Schnaittacher Doppelmord

Ex-Freundin erzählt von Gewaltausbrüchen

Ingo P. soll seine Ex-Freundin körperlich misshandelt haben, sagt diese vor Gericht aus. Hilft das seiner ebenfalls angeklagten Ehefrau Stephanie S.? | Foto: Beck2019/03/anklagebank-mordprozess-schnaittach-saal-600-placzek-.jpg

NÜRNBERG — Gewalttätig, zwanghaft und dominant. So beschreibt eine Ex-Freundin von Ingo P., die nach der Prozesspause als Zeugin geladen ist, den Angeklagten. Der Schnaittacher soll seine eigenen Eltern erschlagen haben. Die Aussage könnte der Verteidigung von Stephanie P., seiner ebenfalls wegen Mordes angeklagten Frau, in die Hände spielen.

Es ist die bisher wichtigste Zeugenaussage aus dem persönlichen Umfeld der Angeklagten. Rund zweieinhalb Jahre, vom Sommer 2014 bis Ende 2016, ist Franziska S. mit Ingo P. zusammen – also wenige Monate vor der Beziehung mit seiner späteren Partnerin und Frau Stephanie P., mit der er gemeinsam die eigenen Eltern umgebracht haben soll. Franziska S. wohnt ein halbes Jahr mit ihm in seinem Elternhaus in Schnaittach, zuvor verbringt sie viel Zeit mit ihm in seiner damaligen Wohnung in Nürnberg.

Unkontrollierte Wut

Was die 24-Jährige erzählt, lässt aufhorchen. Einmal habe Ingo P. ihren Kopf bei einem Wutausbruch gegen eine Arbeitsplatte in der Küche geschlagen. Er habe sie in der Gästetoilette eingesperrt, sie in mehreren Situationen geschubst, einmal eine Zigarette auf ihrer Hand ausgedrückt.

Warum? Zeugin S. ist stark übergewichtig, Ingo P. wünscht sich, dass sie abnimmt, wie die Schwabacherin vor Gericht berichtet. Findet er bei ihr Süßigkeiten oder kauft sie etwas ein, was ihm nicht gefällt, gibt es Ärger. Auch wenn sie die Wohnung nicht wie gewünscht saubermacht, kann der junge Mann austicken. Als S. einmal wegen eines Magen-Darm-Viruses nach Hause in die gemeinsame Wohnung nach Schnaittach kommt und sich ins Bett legen will, weist Ingo. P sie zurecht. Wenn es ihr schlecht gehe, solle sie ins Krankenhaus. Ansonsten könne sie jetzt putzen.

„Ich war froh, als es vorbei war“, sagt die Medizinische Fachangestellte. „Ich habe mein Leben wieder.“

Erstaunlich ist bei diesen Aussagen, wie die Beziehung zu Ende ging. Nicht S., sondern Ingo P. machte im Dezember 2016 Schluss. Aus heiterem Himmel, wie S. erzählt. Weil sie einfach nicht abnehmen konnte. Seine Eltern seien überrumpelt gewesen, der Vater habe sogar Tränen in den Augen gehabt. Dass die Eltern hinter der Trennung steckten, schließt die Schwabacherin aus.

Am Anfang war alles traumhaft

Die beiden hatten sich bei einem Datingportal kennen gelernt, im Juli 2014 kamen sie zusammen. Zunächst sei alles traumhaft gewesen, Ingo P. spielte den Gentleman. Doch das änderte sich. Er zwang sie, sich zweimal am Tag zu wiegen und wollte ihr vorgeben, was sie zu essen hat. Auch ein Alkoholproblem schildert sie. Von der Arbeit sei er jeden Tag mit einer Alkoholfahne nach Hause gekommen, schnell handgreiflich geworden.

Er habe behauptet, er könne sich in ihr Handy hacken und ihre Nachrichten mitlesen. Von seinen Wutaus­brüchen dürfe sie niemandem etwas erzählen, sonst tue er ihr oder ihrer Mutter etwas an.

Zum Arzt oder zur Polizei ging Franziska S. nie. Ingo P. habe gesagt, er würde es so hindrehen, dass ihr keiner glaubt.

Ingo P. sagte, ohne ihn sei sie nichts wert

Er habe ihr ständig eingeredet, sie sei ohne ihn nichts wert. Und sie habe sich dem gebeugt, was er ihr befohlen habe und gehofft, dass die Beziehung wieder besser wird. Trotz aller Gewalt, trotz der Demütigungen, so schildert es S., konnte sie ihn nicht verlassen.

Manche der Aussagen hat man in diesem Gerichtsverfahren bereits gehört. Sie tauchen im Polizeiverhör von Stephanie P. auf, teilweise fast Wort für Wort. Auch die Angeklagte will von Ingo P. mehrfach körperlich misshandelt und bedroht worden sein. Auch sie will unfähig gewesen sein, ihn zu verlassen.

Psychiater hakt nach

Die Aussage, P. sei bei seinen Wutausbrüchen ein anderer Mensch gewesen, macht den Psychiater Michael Wörthmüller hellhörig. Er begutachtet beide Angeklagten im Auftrag des Gerichts. Von S. lässt er sich erklären, wie sich P. spontan verändert hat und dass das nicht nur in betrunkenem Zustand passierte. Welche Schlüsse er daraus zieht, wird ein anderer Verhandlungstag zeigen.

Auch zum Familienverhältnis konnte Franziska S. einiges berichten. Der Vater sei Ingo P.s großes Vorbild gewesen, er habe ihn gar „verehrt“ und viel Zeit mit ihm verbracht, während die Mutter nur zum Wäsche waschen und Kochen da gewesen sei. Er habe sich regelmäßig mit ihr gestritten, ihr einmal seiner Schilderung nach auch eine Backpfeife gegeben.

Keine Empathie

Andere Erinnerungen der Ex-Freundin finden sich auch in den Zeugenaussagen von Ingo P.s ehemaligen Kollegen bei der Datev, die ebenfalls am Montag als Zeugen geladen sind: Der Schnaittacher ist extrem ehrgeizig, er will so schnell wie möglich eine Führungsposition in dem Betrieb erreichen, erzählen sie. Doch während seine fachliche Qualifikation unumstritten ist, gab es an der menschlichen Eignung starke Zweifel, sagt sein ehemaliger Teamleiter aus. P. sei eher ein „Einzelkämpfer“.

Franziska S. berichtet, P. solle über sich gesagt haben, er habe keine Empathie, sei ein „soziales Arschloch“ und das stehe ihm beruflich im Weg. Kollegen erinnern sich, P. nutzte in Zigarettenpausen jede Gelegenheit, sich wichtig zu machen.

So schnell wie möglich heiraten

Heiratspläne hatte Ingo P. offenbar bereits mit Franziska S. Er wolle so schnell wie möglich eine eigene Familie und ein eigenes Haus, sagen Ex-Kollegen. Doch dafür müsse sie erst einmal abnehmen. Und noch ein Detail fällt ihr ein: Ingo P. sei unfruchtbar. Er habe ins Spiel gebracht, dass sie sich zu gegebener Zeit ja von einem anderen schwängern lassen könne.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer