Zwei neue Bücher im Hirtenmuseum

Alles über Ziegen

Einen Blick ins Leben der Ziege wirft Dr. Ulrike Albert mit ihrem reichlich bebilderten Buch „Bock auf Ziegen“. Noch tiefer ins Thema steigt Rainer G. Schöller mit „Geiß und Bock“ ein. | Foto: U. Scharrer2020/12/ziegen.jpg

HERSBRUCK – „Bock auf Ziege?“ – die gleichnamige Ausstellung im Hirtenmuseum liegt bereits zwei Jahre zurück. 2017 hat Dr. Ulrike Albert die Ausstellung kuriert, nun legt sie in der Schriftenreihe des Hirtenmuseums den 16. Band vor, dem kapriziösen Nutztier Ziege gewidmet. Zeitgleich erscheint ein umfangreiches Buch von Rainer G. Schöller mit dem Titel „Geiß und Bock“. Er schließt die Lücke einer zeit- und raumumfassenden historisch orientierten Abhandlung, denn eine solche existierte bisher nicht.

Die sieben Geißlein, der gehörnte Gott Pan, die alpenländischen Perchten: die Geiß hat einen Platz in unseren Märchen, im Brauchtum, in der Mythologie. Gleichzeitig ist sie als „Kuh des kleinen Mannes“ besonders in kargen Zeiten eine wertvolle Lieferantin für Milch, Wolle und Fleisch gewesen. Ulrike Albert, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Hirtenmuseum, hat nun über dieses intelligente und bewegungsfreudige Tier, das sich durchaus mit „seinem“ Menschen anfreundet, ein reich bebildertes Bändchen geschrieben. Darin stellt sie auf vergnügliche und gut lesbare Weise ein oft unterschätztes Lebewesen vor. Mit „Übrigens“ ist oft ein Kästchen mit einer Extraportion Wissen in den Text eingeschoben, auf „Kennen Sie den schon?“ folgt ein Witz mit der Ziege als Hauptperson.

Rätsel inklusive

Merle Albert hat die Redewendungen rund um die Geiß illustriert, die man anhand ihrer kolorierten Zeichnungen erraten darf. „Den Bock zum Gärtner machen“, den „Sündenbock“, „jemandem Hörner aufsetzen“, das alles ist in der deutschen Sprache tief verankert und wird hier auch erklärt.

Ulrike Albert liefert zu jedem Aspekt der Ziege gut aufbereitetes und wissenswertes Material. Die geschichtliche Entwicklung und Domestizierung der Ziegen, die Biologie, die Mythologie, in der Böcke die aggressive Stärke, ungebändigte Sexualität und Fruchtbarkeit verkörpern, die Hörner, die von den Mischwesen Faun oder Pan getragen oder gar mit dem Teufel in Verbindung gebracht werden. Oder das als Füll-Horn überbordenden Reichtum symbolisiert. Sogar die Körpersprache der Ziegen wird im Bildbändchen aufgeschlüsselt.

Sehr schön ist, wie Albert und ihre Ko-Autoren und Ratgeber auch regionale Aspekte der Ziegenhaltung heranziehen. Die fränkische Weinflasche, der Bocksbeutel findet ebenso Erwähnung wie die örtlichen „Geißkirchen“ im Landschaftsbild. Besonders amüsant: der aufgebrachte Protest einiger Hersbrucker Bürger beim Stadtrat gegen die Haltung eines Geißbocks im Waldlust-Gebiet im Jahr 1952. Den Anwohnern könne keinesfalls zugemutet werden, „Tag und Nacht den fürchterlichen Gestank eines Ziegenbockes einzuatmen“, heißt es im abgedruckten Schreiben.

Heimische Kunstwerke

Richtig rund wird der Band durch die Abbildungen der Kunstwerke, die in der Ausstellung 2017 zu sehen waren. Die spindeldürren Beine und der fassartige Leib der Ziege, ihre horizontalen Pupillen, die einen Rundblick erlauben, sind von den teilnehmenden Bildhauern und Malern wie Monika Ritter, Wilhelm Uhlig, Uli Olpp und Walter Bauer scharfsichtig erfasst worden. Cornelia Effner zeigt in ihrem monochromen Aquarell eine innige Mensch-Ziegen-Beziehung. Reiner Zitta, Tilman Oehler und Hubertus Hess betonen die mythologischen Aspekte.
So bündelt der Band „Bock auf Ziegen“ ganz allgemein Wissenswertes mit heimatlichen Besonderheiten und passt so sehr gut in die Schriftenreihe des Museums.

Noch mehr Infos

Noch tiefer in die Materie „Ziege“ eingearbeitet hat sich Rainer G. Schöller mit dem fast 200 Seiten umfassenden Buch „Geiß und Bock“.
Schöller, der den Gründer des Hirtenmuseums, Rudolf Wetzer, noch persönlich gekannt hat, verfasste bereits 1968 den Band „Der gemeine Hirte“. Nun vertiefte er sich anlässlich der genannten Ausstellung speziell in alle Aspekte rund um die Ziege, die er im Untertitel seines Buches als „problematisches Nutztier“ bezeichnet. Problematisch, weil sich die Ziege in der Landwirtschaft als Konkurrentin der Rinderhaltung darstellte und durch ihren Kahlfraß in Wäldern dort ungern gesehen wurde. Den „Landarmen oder gar Landlosen“ aber wurde die recht anspruchslose Geiß oftmals zur Rettung.

Die Wirtschaftlichkeit der Ziegen, die Bedeutung ihrer sehr bekömmlichen Milch in der Volksmedizin, ihre Haltung und Futtergewohnheiten, ihre Hut durch Hirten, die Abwägung, ob eine reine Stallhaltung ratsam ist, Volkslieder und ein Ausflug in die Mythologie sind in Rainer G. Schillers Band jeweils in ausführlicher und akribisch recherchierter Form zu finden.

Welche Haltung ist die beste?

Die Haltungsge- und Verbote in der Geschichte sind dem Autor ausführliche Erläuterungen wert. Lange Zeit wurde abgewogen, ob einem Bauern eine Ziege zugestanden werden sollte, besonders auch wegen ihres Nutzens als Milchspenderin für Kleinkinder. Oder ob die Haltung wegen der großen Schäden, die sie in Wald und auf Weiden anrichtete, verboten wurde. Der Haltung des für die Zucht notwendigen Bockes, der sich durch seine Ausdünstungen unbeliebt macht, ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Und auch die Notizen, wie Geiß und Bock Einzug in die deutsche Sprache gehalten haben, sind aufschlussreich. Gedichte und Illustrationen in schwarz-weiß runden das Werk ab.

Auf der Webseite des Deutschen Hirtenmuseums können die Bücher unter dem Reiter „Schriften“ direkt bestellt werden.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren