Infoabend zur Flüchtlingsdebatte

„Kein Mensch ist illegal“

Am Rednerpult Hermann Hagel von der Feuchter „Initiative für den Frieden“. Am Podium (v. l. ): Ulrike Grosche, Dr. Elisabeth Preuß, Stephan Sohr, Anke Zimmermann und Ruth Brenner. Foto: Spieß | Foto: Foto: Spieß2015/10/feucht_Fluechtongsveranstaltung.jpg

FEUCHT – „Keine Bühne für Rassismus – Flüchtlinge willkommen heißen“ – unter diesem Motto veranstaltete die Initiative „Feuchter für den Frieden“ einen Informationsabend in der Reichswaldhalle. Dazu hatte sie vier Referentinnen eingeladen. Moderiert wurde der Abend von Stephan Sohr, stellvertretender Chefredakteur der Nürnberger Zeitung. Und bewacht wurde er auch – vielleicht in etwas übertriebener Form.

Hermann Hagel von der Feuchter Initiative bedankte sich in seiner Begrüßung bei den Unterstützern, der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Feucht, der katholischen Pfarrei Herz-Jesu, dem Markt Feucht, CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen aus Feucht, dem Helferkreis für Flüchtlinge und Asylsuchende sowie dem Bezirksverband des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes BLLV und dem Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW.

Sitzen alle in einem Boot

Feuchts 2. Bürgermeisterin Katharina von Kleinsorgen zeigte sich erfreut über die zahlreichen Besucher, etwa 200 waren gekommen, darunter etliche Gemeinderäte. Sie appellierte an die Besucher, an die Mitmenschen zu denken und fasste es in das Bild „Wir sind alle in einem Boot.“

Hagel brachte es in seiner Einführung gleich auf den Punkt: „Ohne Hilfe von Ehrenamtlichen wäre alles nicht zu managen.“ Und weiter: „Wir sind verpflichtet, Flüchtlingen zu helfen, ihnen ein menschenwürdiges Leben in Sicherheit zu bieten … kein Mensch ist illegal oder weniger wert.“ Wichtige Problembereiche, die schnell umzusetzen seien, zitierte er aus einer Rede von Mitra Sharifi Neystanak, der Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte (AGABY): Mehr Lehrkräfte für Deutsch als Zweitsprache, stärkerer Zubau von Sozialwohnungen und die flächendeckende Einrichtung von Ausländerbeiräten.

Ansätze zur Bewältigung

Stephan Sohr stellte den Referaten seine kurze Einschätzung der Situation voran: Derzeit stehe nicht mehr das „Willkommen“ im Zentrum sondern die „Bewältigung der Lage“. Wie die Stadt Erlangen die Probleme angeht und versucht, sie zu lösen, erläuterte Dr. Elisabeth Preuss, Bürgermeisterin und Referentin für Soziales, Integration, Inklusion und demographischen Wandel.

Sie nannte, auch in ihrer zusätzlichen Funktion als Vertreterin der Allianz gegen Rechtsextremismus, die wichtigsten Ansätze, wie Kommunen z.B. im Kampf gegen Rassismus wirksam eingreifen können: Mitgliedschaft in demokratiefördernden Organisationen, Veranstaltungen von Aktionen, umfassende Information der Bevölkerung, verstärkte Betreuung von Schulen gegen Rassismus, dieses Thema zur Chefsache zu machen, intensive Netzwerkarbeit – etwa im interreligiösen Bereich – und Aufklärung in jeglicher Form.

Geduld und Zeit

Anke Zimmermann als Vertreterin des „Bayrischen Bündnisses für Toleranz – Demokratie und Menschenwürde schützen“ vom Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad hatte die Problematik „Rassismus bekämpfen – als moralische Verantwortung von Politik und Gesellschaft“ im Fokus.

Vor allem auch die Tatsache, dass Rassismus immer stärker auch aus der Mitte der Bevölkerung kommt und die Gewalt gegen Flüchtlinge zunimmt. Dieser Radikalisierung und Stimmungsmache stellte sie die Menschenwürde entgegen und die Forderung, das Schicksal jedes einzelnen Menschen ernst zu nehmen, um Toleranz und gegenseitigen Respekt herstellen zu können. Dafür müssen natürlich beide Seiten aufeinander zugehen und dazu bedürfe es Geduld und – Zeit. Und nicht Eilverfahren und Transitzonen. „Das sind keine Lösungen“, so Zimmermann.

Neonazis nicht nachgeben

Ruth Brenner, Sprecherin beim Fürther Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus, ging auf die Fragen ein „Welche Rolle spielen Neonazigruppierungen aktuell und wie geht man damit um?“ Ihr Rat, angesichts beinahe täglicher Übergriffe aus der rechtsradikalen Szene: Nicht nachgeben, die demokratische Öffentlichkeit mobilisieren und zusammenhalten. Entscheidend seien kontinuierliches und konsequentes Auftreten.Anschließend gab Ulrike Grosche vom Helferkreis für Flüchtlinge und Asylsuchende in Feucht einen Bericht zur aktuellen Situation.

„Es dauert zu lang“

Die Zahl der Helfer ist von 80 bei der Gründung im Februar dieses Jahres auf inzwischen 120 gestiegen. Sie betreuen 30 Personen in einer Privatunterkunft und 65 in einer Gemeinschaftsunterkunft, davon sind 20 Kinder und Jugendliche. Schwerpunktbereiche sind die Dolmetscher-Gruppe, Deutschunterricht, Beschäftigungs- und Freizeitangebote, Öffentlichkeitsarbeit, das Café International und die notwendige Finanz- und Versorgungsorganisation. Sie benannte deutlich die Hürden und Problemfelder mit denen sie kämpfen: „Die Verfahren dauern zu lang, denn erst danach seien staatliche Integrationskurse, Tafel-Ausgabe, Haftpflicht- und Krankenversicherung möglich.“

Auch bezüglich der Helfer gäbe es Klärungs- und Handlungsbedarf: Sie wisse z.B. nicht, ob der Versicherungsschutz gewährleistet ist, es gebe zu wenige Asyl-Sozialbetreuer – derzeit gerade mal vier im Landkreis –, es fehle an Deutschlehrern und psychosozialer Betreuung, die gerade für traumatisierte Flüchtlinge von großer Bedeutung sind. Ohne Spenden, vor allem auch finanzielle, und große ehrenamtliche Unterstützung, so Grosche abschließend, wäre keine Hilfe möglich.

Es gibt viel zu tun

Bei den Wortmeldungen im Anschluss an die Informationen standen mehrfach die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger im Vordergrund, dass fremdenfeindliche Parolen – gerade auch bei Jugendlichen – zunähmen. Und dass die Medien es versäumten, klar und deutlich mit Zahlen zu belegen, dass es sich bei den Flüchtlingen in Bezug zur Gesamtbevölkerung in Deutschland tatsächlich um eine geringe Zahl handelt.

Deutlich kam auch zum Ausdruck, dass gerade hinsichtlich verlässlicher Information großer Handlungsbedarf besteht. So kam aus dem Unterstützerkreis in Altdorf der Hinweis, dass niemand wisse, wann genau neue Flüchtlinge ankommen. Auch das Thema „Arbeit“ stand zur Debatte, Ulrike Grosche merkte dazu aber an, dass ein „schneller Job“ ohne Sprachkenntnisse kaum möglich und wenig sinnvoll sei. Gerade in diesem Problemfeld, das machten mehrere Äußerungen deutlich, sei das Zusammenwirken von Politik und Verwaltung noch keineswegs effizient.

Asylbewerber können helfen

Stephan Sohrs Frage „Was können Asylbewerber von sich aus tun?“ beantwortete Grosche: „Sie helfen in Feucht z.B. als Dolmetscher, leisten leichte Tätigkeiten in den Unterkünften gegen Bezahlung und engagieren sich im Ehrenamt.“

Einig waren sich die Beteiligten, dass eine bessere Vernetzung der Helferkreise, auch auf Landkreisebene, und mehr Erfahrungsaustausch dabei helfen würden, den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Und darum geht es ja in erster Linie.

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