Kommentar

Angst vor der Wahrheit

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NÜRNBERG — Das Gutachten zur Gesundheitsversorgung im Nürnberger Land ist noch nicht veröffentlicht, schon schlagen die Wellen hoch (siehe Bericht). Klar, es ist Wahlkampf. Doch die Versuche des Landratsamts und des Hersbrucker Bürgermeisters, das Thema wieder „einzufangen“, verraten noch viel mehr: Die Politik fürchtet um ihre Glaubwürdigkeit, denn sie war in der Vergangenheit nicht ehrlich.

Der Verkauf der damals defizitären Krankenhäuser im Nürnberger Land war 2006 die richtige Entscheidung. Aber schon damals muss allen Beteiligten klar gewesen sein: Drei Standorte auf Dauer zu erhalten, das wird auch das Nürnberger Klinikum nicht schaffen. Nicht umsonst musste sich der damalige Klinikumsvorstand Klaus Wambach bereits kurz nach der Übernahme gegen Gerüchte wehren. Die dreijährige Bestandsgarantie, die der Konzern gegeben hatte, gelte natürlich auch für Hersbruck, betonte er.

Die richtige Zeit, Klartext zu reden und Strategien für eine weiterhin gute medizinische Versorgung im Landkreis-Osten zu entwickeln, wäre im vergangenen Jahr gewesen. Doch stattdessen befeuerte die Politik die Vorstellung, das Hersbrucker Krankenhaus wäre zu retten – unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen eine Illusion.

Was ist mit Altdorf und Lauf?

Und es kommt noch schlimmer: Mittelfristig steht auch Altdorf zur Debatte. „Das stationäre Versorgungsangebot im Landkreis ist rückläufig, diese Entwicklung wird weitergehen“, attestiert die Berliner Beraterfirma. Selbst beim Standort Lauf stellt sich auf lange Sicht die Frage, ob er groß genug ist, um zu überleben.

Dass das keine Unkenrufe sind, macht ein Blick in die Bertelsmann-Studie „Zukunftsfähige Krankenhausversorgung“ klar. Die Stiftung schlägt vor, 800 von derzeit 1400 Krankenhäusern in Deutschland zu schließen, sich auf Medizin-Zentren zu konzentrieren.

Statt auf das Verfassen von kämpferischen Pressemitteilungen sollten Armin Kroder und Co. ihre Energie darauf verwenden, einen Blick in diese Studie zu werfen. Sie gibt Anregungen, was jetzt zu tun ist: Telemedizin könnte Versorgungslücken schließen. Für Notfälle braucht es eine „Optimierung der Rettungskette“. Und schließlich, das schlagen die Landkreis-Gutachter vor: Die Einrichtung von Polikliniken sollte öffentlich gefördert werden.

Was wurde eigentlich aus der Idee, aus dem Hersbrucker Krankenhaus ein Ärztezentrum zu machen?

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel