14,7 Prozent weniger Beschäftigte im Hotel- und Gaststättengewerbe

Die Mär vom „Boot am Gardasee“

Servicekraft händeringend gesucht: Weil während des Lockdowns ein großer Teil der Beschäftigten die Branche verlassen hat, finden viele Hotels und Gaststätten aktuell kein Personal. | Foto: NGG2021/07/NL-Bedienung-Servicekraft-Gaststaette-NGG.jpg

NÜRNBERGER LAND – Gerade jetzt zur Sommersaison fehlt vielen Hotel- und Gaststättenbetrieben im Nürnberger Land das Personal. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten macht nicht nur die Pandemie, sondern auch die Arbeitsbedingungen dafür verantwortlich.

Das, was viele Unternehmer in der Hotel- und Gastronomiebranche mit Beginn der Corona-Pandemie befürchtet haben, ist eingetreten: Hotels und Gaststätten im Nürnberger Land verzeichnen eine gravierende Abwanderung von Fachkräften. Wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unter Berufung auf die jüngsten Zahlen der Arbeitsagentur mitteilt, haben sich im Landkreis im vergangenen Jahr rund 350 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte vom Gastgewerbe verabschiedetmehr als jeder siebte Beschäftigte.

Doch damit nicht genug: Da die Branche bis in den Mai hinein mit anhaltenden Maßnahmen und Einschränkungen zu kämpfen hatte, könnte sich die Lage bis heute sogar noch weiter zugespitzt haben, befürchtet Regina Schleser, Geschäftsführerin der NGG-Region Nürnberg-Fürth: „Viele Menschen schätzen es, nach langen Entbehrungen endlich wieder essen zu gehen oder zu reisen. Aber ausgerechnet in der Sommersaison fehlt einem Großteil der Betriebe schlicht das Personal, um die Gäste bewirten zu können.

Für die missliche Lage macht die Gewerkschafterin insbesondere die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit verantwortlich. „Gastronomie- und Hotelbeschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen“, sagt sie.

„Überstunden, rauer Umgangston“

Dem neuartigen Virus allein will Schleser den schwarzen Peter jedoch nicht zuschieben. Vielmehr sieht sie die Gründe für die Abwanderung des Fachpersonals in den Arbeitsbedingungen der Gastronomie: „Schon vor Corona stand das Gastgewerbe nicht gerade für rosige Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme. Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, kritisiert Schleser. Künftig wünsche sie sich von den Betrieben „armutsfeste Löhne und bessere Arbeitsbedingungen“.

„Die Gäste müssen umdenken“

Eine Argumentation, die Robert Reichinger so nicht stehen lassen möchte. Zwar bestätigt auch der Chef der Burgthanner Burgschänke, dass sich künftig einiges ändern müsse. In erster Linie sieht er jedoch die Gäste in der Pflicht. „Die Gäste müssen umdenken und bereit sein, für die gute Qualität, die sie bei uns und im ganzen Nürnberger Land bekommen, mehr zu zahlen. Die allermeisten Familienbetriebe im Landkreis bieten sehr gute Qualität, kaufen regional und frisch ein. Wir können Mitarbeitern nur dann mehr Geld bezahlen, wenn wir auch mehr Geld erwirtschaften“, entgegnet Reichinger auf die Kritik der NGG-Geschäftsführerin und legt nach: „Welcher Gastronom im Umkreis hat denn eine Finca auf Mallorca oder ein Boot am Gardasee? Meistens wird das Geld, das die Betriebe erwirtschaften, direkt wieder in die Betriebe gesteckt.

Auch das Burgthanner Traditionshaus kämpft mit den Folgen der Pandemie, insbesondere seit der zweiten Welle. „Es herrscht großer Personalmangel, seit der zweiten Welle haben wir rund 40 Prozent der Angestellten verloren. Die, die abgewandert sind, bekommen wir höchstwahrscheinlich nicht wieder zurück“, fürchtet er. Das Problem: Neues und vor allem gutes Personal wachse nicht auf den Bäumen und sei nur sehr schwer zu finden. „Das liegt natürlich auch an den Arbeitszeiten. Ein Betrieb wie die Burgschänke hat nun mal viel Abend- und Wochenendarbeit. Wenn man mal einen Bewerber hat, wird schnell klar, dass die Bereitschaft, am Wochenende zu arbeiten, sehr gering ist“, stellt Reichinger fest.

Doch er sieht auch Licht am Ende des langen Corona-Tunnels – nicht zuletzt aufgrund der kaum noch vorhandenen Neuinfektionen: „Hochzeits- und Geburtstagsanfragen ziehen wieder leicht an, auch die Übernachtungen, insbesondere von Kurzurlaubern und Fahrradfahrern, nehmen wieder zu.

Keine Abwanderung in der Nagelschmiede

Ein Hoffnungsschimmer, den auch Claudia Recknagel von der Alten Nagelschmiede in Altdorf sieht. „Das schöne Wetter, die größere Terrasse, der schöne Marktplatz: Das alles sind natürlich Pluspunkte, die wir jetzt wieder spüren. Endlich können wir wieder draußen bewirten, und draußen fühlen sich die Menschen einfach sicherer.“ Eine Abwanderung des festangestellten Personals, das sich während der Lockdowns in Kurzarbeit befunden hat, habe sie glücklicherweise nicht feststellen müssen. Auf der Suche nach gutem Personal sei ein Gastronomiebetrieb dennoch immer.

Eine schwierige Suche, wie Recknagel bestätigt. „Vor allem die Arbeit am Wochenende ist für viele unattraktiv. Deswegen müssen wir eben versuchen, vernünftige Bedingungen zu schaffen. Unserem Servicepersonal bieten wir darum eine Vier-Tage-Woche.

Flexibilität, Kreativität und der Mut zu neuen Arbeitsmodellen kann die Hotel- und Gastronomiebranche gut gebrauchen, Corona-bedingt mehr denn je. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beschäftigte das Hotel- und Gaststättengewerbe im Landkreis Nürnberger Land zum Jahreswechsel 2020/2021 noch 1998 Personen. 2019/2020, vor Ausbruch der Pandemie, waren es noch 2343 – ein Rückgang von 14,72 Prozent.

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