Brief der Ärzte

Zu viel Bürokratie und fehlende Schutzausrüstung

Wer stellt den Arztpraxen in der Corona-Krise die Schutzausrüstung zur Verfügung? | Foto: ty - stock.adobe.com2020/04/AdobeStock-333867032.jpeg

NÜRNBERGER LAND – Zwei Hausärzte aus dem Landkreis haben einen offenen Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder geschickt. Sie sprechen darin von einem „Bürokratie-Overkill“ und fordern: „Bitte sorgen Sie dafür, dass wir endlich ungestört von Theoretikern und Datensammlern unseren Dienst am Menschen verrichten können!“

Dr. Sven Heidenreich ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Altdorf. Sein Kollege Dr. Bastian Jedlitschka ist ebenfalls Allgemeinmediziner und betreibt zusammen mit Kollegen eine Praxis in Neunkirchen am Sand. Beide haben den offenen Brief an Ministerpräsident Söder unterzeichnet.

Flut an Regelungen

In dem Schreiben schildern die Ärzte ihren Alltag in Corona-Zeiten. Tagtäglich würden sie in ihren Praxen von Regeländerungen überflutet. Als Beispiele nennen sie unter anderem neue Abrechnungsziffern für Covid-19-Verdachtsfälle, die Aufhebung bestehender Abrechnungsziffer-Kombinationen, die Änderung von Diagnose-Codes, seitenlange Regelwerke und dergleichen mehr.

All das würde ihnen „täglich eine halbe bis ganze Stunde Praxisbetrieb kosten“, schreiben sie. Doch damit nicht genug: „Spätestens eine Woche später haben sich die Regeln dann wieder komplett geändert. Und meist sind die Änderungen für Wochen rückwirkend anzuwenden.“ Ihr Fazit: „Wir können so nicht mehr arbeiten.“

Versorgungsarzt Dr. Martin Seitz, der während der Corona-Krise nun die ambulante ärztliche Versorgung im Landkreis koordiniert, kann den Unmut der beiden Mediziner gut verstehen. Dennoch: „Wir müssen die Behandlung der Patienten dieser Krise angepasst umstellen. Um dafür auch eine Entlohnung zu bekommen, müssen neue Gebührenziffern und Diagnoseverschlüsselungen vorübergehend eingeführt werden. Das ist unserem komplizierten Abrechnungswesen mit den Krankenkassen geschuldet“, sagt er.

Patienten weggenommen?

Neben dem Berg an Bürokratie beklagen die Allgemeinmediziner aber noch einen weiteren Punkt: „Gleichzeitig nimmt man uns Hausärzten unsere Pflegeheime und die dort seit Jahren durch uns versorgten Patienten. Diese sollen nun pro Einrichtung von einem Arzt besucht werden – der diese nicht kennt, was bekanntermaßen zu höheren Einweisungszahlen führt.“

„Keinem Arzt wird die Behandlung seiner Heimpatienten ‚weggenommen’“, erklärt Dr. Seitz. Er verweist darauf, dass gerade Senioren besonders gefährdet seien und es deshalb ein allgemeines Besuchsverbot für Altenheime in Bayern gebe. Das habe auch Auswirkungen auf die ärztliche Versorgung, so Seitz. Ärzte dürften demnach ihre Patienten im Heim nach wie vor weiter betreuen, allerdings nur telefonisch. Das Fachpersonal in den Heimen könne dann die Anweisungen der Mediziner umsetzen.

Nur in Notfällen dürften derzeit Arztbesuche in einem Heim durchgeführt werden. „Dafür wurde für jedes Heim ein Arzt, in den meisten Fällen nach Rücksprache mit der jeweiligen Heimleitung, ausgesucht. Dieser Arzt soll dann möglichst alle notwendigen Besuche eines Tages in diesem Heim bündeln“. Sinn und Zweck der Maßnahme: Nur ein Arzt müsse das Heim betreten. „Damit reduzieren wir wiederum das Infektionsrisiko“, erklärt Versorgungsarzt Dr. Seitz das Prozedere.

Doch es gibt noch mehr, was Dr. Heidenreich sauer aufstößt. Die E-Mail zum Beispiel, die er kürzlich von der Führungsgruppe Katastrophenschutz erhalten hat. Darin heißt es bezüglich der Beschaffung von Schutzausrüstung, dass sämtliche Einrichtungen, also auch Arztpraxen, zunächst einmal selbst „alle zumutbaren Anstrengungen“ unternehmen müssten, um ihren Bedarf zu decken. Die Beschaffung durch das Landratsamt Nürnberger Land als untere Katastrophenschutzbehörde erfolge nur, „um absolute Notstände an Desinfektionsmitteln und persönlicher Schutzausrüstung auszugleichen“.

Rechnung zum Schluss

Der Knackpunkt daran: Die Ärzte bekommen, sollten sie diese Beschaffung in Anspruch nehmen, möglicherweise hinterher eine Rechnung präsentiert. Höhe unbekannt. In der Mail heißt es dazu: „Da sich der Freistaat Bayern aktuell offen hält, ob die Warenbelieferung weiterhin kostenfrei erfolgen kann, werden die Waren von uns ausdrücklich unter dem Vorbehalt einer späteren Verrechnung geliefert. Eine Information über Ablauf und Höhe der Verrechnung erfolgt, wenn hierzu eine Entscheidung des Freistaates Bayern vorliegt.“

Für Heidenreich ein unmögliches Vorgehen. Er sieht bei der Beschaffung von Schutzausrüstung im Katastrophenfall nicht die Praxen in der Pflicht, sondern die Länder. „Seit Beginn der Krise habe ich für meine Praxis 500 ml Desinfektionsmittel und 30 Schutzmasken, 0 Schutzkittel/-anzüge und 0 Schutzbrillen von Amts wegen erhalten“, schreibt der Altdorfer Arzt, der nach eigenen Angaben in seiner über zehnjährigen Praxistätigkeit noch nie eine FFP2- oder 3-Schutzmaske benötigt habe.

„Wir Kassenärzte leisten seit Wochen unseren Dienst am Patienten, riskieren mangels Schutzausrüstung unsere und die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Aber wir sind für unsere Patienten da, führen Abstriche durch, da die geschaffenen Strukturen hiermit gnadenlos überlastet sind“, heißt es in dem offenen Brief an Söder. Bei über 100 Patienten habe Heidenreich in den vergangenen Wochen bereits Corona-Abstriche durchgeführt.

Nur im Notfall

Auf Nachfrage der HZ bestätigt das Landratsamt den Inhalt der Mail der Führungsgruppe Katastrophenschutz. Den Ärzten und Krankenhäusern obliege es selbst, sich Schutzausrüstung zu beschaffen. Zudem sei es Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), ihren Mitgliedern in der Corona-Krise Schutzmaterialien zukommen zu lassen. Die untere Katastrophenschutzbehörde springe nur im Notfall ein.

Bei der KVB heißt es auf Nachfrage, dass jede Praxis in Bayern bereits eine Grundausstattung erhalten habe. Zudem sei es der KVB vor wenigen Tagen gelungen, selbst über 160 000 FFP2-Masken zu beschaffen. „Aus der Bundeslieferung hingegen konnten wir keinen weiteren Eingang an Schutzausrüstung verzeichnen“, heißt es auf der Homepage der Kassenärztlichen Vereinigung. Die KVB arbeite weiter „mit Hochdruck (…) an der Beschaffung von Schutzausrüstung und Zubehör für unsere Mitglieder.“ Das eingetroffene Material werde nach einem speziellen Schlüssel verteilt. Die Praxen bekämen für die Schutzausrüstung auch keine Rechnung im Nachhinein. Die Kosten trügen die Krankenkassen.

Heidenreich und Jedlitschka bestreiten derweil weiter ihren Berufsalltag. In ihren Augen werde derzeit „die Ressource ‚ambulante Medizin‘ vergeudet“. „Das was momentan unsere Arbeit darstellt, hilft nicht denen, die uns brauchen“, schreiben sie in ihrem Brief an Ministerpräsident Söder, den Dr. Heidenreich mit den Worten unterzeichnet: „ehemals Facharzt für Allgemeinmedizin, aktuell Facharzt für Kassenbürokratie“.

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