Umgang mit Corona-Patienten am Laufer Krankenhaus

Yusuf K. und sein Weg zurück ins Leben

Dr. Dane Wildner, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin in Lauf, bei der Visite. Yusuf K. hat eine schwere Covid-19-Erkrankung gut überstanden. | Foto: Ott/ Klinikum Nürnberg2020/04/Krankenhaus-Lauf-Patient_Foto-Krankenhaus.jpg

NÜRNBERGER LAND – Eine Reportage über einen Corona-Erkrankten zeigt, wie die Krankenhäuser in Lauf und Altdorf Covid-19-Patienten behandeln – und was die Pandemie für das Personal dort bedeutet.

Der Ausblick aus dem ersten Stock. Yusuf K. kann ihn langsam genießen. Durch das große Fenster des Raumes fällt der Blick auf Bäume und Grün. Draußen ist es Frühling geworden. Der 47-Jährige angelt nach seinem Becher, schiebt den Mundschutz vorsichtig zur Seite. Durst war das erste Gefühl, das er hatte, als er kurz nach Ostern aus dem Dämmerschlaf geholt wurde, in den ihn die Ärzte des Laufer Krankenhauses versetzt hatten, um ihn an die Beatmungsmaschine anschließen zu können.

Zwölf Tage lang übernahmen die Geräte weitgehend die Lungenfunktion von Yusuf K. Infusionen ernährten ihn und sorgten dafür, dass er schmerzfrei schlief.

„Ich habe von Wasser geträumt“

Der Schwaiger hatte sich Anfang März mit Covid-19 infiziert. Bei einer Veranstaltung vermutlich, genau kann er es nicht sagen. Auch seine Frau erkrankte. Doch während sie von der Infektion nicht viel spürte, erwischte es Yusuf K. richtig. Nach Tagen mit immer höherem Fieber und Husten wurde er ins Krankenhaus Lauf gebracht. Kurz darauf auf die Intensivstation verlegt. An die Tage dort hat er kaum Erinnerung. Nur so viel: „Ich habe von Wasser geträumt.“

Krankenhaus ist abgeriegelt

Der Virus, der die Welt in Atem hält, hat Gesetze des Lebens außer Kraft gesetzt. Wo sonst Patienten und Besucher frei ein- und ausgehen, sich in der Cafeteria zum Plausch treffen und über Gott und die Welt reden, stehen große Warnschilder. Automaten fordern schon am Eingang zum Desinfizieren auf, einen Mundschutz gibt es an der Rezeption. Keiner darf seit Wochen mehr ungeschützt und ohne Termin ins Laufer Krankenhaus.

Eine Zeit, wie es sie noch nie gab, doch Dane Wildner, seit 2019 Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin, ist überzeugt, dass man richtig gehandelt hat.

Die große Welle blieb bisher aus

Nach Fasching bereits, als die Covid-Welle auf Bayern zurollte, habe man mit den Vorbereitungen begonnen. „Wir hatten recht viel Zeit, und das war gut so“, sagt Wildner. In Lauf wurde die Privatstation im dritten Stock in eine Isolierstation umgewandelt und die geriatrische Therapie-Abteilung geschlossen, in Altdorf die akute Schmerz- und Alkoholtherapie dicht gemacht, um Platz für Covid-Patienten zu schaffen.

Natürlich sei es schwierig, diese Angebote kurzfristig nicht mehr zu machen, sagt Wildner. Andererseits wären sie schon allein wegen der Ansteckungsgefahr nicht aufrechtzuerhalten gewesen. Gruppentherapie in Corona-Zeiten, unmöglich. „Wir haben nicht gewusst, wie viele Patienten kommen werden, und haben deshalb Platz geschaffen“, sagt Wildner. Jetzt, sechs Wochen später, ist klar: Die ganz große Welle blieb bisher aus.

Lauf und Altdorf stemmen Patienten

Gleichwohl wurden in den Häusern in Lauf und Altdorf zeitweilig genauso viele Covid-19-Patienten versorgt wie im Klinikum Nord. Man sei eben nicht der Wurmfortsatz der großen Einrichtung, sondern im Gegenteil: „Wir sind als Häuser für das Klinikum wichtig.“

Nur in speziellen Fällen müssten Patienten nach Nürnberg verlegt werden, dann, wenn schon im Vorfeld Lungen- oder Nierenschäden existierten oder zusätzlich Dialyse oder eine Lungen­ersatztherapie notwendig ist. „Alles andere können wir hier stemmen“, sagt Barbara Horning, Leitende Oberärztin der Laufer Intensivmedizin und Anästhesiologie.

Von 34 auf 38 Mitarbeiter wurde die Pflegemannschaft der Intensivstation in Lauf aufgestockt, die Arbeitsabläufe so verändert, dass sich die Schichten gegenseitig nicht treffen und nur immer ein Pfleger oder Pflegerin direkt am Patienten arbeitet, während die andere zuarbeitet. Auch die Notaufnahme wurde umstrukturiert, die Patienten getrennt in die mit und die ohne Corona-Symptome. Das Pflegepersonal wiederholte derweil im Laufschritt die wichtigsten Hygienevorschriften, per Video wurde versucht, die besonderen Herausforderungen im Umgang mit Covid-Patienten zu vermitteln.

Knochenjob für die Mitarbeiter

„Wir haben getan, was ging“, sagt Hildegund Stenglein, stellvertretende Pflegedienstleitung an den Krankenhäusern in Altdorf und Lauf. Dennoch bringt der Alltag die Mitarbeiter auf der Intensivstation bisweilen an die Grenzen. Die Schutzkleidung zu tragen geht an die körperliche Substanz. Beatmete Patienten müssen alle zwölf bis 16 Stunden gewendet werden. Vier Pflegekräfte sind nötig, um die in Schlaf versetzten Kranken vom Rücken auf den Bauch und zurückzudrehen. Das alles ist personal- und zeitintensiv.

Daneben versucht man, sich für die anderen an Covid Erkrankten im Haus Zeit zu nehmen. „Viele haben Angst und Gesprächsbedarf“, sagt Blerim Miroci, stellvertretender Stationsleiter der Covid-19-Station am Laufer Krankenhaus. Nach der Schicht wartet daheim die Familie. Bei nicht wenigen Mitarbeitern ist auch der Partner im Gesundheitsbereich tätig. „Es ist zur Zeit ein großer Spagat zwischen der hohen Belastung und dem Privatleben“, sagt Frank Rubin, Stationsleitung der Intensivstation.

Tagebuch für Mitarbeiter

Ein Tagebuch dokumentiert den Gesundheitszustand der Mitarbeiter. Das Temperaturmessen gehört zum Alltag, genauso wie die Tests. Die sind nach langer Anlaufzeit zwar nicht flächendeckend, aber immerhin in größerer Stückzahl verfügbar. Mittlerweile gebe es auch bereits am nächsten Tag die Ergebnisse, sagt Oberärztin Barbara Horning. Das Klinikum habe die Kapazitäten deutlich hochgefahren. Bis zu 170 Tests können dort täglich ausgewertet werden. In den ersten Wochen war das noch anders.

Das tagelange Warten zermürbte. Dienstpläne waren in Gefahr: Wer ist krank, wer nicht? Wer muss in Quarantäne? Mittlerweile sind auch die meisten der 17 erkrankten Pflegekräfte wieder genesen und zum größten Teil auch schon wieder im Dienst. Von schweren Verläufen blieben sie verschont.


70 Patienten in Lauf und Altdorf

Anders die Patienten. Fast 70 waren es bislang in Lauf und Altdorf stationär. „Wir haben leider auch einige verloren“, sagt Horning. Die Tücke des Virus sei, dass es nicht berechenbar sei: Nicht alle Erkrankten zeigten gleich das typische Fieber und den Husten, mancher erscheine im ersten Moment fast symptomfrei. Bei einigen lege sich die Erkrankung auch aufs Herz, später auf weitere Organe.

„Wir haben alle Verläufe“, sagt Chef­arzt Dane Wildner. Bei Weitem seien auch nicht nur Senioren betroffen, auch wenn sie überproportional gefährdet sind. Aufschluss geben erst die Blutuntersuchung und das Röntgenbild des CT: Dort ist zu sehen, wenn sich ein milchiger Schleier über die Lunge gelegt hat. Das verlässlichste Signal, dass der Patient an Covid-19 erkrankt ist.

Beunruhigung bleibt

„Wir sind jetzt ein Stück erfahren, aber beruhigt sind wir nicht“, versucht Adrian Vizireanu, Leitender Oberarzt für Innere Medizin am Krankenhaus Altdorf, eine Momentaufnahme. Die Situation könne sich täglich wieder ändern. Die nächsten zwei Wochen sind entscheidend, sind sich die Ärzte der beiden Häuser einig. Sie werden darüber bestimmen, ob sich die Infektionsrate eindämmen hat lassen, ob verschiebbare Operationen wieder aufgenommen werden und damit wieder ein kleines Stück normaler Betrieb zurückkehrt.

Noch sind in Lauf zwei der OPs geschlossen, nur dringende Eingriffe wurden in den vergangenen Wochen vorgenommen. „Wir planen jetzt wieder ganz vorsichtig“.

Doch nicht nur das Krankenhaus, auch die Menschen im Landkreis fuhren das System herunter. Bis zu 70 Prozent weniger Zuläufe verzeichneten die Notaufnahmen der beiden Häuser, seit Ostern ändert sich das langsam wieder. Auch die Rettungsorganisationen fahren beide Häuser wieder an. „Wenn jemand akute Beschwerden hat, soll er kommen“, betont Dane Wildner. Die Patienten könnten sich sicher sein, dass sie strikt von Corona-Patienten getrennt und versorgt werden. „Wir haben alle Abläufe angepasst.“

Weg der Besserung

Yusuf K. geht es unterdessen besser. Das Krankenhaus hat zusammen mit dem Sozialdienst eine Reha für ihn organisiert, über die Rentenversicherung, keine Selbstverständlichkeit in diesen Zeiten. „Viele Einrichtungen sind geschlossen“, sagt Dane Wildner, keiner wisse, wann sie wieder aufmachen. Yusuf K. wird dort therapiert werden. Vor allem die Muskeln haben gelitten in den zwölf Tagen, in denen er beatmet werden musste.

Auch etliche Kilo hat der 47-Jährige verloren. „Ich bin Sportler, aber das ist mir mit vielem Training nicht geglückt“, scherzt er. Dass er an Covid erkrankt sei, er habe es anfangs einfach nicht geglaubt. „Ich dachte, wie soll das Virus von China nach Schwaig gekommen sein?“ Jetzt sei er nur noch dankbar. Auch dem Krankenhaus. „Die haben mich hier gut versorgt.“

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