Senkung der Mehrwertsteuer

Hersbrucker Einzelhändler bezweifeln den gewünschten Effekt

Mit der Mehrwertsteuersenkung wirbt in Hersbruck kaum jemand; lediglich bei dieser großen Drogerie-Kette war ein entsprechender Hinweis zu sehen. | Foto: A. Pitsch2020/07/IMG-20200723-145523.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Bei einem Nettopreis von 100 Euro zahlt der Verbraucher normalerweise 119 Euro. Bis Jahresende sind es nur 116 Euro. Doch kurbelt diese Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent die Konjunktur wirklich an? Und wie viel Aufwand steckt für die Händler dahinter?

„Eine richtige Kassenumstellung würde uns viel Geld kosten und das ist für ein halbes Jahr nicht leistbar“, gibt Stephanie Bury vom Juwelier Wilfart e.K. offen zu. Auch auszeichnen könne sie nicht alle Waren neu. „Das alles ist ein riesiger Aufwand ohne Nutzen für den Einzelhandel, denn mehr werde deswegen nicht gekauft.“

Aktuell umschifft sie die Senkung mit einer Rabattaktion zur Wiedereröffnung im Juli und August. Danach wird sie die drei Prozent weniger als Nachlass direkt an der Kasse abziehen. Zusätzlich hat sie sich noch einen Stempel besorgt, auf dem steht „inklusive gesetzlicher Mehrwertsteuer“; die 19 sei durchgestrichen und 16 Prozent dazugeschrieben. „Damit sollten wir safe fürs Finanzamt sein.“

Dass die Kunden die aktuellen Preise nicht an den Waren ablesen können, dafür zeigten diese Verständnis, so Bury. Und sie hat schon die Erfahrung gemacht, dass die Leute auf die Preisanpassung verzichten: „Bei einem Batteriewechsel von zehn Euro sagen die meisten: ach die paar Cent …“

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Die Mehrwertsteuersenkung: Sinnvoll oder Quatsch?

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    Ähnlich sieht es Klaus Wiedemann von gleichnamigen Wäsche- und Modegeschäft: „Die Leute nehmen es schon mit, aber viel macht es nicht aus.“ Er konnte die neue Mehrwertsteuer selbst bei seiner Kasse einstellen, für das Buchhaltungssystem kam automatisch, aber nicht kostenlos ein Online-Update. Wie auch Bury verzichtet er auf eine Neuauszeichnung seiner Ware: „Bei 5000 Artikeln wäre das ja Wahnsinn.“

    Wiedemann sieht noch ein weiteres Problem auf den Handel zurollen: den Umtausch von Weihnachtsgeschenken im neuen Jahr: „Das alte Teil kommt mit 16 Prozent zurück, das Neue würde aber ja mit 19 Prozent verkauft …“ Trotzdem gibt er die Senkung an die Kunden weiter, weil er sich nicht vorwerfen lassen wolle, er würde Geld in die eigene Tasche stecken. „Wegen mir hätte es das Ganze nicht gebraucht“, lautet sein Fazit. Vielleicht helfe das anderen Branchen mehr, in denen es in die Tausende geht.

    Das könnte sich auch Christa Rauenbusch vom Spielwarenladen vorstellen. „Aber wenn man eine Waschmaschine braucht, dann kauft man die auch für 15 Euro mehr.“ Sie hat ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass die Kunden die Umstellung nicht gebraucht hätten: „Das sind ja nur ein paar Cent und deswegen kaufen die nicht mehr und der gewünschte Effekt verpufft.“

    Genervt an der Kasse

    Für den Handel bleibe auch nichts hängen, weil er die Senkung ja weitergebe. Und bei Sonderpreisen könne man eh nichts abziehen. Beim Rauenbusch werden an der Kasse die drei Prozent weggerechnet, erklärt sie. „Von einigen Markenfirmen haben wir aber ausgerechnete Preise bekommen; diese Teile mussten wir extra markieren.“ Aufmerksamkeit sei gefragt, damit kein Fehler passiere und der Preis noch mal an der Kasse reduziert werde. „Das ist einfach nervig.“

    Wie beim Rauenbusch wurde auch im Elektroland Franken nichts umetikettiert. „Der Aufwand wäre enorm“, erläutert Holger Bayer, „da drücken wir lieber auf einen Knopf an der Kasse für den entsprechenden Nachlass“. Diese Programmierung durch die IT macht zwar den Verkäufern keine Arbeit, aber sie kostet – und das nur für ein halbes Jahr: „Das müssen die Händler zahlen und der Staat schert sich nicht darum.“

    Wie Wiedemann ist Bayer ebenfalls auf die Umtausch-Problematik gespannt. Einen Run habe er bislang auch nicht gespürt: „Ich denke nicht, dass der noch kommt.“ Bayer rechnet vor: Bei einer Waschmaschine für 500 bis 800 Euro spare man sich 15 bis 25 Euro. „Ja, das ist auch Geld, aber wenn man es braucht, kauft man es auch für mehr.“ So richtig bemerkbar machen sich die 16 Prozent erst, wenn es um Bauen oder einen Autokauf gehe, mutmaßt er.

    „Wenn es einen Effekt gibt, dann auf höherpreisige Artikel“, pflichten Ecksteins von der „Boutique Starlight“ Bayer bei, „sonst können wir uns keine Konjunkturbelebung vorstellen“. Sie selbst würden nämlich nicht mehr als vorher einkaufen.

    Die Etiketten sind im Modegeschäft unverändert, „die Sachen haben die Lieferanten ja schon vor etlichen Wochen geordert und geliefert“. Daher hätten diese die Senkung teilweise nicht umgesetzt. Ecksteins geben die drei Prozent an der Kasse. „Um die selbst umzuprogrammieren, musste ich einen ganzen Abend opfern.“

    Preise am Rücken

    Relativ problemlos konnte dagegen die Buchhandlung Lösch ihr Bezahlsystem umstellen. „Wir haben die Neuerungen von unseren Lieferanten im Rahmen des monatlichen Updates zur Verfügung gestellt bekommen“, berichtet Martin Lösch. Er und seine Mitarbeiter haben die 7000 Artikel im Laden nicht neu ausgepreist – „die Preise sind ja zudem auf die Bücher gedruckt“.

    Die Senkung fließe ins Bezahlen ein. „Ein bisserl was wird uns im Laden bleiben“, meint Lösch. Aktuell laufe der Einkauf mit sieben Prozent Vorsteuer und der Verkauf mit fünf Prozent (Bücher fallen unter den reduzierten Mehrwertsteuersatz). Nach der Umstellung zum Jahresende werde sich das wieder umkehren und „wirtschaftlich ausgleichen“.


    „Sinnvoll wäre das Ganze nur, wenn es dauerhaft wäre“, ist Katrin Schraml überzeugt. Sie könne sich auch nicht vorstellen, dass die Mehrwertsteuer nach dem halben Jahr wieder steige, aber aktuell müsse man davon ausgehen. Daher hat auch der Pfersdorf keine Waren umgezeichnet: „Das wäre so aufwendig, das würde mehr kosten als nutzen.“

    Aber nötig ist es im Schuhgeschäft eh nicht: „Wir senken keine Preise, weil wir alle Sachen bereits vorher bestellt haben.“ Anders sei das in einem Supermarkt möglich, „der hat einen größeren Durchlauf“.

    Von einem großen Interesse an neuen Autos merkt Axel Dannhäuser bislang ebenfalls nichts: „Ich hatte noch keinen Kunden, der die Mehrwertsteuersenkung als Kauf- oder Interessensgrund angegeben hat.“ Ein paar Mitnahme-Effekte, wie es der Chef des gleichnamigen Autohauses nennt, habe es gegeben. Da wurden ein paar Wagen, die im Juni geliefert wurden, erst im Juli abgeholt und bezahlt.

    Die edv-technische Anpassung sei im Autohaus „nicht wild“ gewesen, aber vor allem die Leasingverträge sorgten für erheblichen Aufwand: Kauf- und Rechnungsverträge seien unterschiedlich, Teile und Autos wurden mit alter Mehrwertsteuer geordert, aber mit neuer ausgeliefert. „Wenn ich mir jetzt einen Leasingwagen bestelle, kommt der im November“, analysiert Dannhäuser, „dann habe ich noch knapp zwei Monate was von den Prozenten“.

    Verhandeln tut’s auch

    Ebenfalls „eine große Sache mit langwieriger Planung, Herstellung und Aufbau“ sind Massivholzküchen, bestätigt Ute Danzer von den „Möbelmachern“. Doch deswegen mehr Kunden? „Eine Dame hat gewartet“, weiß Nina Brunner. Ansonsten bekommt sie von den Kunden meist zu hören: „Das ist doch Quatsch, die drei Prozent bekommt man mit etwas Geschick doch überall herausgehandelt.“

    Auch die Küchenexperten müssen sich mit aufwendigen Rechnereien herumschlagen. „Einkauf und Anzahlen erfolgten ja vorher schon“, sagen die beiden. Wird zwischen Juli und Dezember geliefert, wird der Gesamtpreis mit 16 Prozent berechnet, dadurch mindert sich dann die Restzahlung, legt Brunner dar: „Gott sei Dank hatten wir keine komplette Vorauszahlung.“ Dann wäre eine Rückerstattung fällig.

    Das System konnte Brunner immerhin selbst umstellen – wenn auch mit einigem Einsatz. Sie stimmt daher in den allgemeinen Tenor ein: „Das ist alles mehr Aufwand als Nutzen.“

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