Ausstellung im Glockengießerspital

Vertriebene präg(t)en Laufs Stadtgeschichte

Ausstellungseröffnung im Pfründnerhaus: Ina Schönwald (in der Mitte) will die Lebensgeschichten von Vertriebenen im Laufer Stadtarchiv aufbewahren. "Spuren der Erinnerung" ist nur Teil eines größeren Projekts. | Foto: Stegmeier2016/11/flucht-vertreibung-ausstellung-Kopie.jpg

LAUF — Mit leichtem Gepäck, aber mit nur schwer zu ertragenden Erlebnissen waren vor 70 Jahren Menschen kreuz und quer in Europa unterwegs, um zu überleben. Einen Neuanfang in Lauf und Umgebung machten viele, die am Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei fliehen mussten oder später infolge der sogenannten Beneš-Dekrete vertrieben und enteignet worden waren. Davon handelt eine Ausstellung, die jetzt im Glockengießerspital eröffnet wurde.

Mit ihrem Zeitzeugenprojekt zu Flucht und Vertreibung, mit Gesprächsrunden von Betroffenen sowie der Ausstellung „Spuren der Erinnerung“, die bis Februar 2017 im Laufer Glockengießerspital zu sehen ist, setzt Ina Schönwald, die Leiterin des Stadtarchivs, einen ganz besonderen und außerdem, wie sie betont, angesichts der neuen Flüchtlingsströme „brandaktuellen“ Akzent im Rahmen des Karlsjahrs.

Einige von denen, die Gegenstände zur Ausstellung beigesteuert haben und deren Geschichte dokumentiert wird, waren bei der Eröffnung anwesend, darunter Franziska Niedermirtl und Maria Stilper, die vor zwei Jahren den Anstoß zur Projekt­reihe gegeben hatten.

Nicht selbstverständlich ist es auch heute noch für von Flucht und Vertreibung Betroffene, so viel von sich preiszugeben. Häufig war das Thema sogar in der eigenen Familie tabu. Umso mehr berühren die Exponate, so beispielsweise die winzigen Fäustlinge und der Schnuller, den die Mutter von Niedermirtl für den kleinen Bruder gefertigt hatte. Der Bruder starb, noch kein Jahr alt, in einem Lager, nachdem die Familie ihr Anwesen verlassen musste.

Die privaten Gegenstände – Klöppeldecken, ein Fahrrad, amtliche Dokumente, Fotos, ein Poesiealbum – zeugen von Einzelschicksalen, verbunden in kollektivem Leid. Deutlich wird auch, dass mit der Vertreibung auch das Ende einer Kultur eingeläutet wurde.

Das Zeitzeugen-Projekt stellt aber nicht nur Einzelschicksale vor, sondern rückt auch in den Fokus, dass Stadtgeschichte schon immer auch Migrationsgeschichte ist, dass Zuwanderer, von wo auch immer und aus welchen Gründen auch immer sie kommen, Bestandteil der Stadtgeschichte sind. Schönwalds eindringliche Bitte an alle Laufer, die Ähnliches erfahren haben, lautet daher: „Schreiben Sie Ihre Geschichte auf, sie wird im Archiv bewahrt.“

Dokumentiert und begleitet wird die Veranstaltungsreihe von Michaela Moritz. In dem Heft „Vertreibung gestern, Flucht heute. Neue Heimat Nürnberger Land“ stellt sie die Lebensgeschichten der Vertriebenen von damals in eine Reihe mit den Erfahrungen von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien. Die Dokumentation gibt es zu kaufen.

Die sehenswerte Ausstellung kann bis Februar 2017 immer mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Pfründnerhaus des Glockengießerspitals, Spitalstraße 5 in Lauf, besichtigt werden.

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