern kann man mitverfolgen, wo die Bartgeier in den kommenden Jahren unterwegs sein werden. / Foto: Hansruedi Weyrich/LBV2021/06/Sender-am-Bartgeier-Foto-Hansruedi-Weyrich-LBV.jpg

Auswilderungsprojekte gibt es bereits seit Jahrzehnten in anderen Alpenländern. „Wir hoffen, dass sich in ein paar Jahren in Bayern Brutpaare etablieren“, sagt die Schweizerin Franziska Lörcher von der „Vulture Conservation Foundation“ (VCF), der Stiftung zur Erhaltung der Geier, beim Pressetermin in Schwaig.

Erst am Samstag kamen die beiden jungen Bartgeier am Mittelbügweg an. Dort erhielten sie nun einen ganz speziellen Rucksack: mittels GPS soll man ständig nachvollziehen können, wo sich die Vögel befinden – über Jahre hinweg, dank Solarpanelen am GPS-Sender. Die Flugfähigkeit der Vögel soll das nicht beeinflussen, das Paket wiegt weniger als 100 Gramm.

Tiergarten hat seit Langem Bartgeier

Wieso aber verläuft der Weg von Andalusien nach Berchtesgaden über Schwaig? Der LBV kam auf den Tiergarten Nürnberg zu, weil dieser selbst Bartgeier hat, erklärt der stellvertretende Direktor Jörg Beckmann – eigentlich hätte auch ein Nürnberger Jungvogel am Auswilderungsprogramm teilnehmen sollen, doch gab es heuer keinen Nachwuchs.

Klar ist aber, dass der Tiergarten das auf zehn Jahre angelegte Projekt weiter begleiten wird, es werden auch künftig junge Bartgeier Station in Schwaig machen und schon kommendes Jahr könnte mindestens ein Nürnberger Exemplar nach Oberbayern umziehen.

Mahlzeit aus Knochen

Bartgeier können weite Strecken zurücklegen, Ausflüge von den Alpen bis zur Nordsee sind dokumentiert. Ihr natürlicher Lebensraum befindet sich aber im Gebirge. Die Tiere sind darauf angewiesen, dass sie genügend Aas finden, etwa von Gämsen.

Dank einer extrem starken Magensäure können sie sich größtenteils von Knochen ernähren. Sind diese zu groß, nehmen die Tiere sie in den Schnabel, fliegen damit hoch über einen Felsen und lassen den Knochen dann solange herunterfallen, bis er in kleinere Teile zerbricht. Im Spanischen heißen sie deshalb auch quebrantahuesos („Knochenbrecher“).

Entwarnung für Landwirte

Landwirte müssen sich jedenfalls keine Sorgen um ihr Vieh machen, betonen die Experten. Die einzigen Tiere, die Bartgeier im Mittelmeerraum bisweilen erbeuten, sind Schildkröten – die langsamen Reptilien haben aus Sicht der Aasfresser offenbar große Ähnlichkeit mit Knochen.

In den Pyrenäen kommen Bartgeier noch vor, außerdem gibt es Populationen in Asien und Nord- sowie Ostafrika. Der LBV will jetzt für ein „geschlossenes Verbreitungsgebiet“ sorgen, wie der Vorsitzende Schäffer sagt.


Fliegen können die beiden Jungvögel noch nicht. Sie wurden gestern bereits in Boxen nach Oberbayern transportiert und dann in einer Felsnische im Klausbachtal auf 1300 Metern ausgesetzt.

Per Livestream zuschauen

Um die jungen Bartgeier nicht an den Kontakt mit Menschen zu gewöhnen, werden sie mit Knochen versorgt, während sie schlafen. Mittels in der Nische angebrachten Kameras kann man die Tiere per Live­stream im Internet unter www.lbv.de rund um die Uhr beobachten und ihnen bei ihren ersten Flugversuchen zuschauen.

Die Jungvögel wissen instinktiv, wann sie genug Muskeln für ihren Jungfernflug aufgebaut haben. In drei bis vier Wochen könnte es so weit sein.

Bartgeier in den Alpen

Dank der erfolgreichen Auswilderungsprojekte in Österreich, der Schweiz oder Italien leben mittlerweile wieder ein paar hundert Bartgeier in den Alpen. Die Chancen stehen gut, dass sie auch in Deutschland wieder heimisch werden, sagt LBV-Vorsitzender Schäffer. Dafür hat der LBV auch eine Machbarkeitsstudie durchführen lassen.

Sollten die Tiere im Nationalpark bleiben, winkt ihnen ein langes Leben. Natürliche Feinde haben sie nicht, das Nahrungsangebot ist vorhanden. Sollten sie von Jägern außerhalb des Nationalparks geschossenes Wild fressen, droht ihnen allerdings eine Bleivergiftung.

Toni Wegscheider, LBV-Bartgeier­experte und Projektleiter, schwärmt von den größten Vögeln der Alpen, die „wie ein Kleinflugzeug“ über der Landschaft kreisen und dabei selbst Steinadler klein aussehen lassen.

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