Benedikt Bisping nach seinem letzten Tag als Laufer Bürgermeister

„Ein Bürgermeister muss vorausgehen“

In einer solchen Runde fühlte sich Benedikt Bisping (rechts in der Mitte) besonders wohl, schließlich hatte er sich die Entwicklung Laufs zur kinderfreundlichsten Stadt auf die Fahnen geschrieben. Das Foto entstand bei einer Baumpflanzung an der Kita in Neunhof. | Foto: Stadt Lauf/ Müller2020/04/Bisping-Baumpflanzung_Kita_Neunhof_2017.jpg

LAUF – Zwölf Jahre hat Benedikt Bisping als Grünen-Bürgermeister die Politik in Lauf geprägt. So überraschend er 2008 ins Amt gekommen war, so überraschend unterlag der 52-Jährige bei der Kommunalwahl im März knapp seinem Herausforderer Thomas Lang von den Freien Wählern mit 48 zu 52 Prozent.

Im Interview mit der Pegnitz-Zeitung schaut Bisping, jetzt „Bürgermeister a. D.“, „mit großer Dankbarkeit und ohne Bitterkeit“ zurück auf „zwölf wunderbare Jahre“. „Ich hatte das Glück, einen der besten Zeitabschnitte der Laufer Stadt­entwicklung mitprägen zu können“, sagte Bisping noch am Wahlabend, als er Lang zum Sieg gratulierte und ihm die Zusammenarbeit anbot. Als Stadtrat und als Kreisrat bleibt Bisping der Kommunalpolitik erhalten, konkrete Pläne für seinen weiteren beruflichen Weg hat er keine, wie er versichert. „Ich träume schon in Farbe über neue Projekte“, wie sich der scheidende Laufer Bürgermeister in seiner oft blumigen Sprache ausdrückt.

Herr Bisping, Sie müssen sich in der Coronakrise als Bürgermeister und Rathausmanager verabschieden. Wie fühlt sich das an?
Das bedeutete in den letzten Wochen vor allem noch mehr Arbeit, ich laufe ja der Verantwortung nicht davon. Seit dem 13. März liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit auf der Corona-Thematik. Von frühmorgens bis spätabends, sieben Tage die Woche. Der Wahlkampf vor der Stichwahl geriet deshalb völlig in den Hintergrund. Und selbstverständlich ist das ein wichtiges Thema der Über­gabegespräche mit Thomas Lang.

Zwölf Jahre als Bürgermeister von Lauf, wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?
Außerordentlich positiv. Es ist in dieser Zeit sogar noch viel mehr möglich geworden, als ich mir anfangs vorstellen konnte. Und dabei bin ich schon mit einem ambitionierten Plan angetreten. Ich bin vor allem sehr dankbar dafür, was ich in zwölf guten Jahren für die Stadt gestalten durfte und konnte. Und dies umso mehr angesichts der Aufgaben und Veränderungen, die künftig anstehen. Das waren zwölf besondere Jahre in der Laufer Stadtgeschichte.

Start mit der Krise im Rücken

Lauf steht aktuell hervorragend da. Finanziell, kulturell und in Sachen Infrastruktur. War die Politik der letzten Jahre ein Selbstläufer, nachdem Lauf auch zuvor schon nicht gerade zu den armen Kommunen gehörte?
Nein, das Ergebnis, das zusammen mit dem Stadtrat erzielt wurde, war gar kein Selbstläufer. Zumal ich 2008 mit der Finanzkrise im Rücken gestartet bin. Dann haben wir angepackt und schon 2010 stand wieder ein Überschuss im Haushalt.

Gab es damals einen Plan?
Ja. Ich bin vom ersten Tag an mit dem „Laufer Zukunftsprogramm“ ins Amt gestartet. Einen Plan zu haben ist ganz wichtig, damit man eine Orientierung hat und ein Ziel, das man erreichen will. Ich liebe es, aus Utopien Projekte zu entwickeln, einen Weg zu suchen und diesen mit Ausdauer und Beharrlichkeit zu gehen, bis man erfolgreich im Ziel ankommt. Dabei gehören zur Umsetzung natürlich auch die realistische Einschätzung des Erfolgs und die finanziellen Mittel. Diese aufzutreiben und parteiübergreifend breite Mehrheiten zu gewinnen, waren tägliche Herausforderungen, denen ich mich immer gerne gestellt habe.

Der Traum von einer kinderfreundlichen Stadt

Was waren beispielsweise so ein Plan, der Weg dahin und seine Umsetzung?
Mein Anspruch, Lauf zu einer der kinderfreundlichsten Städte zu machen. Als eine Art Generationenvertrag auf kommunaler Ebene sozusagen. Dass daraus auch ein ganz wesentlicher Faktor in Sachen Wirtschaftsförderung werden würde, war mir damals gar nicht so klar. Aber tatsächlich hat Thomas Sabo beim Bau seiner neuen Zentrale in Lauf die Kinderbetreuungsmöglichkeiten für seine Mitarbeiter als mit entscheidend betrachtet. Und wir als Stadt haben geliefert. Und dabei nicht nur die Zahl der Kita-Plätze erhöht – vor zwölf Jahren besuchten etwa zwölf Prozent der Kinder eine Krippe, heute sind es bald 50 Pro­­zent –, sondern auch die Qualität mit einem höheren Betreuungsschlüssel oder vielen Ganztagesplätzen in den Schulen wesentlich verbessert.

Sie sagen von sich ja selbst, dass Sie Laufer Bürgermeister mit Leidenschaft waren. Gibt es neben dem kinderfreundlichen Lauf noch weitere Herzensangelegenheiten des Politikers Benedikt Bisping?
Viele. Zwei möchte ich besonders hervorheben. Erstens: Die Stadt Lauf sollte ob ihres Kulturangebotes eine viel größere Rolle auf nationaler und sogar europäischer Ebene spielen als bisher und sie sollte eine größere touristische Bedeutung erlangen. Mit dem Herzstück der jetzt wieder für
die Bevölkerung offenen Kaiser­burg …

… die ja noch gar nicht ganz offen ist und deren Vollendung als Bildungsort von europäischem Rang ja auf sich warten lässt …
Das ist nicht richtig so. Ja, es fehlt noch die Errichtung der „Wenzelakademie“ gemeinsam mit Tschechien, das Konzept liegt aktuell in München auf dem Tisch. Aber natürlich ist die Burg wieder offen für die Laufer, dies war ja ein ganz großer Wunsch und dafür erntete ich bei der Wiedereröffnung auch große Dankbarkeit. Und es finden Veranstaltungen im Wenzelschloss statt, und es ist Besuchermagnet und Teil der Deutschen Burgenstraße, und im Wappensaal finden Trauungen statt und es gibt regelmäßige Führungen. Von der Teilnahme an der Bayerischen Landesausstellung ganz zu schweigen. Definitiv ist der Wert Laufs international gestiegen. Aber zurück noch zu einer weiteren Herzensangelegenheit: der nachhaltigen Stadtentwicklung. Darunter fallen ganz viele soziale, ökonomische und ökologische Projekte, die einzeln aufzuzählen den Rahmen einer solchen Bilanz sprengen würden. Ich nenne nur die fahrradfreundliche Kommune, mit neuen Radwegen, das Laufer Klimaschutzprogramm, die Fairtrade-Town und die Città del Bio und eine Gewerbeentwicklung mit Augenmaß und Verstand. Wie das Beispiel Emuge zeigt. Oder auch die bis heute für mich richtige Entscheidung, das Gewerbegebiet Lauf Süd entgegen anderer Pläne nicht noch weiter Richtung Letten zu erweitern.

Getriebener oder Akteur?

Auch das Gebäude der Musikschule entstand während Ihrer Amtszeit. Ein zusammen mit dem neuen Kunigundenkindergarten architektonisch gelungenes Projekt. Aber waren Sie da nicht mehr ein Getriebener als Akteur? Forderungen nach einem Haus für die Musikschüler kamen ja aus dem Rat.
Nein, das sehe ich gar nicht so. Die Idee mit dem neuen Haus gab es längst, allerdings fehlte dann zunächst das Geld in der Finanzkrise. Als es wieder besser wurde, haben wir das Projekt sofort verwirklicht. Ich war und bin überzeugt vom richtigen Vorgehen und fühle mich hier nicht getrieben.

Was wurde nicht zu Ende gebracht? Was ging nicht schnell genug? Was hätten Sie gerne noch abgeschlossen?
Ich hätte gerne die Wasserkraft der Pegnitz noch stärker genutzt und mit einer Wasserschnecke an einem vorhandenen Wehr Strom erzeugt. Auch einen Zugang der Menschen direkt zum Fluss hätte ich mir längst gewünscht. Dann wäre es schön gewesen, den sozialen Wohnungsbau weiter voranzubringen und ganz besonders hätte ich mir die Elektrifizierung der rechten Bahnstrecke gewünscht. Aber da bleibe ich aktiv dran. Jetzt in neuer Rolle.

Pläne für die Zukunft

Was hätten Sie gern in den nächsten sechs Jahren noch angepackt?
Die Akademie in der Kaiserburg natürlich, dann die weitere Dorf- und Stadtentwicklung, den sozialen Wohnungsbau und schließlich die weitere Verbesserung von Rad-, Fuß- und Bahnverbindungen in und nach Lauf sowie ein Gesundheitskonzept für die Stadt. Aber ich bleibe Lauf und dem Landkreis erhalten, so dass ich die eine oder andere Idee noch mit vorantreiben kann.

Welche Erlebnisse und Ereignisse bleiben Ihnen vor allem persönlich in Erinnerung?
Dass wir dreimal Gastgeber der BR-Radltour sein durften und Lauf große Feste mit den Sportlern und Musikern feierte. Und die Wiedereröffnung der Kaiserburg. Hier erlebte ich ganz persönliche Dankbarkeit von Bürgern, die endlich wieder durch „ihr Wenzelschloss“ gehen konnten. Das hat mich sehr berührt.

Glückliche Eltern und glückliche Kinder

Begegnung gibt es für den Bürgermeister einer kleinen Stadt wie Lauf viele. Welche fallen Ihnen spontan ein?
Glückliche Eltern, die ihre Kinder in eine neu eröffnete Kindertagestätte bringen konnten, oder die Begegnung mit Joachim Gauck bei den Literaturtagen, bevor er schließlich zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Besonders gerne erinnere ich mich auch an Begegnungen mit Bürgermeistern und Bürgern der neuen Partnerstädte. Wie die Kontakte nach Tirschenreuth oder Loket.

Und auf was hätten Sie in den zwölf Jahren gerne verzichtet?
(denkt lange nach) Da fällt mir tatsächlich auf Anhieb nichts ein. Alles war wichtig, auch Kritik und schwere Momente. Ich denke ja grundsätzlich positiv. Außerdem: Das Bürgermeisteramt ist wohl Haifischbecken und schönster Beruf zugleich.

Coronakrise und Stichwahl

Apropos Haifischbecken: Woran, glauben Sie, ist Ihre Wiederwahl gescheitert? Sie wurden ja abgewählt, während die Grünen zulegen konnten.
Naja. Der Unterschied zum Wahlsieger Lang war nicht so groß. Aber tatsächlich habe ich das gar noch nicht gut analysieren können. Einfluss hatte bestimmt die größere Wahlbeteiligung bei der ungewöhnlichen Brief-Stichwahl. Ich habe ja nicht weniger Stimmen als beim letzten Mal erhalten. Dann hat sich die Coronakrise selbst auf die Wahl ausgewirkt und bestimmt war es so, dass der große Gewinn der Grünen die anderen Parteien zusammengeschweißt hat. Dieses „Alle-gegen-Bisping“ war ja auch gar nicht mehr so neu. Das gab es schon vor sechs Jahren, andererseits gab es ein großes Bündnis in der Bürgerschaft.

Wie empfinden Sie Ihre Niederlage?
Ich nehme sie jedenfalls nicht persönlich. Natürlich hätte ich mir einen anderen Ausgang gewünscht und gerne weitergemacht.

Eigenschaften eines Bürgermeisters

Kein Ratschlag an Ihren Nachfolger, aber was macht für Sie einen Rathauschef aus?
Ein Bürgermeister muss vorausgehen, vorausdenken und er sollte Visionen haben. Dann muss er Parteipolitik hintanstellen und gemeinsam Lösungen suchen. Ganz wichtig, das habe ich durch mein Vorstandsamt im Städtetag erfahren, sind auch Netzwerke. Dadurch kann man viel für seine Stadt erreichen. Selbstverständlich muss man sich den Menschen widmen. Dabei reicht es aber nicht, das Ohr am Bürger zu haben, man muss mit Entschlossenheit und Persönlichkeit auch vorausgehen. Ich habe tatsächlich einen Bürgermeisterblick entwickelt. Überall und immer, ob im Urlaub weit weg oder in einer Nachbarstadt, habe ich geschaut und überlegt, ob das auch für Lauf gut sein könnte.

Sie sind 24 Jahre in der Kommunalpolitik. Ist der Ton rauer geworden?
Nein, das kann ich gar nicht feststellen. Aber die Erwartungen der Bürger sind gestiegen.

Erst einmal nicht nach Sizilien

Und jetzt? Freizeit, Urlaub. Endlich mehr Zeit für sich und Ihre Frau Lydia?
Ja, darauf freue ich mich tatsächlich. Leider, und das ist bedauerlich, kann ich jetzt nicht ein paar Wochen mit dem Zug durch Europa und nach Sizilien reisen. Da muss ich mich wohl in Geduld üben.

Und beruflich? Wie geht es weiter? Sie bereiten sich auf ein Bundestagsmandat vor, heißt es gerüchteweise.
Alles Quatsch. Ich habe keine Ambitionen auf Landes- oder Bundesebene. Aber ich freue mich auf viele neue Projekte, konkrete Pläne gibt es keine. Sicher ist eines: In ein Loch falle ich nicht. Ich habe weiter viel Energie und Leidenschaft.

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