„Besuchsbox“ in Seniorenheimen

Schwatz mit Oma an der Scheibe

Das Gesicht dieser Bewohnerin des Altenwohn- und Pflegeheims „Magda“ in Hilterfingen spricht Bände: Endlich kann sie ihren Sohn beim Besuch auch aus der Nähe sehen. | Foto: Bühler2020/04/heim-in-coronazeiten.jpg

HILTERFINGEN – Zur Nachahmung empfohlen: Mit einer gläsernen „Besuchsbox“ ermöglicht das Alterswohn- und Pflegeheim „Magda“ in Hersbrucks Schweizer Partnergemeinde Hilterfingen-Hünibach ihren Bewohnern ganz persönliche Kontakte mit ihren Angehörigen – trotz Corona.

„Drei Tage vor Ostern hörte ich im Schweizer Radio von einem Heimleiter, der für seine Bewohner eine kleine Baracke mit einer Glastrennwand erstellen ließ“, schreibt Heimleiterin Sonja Bühler in einer E-Mail an die HZ. „Da wusste ich, das will ich für meine Bewohner und Angehörigen auch!“ Gesagt, getan: Keine halbe Stunde später erzählte sie ihrem neuen Stiftungsratspräsidenten Franz Rüegg von der Idee, sagte ihm „was und wo ich es will – und voilà, am Ostersonntag, konnten wir unser ,Kontakt-Telefon’ eröffnen“, erzählt die Gemeinderätin der Sozialdemokratischen Partei (SP). Sie kenne viele Hersbrucker von den Partnerschaftstreffen und ihren alljährlichen Besuchen des Altstadtfests und des Eselrennens. Eigentlich hatte sie im Mai einen weiteren Besuch in der Cittaslow geplant, doch die Corona-Krise machte ihr einen dicken Strich durch die Rechnung.

Umso schöner, dass es für „ihre“ Bewohner mit dem neuen, gläsernen Besuchsraum nun ein bisschen Freude und Abwechslung vom virusbedingten abgeschotteten Heimalltag gibt. Und die strahlenden Gesichter auf beiden Seiten geben ihr Recht: „Das lässt allen Aufwand unwichtig erscheinen“, schreibt Sonja Bühler.

Sicherer Plausch im Treppenhaus

Die Idee – jüngst in der ARD-Sendung Weltspiegel am Beispiel einer Einrichtung in Wattwil vorgestellt – ist so genial wie einfach: Sonja Bühler nutzt dazu eine Glastüre am Treppenhaus als virensicheren Infektionsschutz. Der jeweilige Besucher hat Zugang von außen über die Feuertreppe, die Mutter oder der Vater sitzt im Heimkorridor. Die Glastüre selbst bleibt abgeschlossen, auch die Treppe nach unten ist abgesperrt, erklärt die Heimleiterin: „So können sich die Angehörigen sehen und über Telefon zusammen schwatzen. Ganz nah und doch getrennt. Küsschen gehen halt nur durch die Glastüre, aber das ist besser als nichts“, sagt sie.

Die Angehörigen der momentan rund 40 Bewohner der 1928 eröffneten, malerisch am Thuner See gelegenen Pflegeeinrichtung müssen nur einen Termin abmachen und sich dann zur vereinbarten Zeit an der Haupttüre anmelden. Dann wissen die Mitarbeiter der „Magda“, dass sie da sind, und begleiten die Bewohner zum Telefon. Manche der älteren Herrschaften könnten den Hörer selbst halten, andere brauchen Hilfe, so Bühler: „Anschließend desinfiziere ich beide Räume und mache sie für den nächsten Besuch parat.“

Briefe, Fotos, Bilder

Natürlich sind auch „normale“ Telefonate mit den Bewohnern möglich, oder die Mitarbeiter des Alterswohn- und Pflegeheims schicken den Angehörigen Fotos ihrer Lieben mit der Bitte, doch auch Briefe oder Bilder zu senden. Die Zuschriften haben den Vermerk „darf geöffnet werden“, sonst würde das Postgeheimnis verletzt, wenn die Magda-Mitarbeiter den Brief öffnen und vorlesen.

Auch sonst kümmert sich Heimleiterin Bühler rührend um ihre Schützlinge: „Einmal pro Woche lasse ich vom Bäcker etwas Spezielles ins Heim bringen und ebenfalls einmal in der Woche werden frische Blumen und Gestecke auf meine Rechnung geliefert“, schreibt sie in ihrer Mail, die uns die frühere SPD-Stadträtin Brigitta Stöber weitergeleitet hat. „Nach Corona bin ich wohl ruiniert, aber die Freude bei den Bewohnern und Mitarbeitern ist es mir wert“, sagt Sonja Bühler.

Ähnliche Lösung in Hersbruck?

Auch im Sigmund-Faber-Haus in Hersbruck arbeitet Einrichtungsleiter Dr. Stephan M. Abt seit geraumer Zeit an einer vergleichbaren Lösung. Auf der Terrasse und im Garten hat er einen Bauzaun aufstellen lassen und links und rechts davon Bänke und Tische aufgestellt. Dort könnten sich Bewohner und ihre Angehörigen bei einer Tasse Kaffee miteinander unterhalten – dank des Zaunes mit dem nötigen Sicherheitsabstand, um Infektionen zu vermeiden.

Auch die vielen Ehrenamtlichen, die das Faber-Haus vor Corona regelmäßig besuchten, haben schon etliche schöne Ideen entwickelt, um den Bewohnern ein wenig Abwechslung zu bieten. So haben einige Schüler des Paul-Pfinzing-Gymnasiums schon ein Open-Air-Konzert im Sinn.

Noch allerdings kann Abt von diesen Optionen keinen Gebrauch machen – wegen des seit Mitte März generellen Besuchsverbots von Altenheimen und Seniorenresidenzen. Eine Rückfrage bei der Heimaufsicht und dem Gesundheitsamt ergab zudem, dass auch das Versammlungsverbot solche persönlichen Treffen untersagt. „Das ist für uns völlig verständlich. Es wäre ja das Letzte, wenn wir diese Vorgaben in irgendeiner Weise unterlaufen, gerade weil die Gesellschaft seit Wochen so viel auf sich nimmt, um die Älteren zu schützen“, sagt Abt mit Nachdruck. „Aber ich möchte vorbereitet sein, wenn die eine oder andere Lockerung für Seniorenheime solche Besuche erlaubt.“
Bis dahin bleibt seinen Bewohnern nur die Möglichkeit, ihren Lieben vom ersten oder zweiten Stock aus zuzuwinken und ein paar Worte mit ihnen zu wechseln.

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