Gesprächsabend in Feucht

Erlanger Professor erklärt den Islam in Bayern

Professor Mathias Rohe hielt ein engagiertes Plädoyer für gelassenen Umgang mit dem Islam. | Foto: Blinten2019/02/Feucht-Rohe.jpg

FEUCHT – Evangelische und katholische Kirche, SPD und Grüne haben gemeinsam zu einem Informations- und Gesprächsabend zum Thema „Islam in Bayern“ eingeladen. Referent war Professor Mathias Rohe, Leiter des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa (EZIRE).

Von Anfang an stand da wieder diese Frage über allem: „Gehört der Islam zu Deutschland?“ Für die Verhältnisse im Freistaat lässt Professor Mathias Rohe das Bayerische Kultusministerium antworten: „Der Islam ist Alltag und Realität in Bayern. Somit kann der Islam als ein Bestandteil Bayerns bezeichnet werden.“ Dieser ministerielle Satz ist mittlerweile fünf Jahre alt. Er findet sich in der Studie „Islam in Bayern“, die Rohe und sein Team vom EZIRE im vergangenen Jahr für die Staatsregierung fertig stellten.

Alltag und Realität in Bayern also. Etwa 600.000 Menschen muslimischen Glaubens leben hier, das sind immerhin rund fünf Prozent der Bevölkerung im Freistaat. Und das Zusammenleben der allermeisten gestaltet sich laut Rohe ganz unspektakulär. Die größte Gruppe der Muslime bilden die Türken, deren Vorfahren oft bereits in den 60er Jahren als Arbeits-Migranten nach Deutschland kamen. Als dann in den 70er Jahren Arbeitsplätze verloren gingen, begann eine Migration in „untere soziale Schichten“, wie Rohe es beschreibt.

Kein Machtanspruch

Wenn es im Alltagsleben, im Zusammenleben von Christen und Muslimen Probleme gibt, dann sind die nach Beobachtung von Rohe in den allermeisten Fällen nicht in der Religion begründet. „Die spielt hier nicht die große Rolle“, betont er.

Religion darf für den Leiter des Erlanger Zentrums ohnehin keinen Machtanspruch in einem Staat erheben. Sie darf aber politisch sein, sagt er. Das religiöse Argument habe „seine Berechtigung im öffentlichen Raum“. Es wird aber nicht immer gehört: Beispiel Bestattung. Eine sarglose Beerdigung ist in Bayern nicht erlaubt. Warum eigentlich nicht? fragt Rohe. Die meisten Muslime wollten doch hier bestattet werden.

Der Koran und die vielfältigen Möglichkeiten, ihn auszulegen: Von der wörtlichen Übernahme bis zur zeitgemäßen Interpretation ist alles möglich. Es kommt am Ende immer darauf an, was die Menschen mit der Auslegung machen. Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau beispielsweise steht zwar im Koran. „Die Schrift ist aber zeitabhängig“, betont Rohe. „Sie muss sich neu anpassen an die Verhältnisse.“

An der Seite der Minderheit

Zu Konflikten kommt es immer wieder, wenn Muslime eine neue Moschee bauen wollen. Rohe stellt sich hier ohne wenn und aber auf die Seite der Minderheit, die ein ihr zustehendes Recht durchsetzen will: „Selbstverständlich kann jede religiöse Gemeinschaft ihre eigene Moschee bauen“, stellt er fest. Wenn die Bevölkerung dagegen sei, dann interessiere das den Rechtsstaat nicht, „weil der Rechtsstaat die Minderheit schützt.“ Eine demokratische Mehrheit dürfe die Rechte der Minderheiten nicht beschneiden.

Es sei denn, diese Minderheit gleitet in den Extremismus ab. Dann muss der Staat mit Verboten und mit der Einziehung von Vermögen reagieren, sagt Rohe. In Bayern sieht er aber derzeit keinerlei Probleme: „Die Sicherheitsbehörden haben das unter Kontrolle, die allermeisten Muslime sind gegen Extremismus.“ Deshalb dürfe man die friedfertigen Muslime nicht ausgrenzen, auch und gerade weil es in Bayern sogenannte Gefährder gibt.

Rohe spricht sich dezidiert für Brückenbauer aus, Ansprechpartner in den muslimischen Gemeinschaften, mit denen man kommunizieren kann, wenn es Probleme gibt, wenn junge Leute sich plötzlich radikalisieren und ihr Heil in einer fundamentalistischen Auslegung des Koran suchen. Die großen Terroristen, sagt Rohe, waren oft Kleinkriminelle, die über Probleme in der Schule und in der Familie in die Kriminalität abglitten.

Für die Zukunft bleibt viel zu tun. Rohe nennt als Stichworte islamische Seelsorge, Altenheime, Paralleljustiz und islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen. „Viele Muslime sind genervt von den Koranschulen“, so seine Beobachtung. Die Eltern würden es begrüßen, wenn die Kinder an ihren Schulen islamische Religion lernen könnten.

Wo Islam-Unterricht an Schulen angeboten werde, funktioniere das gut, der Lehrplan sehe einen freundlichen und respektvollen Umgang mit anderen Religionen vor. Wie es mit dem muslimischen Religionsunterricht in Bayern weitergeht, wird das Kabinett im Sommer entscheiden.

Extreme Islam-Gegner

So wie Rohe den muslimischen Extremismus entschieden ablehnt, so wendet er sich auch gegen die aus seiner Sicht extremen Positionen von Islam-Gegnern. Die Forderung der AfD nach einem Minarett-Verbot etwa sei schlicht verfassungswidrig. Dem extremistischen Islam könne man nicht mit Extremisten entgegen treten.

Der Erlanger Professor ist Mitglied der Islam-Konferenz und wurde deshalb aus dem Publikum mit der Frage konfrontiert, wie er denn den Umstand bewertet, dass andere Mitglieder, wie etwa Hamed abdel Samad, Ahmad Mansour und Seyran Ates nur unter Personenschutz zur Konferenz anreisen können. Und ob man diese Kräfte nicht unterstützen sollte. Würden sie doch schon, erwiderte Rohe und betonte, dass sich alle Teilnehmer der Islam-Konferenz mit den bedrohten Personen solidarisiert hätten.

Dann war da der Vergleich von Jesus und Mohammed, den ein Zuhörer aus der ersten Reihe ansprach, weil er ein Schlaglicht auf den fundamentalen Unterschied der beiden Religionen wirft: auf der einen Seite Jesus als Bote des Friedens, auf der anderen Seite Mohammed als Eroberer. Tatsächlich erscheine der Islam heutzutage vielen als gewalttätigste Religion, so Rohes Reaktion auf den Vergleich. „Wir sollten uns aber an den grundlegenden Friedensbotschaften im Islam orientieren.“

Stichwort Kleiderordnung: Schwimmunterricht für Mädchen ist laut Rohe nicht das große Problem, als das es oft in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Nur bei einem ganz geringen Prozentsatz der Schülerinnen spiele das eine Rolle.

Beim Thema Gesichtsverhüllung mit dem Nikab zeigt Rohe klare Kante: Er spricht sich für ein Verbot für Beamtinnen und für Schüler und Studenten aus. Anders beim Kopftuch: „Das Gesicht ist frei, man kann kommunizieren.“ Kein Anlass also für irgendwelche Verbote. Innerhalb der muslimischen Gemeinschaft wird das Kopftuch-Tragen jedenfalls immer intensiver diskutiert.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten