Interview mit Kristine Lütke

Das Ende der großen Freiheiten

Kristine Lütke, die Geschäftsführerin des Seniorenheims „bei St. Otto“ in Lauf, gehört dem neu geschaffenen Expertengremium des Freistaats zur Pandemiebekämpfung in der Langzeitpflege an.
Kristine Lütke, die Geschäftsführerin des Seniorenheims „bei St. Otto“ in Lauf, gehört dem neu geschaffenen Expertengremium des Freistaats zur Pandemiebekämpfung in der Langzeitpflege an. | Foto: Krieger2020/05/Kristine-Lutke-FPD-800x500.jpg

NÜRNBERGER LAND – Pünktlich zum Muttertag hat die Staatsregierung das Besuchsverbot in Seniorenheimen und Kliniken gelockert. Im PZ-Interview spricht Kristine Lütke über das gelockerte Besuchsverbot in Altenheimen und warum es nicht mehr so sein wird wie früher.

In den Einrichungen galten besonders strikte Regelungen, um Senioren und Patienten vor einer Infektion mit Covid-19 zu schützen. Trotzdem blieben auch einige Heime im Landkreis nicht von Corona-Erkrankungen und Todesfällen verschont. Wie geht es weiter, welche Lehren bleiben? Dazu hat die Pegnitz-Zeitung mit Kristine Lütke gesprochen. Die Geschäftsführerin des Seniorenheimes „bei St. Otto“ in Lauf wurde vor wenigen Tagen in das neu gegründete Expertengremium des Bayerischen Gesundheitsministeriums zur Pandemiebekämpfung in der Langzeitpflege berufen.

Frau Lütke, Sie hatten sich bereits vor zwei Wochen für die Lockerung des Besuchsverbotes in Heimen ausgesprochen. Sind Sie zufrieden mit der Entscheidung?

Grundsätzlich ja, natürlich, wir freuen uns riesig, dass unsere Seniorinnen und Senioren wieder Besuch bekommen können. Viele haben unter der Situation wirklich gelitten. Allerdings kam die Ankündigung des Ministerpräsidenten am Dienstag schon einigermaßen überraschend. Es wurde zwar geraunt, dass etwas passiert, aber letztlich waren wir nicht viel eher informiert als die Öffentlichkeit. Da hätte ich mir schon ein anderes Vorgehen und vor allem mehr Zeit gewünscht. Innerhalb von drei Tagen nun die Öffnung vorzubereiten, ist ein Riesenstress für die Einrichtungen. Die Abläufe müssen ja erst eingeübt werden, die Mitarbeiter müssen eingewiesen werden. Da hängt eine Menge dran.

Wie setzen Sie die Öffnung konkret um?

Vorerst planen wir das Muttertagswochenende, das Wetter wird hoffentlich halten, wir wollen in unserem Innenhof drei Besucherinseln schaffen, an denen sich Angehörige und Bewohner im Halbstundentakt treffen und sprechen können. Die Besucher müssen sich anmelden und registrieren, damit wir im Falle des Falles die Infektionskette nachvollziehen können. Außerdem gibt es natürlich strenge Hygienevorgaben und Abstandsregeln. Schutzkleidung, sprich Masken, sind erforderlich.

Und danach?

Tägliche Besuche werden wir wohl leider nicht ermöglichen können. Wir haben Bewohner mit Demenz, die viel laufen müssen, ich sehe noch nicht, wie wir da die Abstandsvorgaben einhalten können. Es ist auch schwierig, bei diesen Bewohnern das Tragen des Mundschutzes zu kontrollieren. Auch Spaziergänge ohne Aufsicht von Heimpersonal werden kaum möglich sein. Wir müssen die Öffnungszeiten also gut planen. Wie, daran arbeiten wir gerade. Leider kamen die Anweisungen des Ministeriums zur Ausgestaltung denkbar spät, nämlich erst Donnerstagmittag. Es geht ja auch um Besuche von Physiotherapeuten, Friseuren oder Fußpflegerinnen. All das lag ja jetzt wochenlang brach. Und unsere Damen lechzen natürlich nach einem Friseurtermin …

„Wir hatten 14 erkrankte Senioren“


Wie betroffen war das Seniorenzentrum St. Otto bisher von der Corona-Pandemie?

Uns hat Corona leider sehr früh erreicht, Ende März, als sich das Virus noch ungehindert verbreitet hat. Wir hatten 14 erkrankte Senioren, von denen haben die Infektion neun gut und fast symptomfrei überstanden, fünf sind daran beziehungsweise damit gestorben. Auch drei meiner Mitarbeiterinnen waren infiziert. Sie hatten aber keine Symptome. Wir haben von ihrer Erkrankung erst erfahren, als das gesamte Heim in Absprache mit dem Gesundheitsamt getestet wurde. Die Erkrankungen kamen überraschend, zwei Krankenhausrückkehrer brachten das Virus unerkannt mit, aber wir haben daraus schnell Konsequenzen gezogen. Noch vor der offiziellen Verfügung haben wir die Einrichtung für Besucher geschlossen und die Abteilungen separiert. Es gab keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, keine Gemeinschaftsangebote. So haben wir die Lage dann schnell gut in den Griff bekommen. Mittlerweile sind wir wieder „coronafrei“.

Viele Heime haben in den ersten Wochen über mangelnde Schutzausrüstung geklagt. Wie lief es bei Ihnen?

Wir hatten noch Reserven, die gingen dann aber schnell zu Ende. Nachdem wir die ersten Corona-Fälle hatten und mit dem Gesundheitsamt und dem Krisenstab in engem Austausch waren, hat die Versorgung dann just in time funktioniert. Ich bin dem Landkreis sehr dankbar, dass er dafür ordentlich Geld in die Hand genommen und auf eigene Kosten Schutzmaterial besorgt hat. Generell hat die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt hier in Lauf sehr gut funktioniert.

Es gibt viele offene Fragen


Sie sind in eine Expertenkommission des Gesundheitsministeriums zur Pandemiebekämpfung in der Pflege berufen worden, als eine von zwei Heimleiterinnen in Bayern. Welche Ziele hat das Gremium?

Die meisten Experten gehen ja davon aus, dass wir mit Corona über Jahre hinweg leben müssen. Das hat große Auswirkungen auf die stationäre Pflege. Bislang waren die meisten bayerischen Heime eine Art Biotop. Angehörige konnten zwischen 6 Uhr morgens und 22 Uhr kommen und gehen, wann sie wollten, auch bei uns. Das ließ beiden Seiten, Bewohnern wie Besuchern, große Freiheiten, was auch so gewünscht war. Das wird so aber nicht mehr gehen. Wir werden zu jeder Zeit nachvollziehen können müssen, wer hatte wann zu wem Kontakt. Aktuell gehen die Infektionszahlen zwar zurück, aber in den Heimen noch nicht. Außerdem gibt es viele weitere Fragen zu klären, zum Beispiel ethische Fragestellungen rund um den Einsatz von freiheitsentziehenden Maßnahmen als Infektionsschutzmaßnahme und natürlich das Thema Quarantäne. Wenn ich jeden Krankenhausrückkehrer 14 Tage lang isolieren muss, kann ich mein Heim nicht mehr voll belegen und brauche deutlich mehr Personal. Das bekomme ich aber nicht langfristig vergütet. Außerdem warten viele Menschen auf Heimplätze. Am Ende haben wir halb leere Heime und Wartelisten. Es also vieles ungeklärt. Man wird in diesem Gremium intensiv und klar über alles reden müssen, vor allem auch übers Geld. Denn irgendwer muss am Ende alles bezahlen.

Welche Lehren haben Sie aus den vergangenen Wochen gezogen?

Wachsam bleiben, dem Bauchgefühl und der eigenen Intuition folgen. In den ersten Wochen war niemand richtig auf die Pandemie vorbereitet, die Ämter nicht, die Krankenhäuser nicht, die Heime nicht. Daraus ergaben sich auch viele Kommunikationsprobleme. Die, denke ich, hat man jetzt im Griff. Für die nächste Welle sind wir sicher besser gerüstet. Als Heimbetreiberin wünsche ich mir noch klarere Strukturen, weniger Ansprechpartner und vor allem einen offenen Dialog über den Stellenwert der Pflege in den nächsten Jahren.

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