Hersbruck in der Coronakrise

Minimalbesetzung und Lagerkoller

In der Bahnhof-Apotheke heißt es Schlange stehen – weil nur maximal drei Personen das Innere betreten dürfen. | Foto: A. Pitsch2020/03/IMG-7646-scaled-e1584373872575.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – „Das Leben wird auf Null heruntergefahren.“ So erklärt Hersbrucks Bürgermeister Robert Ilg die Ausrufung des Katastrophenfalls in Bayern für die nächsten 14 Tage.

Was die Situation genau bedeutet und welche Folgen sie haben wird, kann Ilg schwer einschätzen: „Wir haben so einen Fall noch nie erlebt.“ Ein Katastrophenfall an sich ist nicht so selten, doch gilt er meist nur für bestimmte Regionen – wie vor über einem Jahr bei den massiven Schneefällen. Dass er flächendeckend für den Freistaat verhängt wird, ist eine Premiere.

„Wir müssen abwarten, wie sich alles weiterentwickelt und ob die Maßnahmen greifen.“ Weil sich die Lage fast stündlich ändert, hat die Stadtverwaltung einen kleinen Krisenstab eingerichtet. Der habe vor allem ein Auge darauf, dass die Strom- und Wasserversorgung durch die Hewa weiter gewährleistet sei. „Die Kläranlage läuft mit Minimalbesetzung, um unsere Mitarbeiter zu schützen.“

Was geht noch?

Aus dem gleichen Grund hat die Verwaltung auch den Parteiverkehr bis 27. März eingestellt. Die Fachbereiche seien aber telefonisch besetzt. Trautermine seien gerade zu klären, ergänzt Verwaltungschef Karlheinz Wölfel: „Wir stellen auch Beurkundungen sicher. Dazu muss man bei uns anrufen und dann vereinbaren wir individuell Termine.“ Wichtig ist es Ilg, den Leuten die Angst zu nehmen, dass sie nicht mehr versorgt werden.

Gleiches möchte auch der Hersbrucker Einzelhandel tun. „Wir überlegen gerade im Wirtschaftsforum, wer noch welchen Service anbieten und wie er diesen organisieren kann“, sagt Kai Schmidt (Infos auf der Homepage). Sein Fotostudio sei von der Geschäftsschließung betroffen – wie wohl die meisten Wifo-Mitglieder.

Bei Steinbauer soll es aber weiterhin möglich sein, Fotos zu bestellen: „Wir schicken die dann direkt raus.“ Ein ähnliches System hat sich Heike Hösch vom Laden in Kirchensittenbach überlegt: Sie bietet Lieferservice an oder eine Vorab-Bestellung, so dass der Kunde nur noch sein Paket abholen und zahlen muss.

„Vor den Kopf gestoßen“

Nicht jeder war darauf vorbereitet, denkt Schmidt: „Der Einzelhandel wurde mit dem Katastrophenfall vor den Kopf gestoßen, denn mit einer so schnellen Schließung war nicht zu rechnen.“ Die kommende Zeit werde sicher für den ein oder anderen eng werden.

Nicht verrückt macht sich dagegen Alex Loos von der Radsportzentrale Hersbruck: „Was soll denn sein, wenn ich offen hab? Fahrräder sind lebensnotwendig.“ Von Kontrollen, ob die Vorgaben der Staatsregierung eingehalten werden, wisse Ilg im Übrigen nichts. Er wie auch Kneipenwirt Roland Winkler halten die Maßnahme „grundsätzlich für zwingend notwendig gegen eine weitere Ausbreitung des Virus“. Winkler fragt sich jedoch, ob 14 Tage dazu ausreichen. Jedoch begrüßt er, dass es nun – wenn auch erst nach den Wahlen – eine klare Anweisung gab und das „Rumgeiere“ der vergangenen Wochen ein Ende habe.

Mehr als 14 Tage werden schwierig

Die entscheidende Frage sei, wie lange der Katastrophenfall gelte. „14 Tage zu, das kann man auffangen, da geht keiner pleite.“ Zumal ja Förderungen versprochen wurden. Aber alles darüber hinaus, das werde dann schwierig – vor allem, weil gerade die Kneipen danach auch wenig Geschäft in Aussicht haben: „Unsere Saison endet Ende April, Anfang Mai, wenn alle in die Biergärten gehen. Da sind größere Einbußen für uns zu erwarten.“


Und noch ein Problem macht Winkler aus: „Wenn Alleinstehende sechs oder acht Wochen überhaupt keine sozialen Kontakte mehr haben, dann wirkt sich das auf die Psyche aus.“ Wie verkraftet die Gesellschaft das Leben auf Null? „Muss man das alles so brutalst zumachen?“

Die Beherbergung komplett einstellen für die kommenden 14 Tage, das müssen auch Hotels, weiß Gastwirt Peter Bauer. „Wir bekommen eine Stornierung nach der nächsten rein.“ Er wird den Betrieb bis Sonntag so gut es geht aufrechterhalten – „wir haben ja Veranstaltungen“. Aber für Kollegen am Land werden sich die eingeschränkten Öffnungszeiten nicht rentieren, mutmaßt er.


„Großer Schlag für die Branche“

Daher macht Jürgen Haas den „Sternwirt“ in Högen auch erst einmal zu. „Wir hätten jetzt eh eine Woche Betriebsurlaub. Aber vielleicht verlängern wir den dann.“ Fest steht, dass die Verordnungen ein „großer Schlag für die Branche sind“, so Bauer – trotz der in Aussicht gestellten Hilfe von „Papa Staat“. „Die werden wir sicher auch brauchen.“

Denn aufgrund der Absagen von Messen gingen der Gastronomie bereits im Vorfeld Kunden und Einnahmen flöten. Und was macht er mit den Mitarbeitern? „Die können Alturlaub und Überstunden abbauen, aber ich kann ja einen Lehrling nicht auf Kurzarbeit setzen“, erläutert Bauer. Auch für ihn sind die Folgen der Corona-Krise schwer einzuschätzen; es komme auf die Dauer an.

Alle an einem Strang

„Das alles hat schon etwas von Panikmacherei, aber irgendwo muss man ja ansetzen“, fügt er noch hinzu. Dass das Vorgehen von Erfolg gekrönt sein könnte, das bestätigt auch Betriebsärztin Antonia Dommke: „Wenn sich alle daran halten, dann besteht die große Möglichkeit, die Dynamik zu durchbrechen.“

Doch dazu müsse jeder für sich und seine Mitmenschen Sorge tragen, mahnt sie. Als Betriebsärztin berät sie Firmen, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. So wurden beim Offenhausener Stuhlhersteller Dauphin Meetings und Dienstreisen untersagt, Externe dürfen die Sanitäranlagen nicht mehr nutzen und die Essensausgabe in der Kantine wurde angepasst: Tabletts wurden verbannt, das Besteck wird direkt mit dem Essen gereicht und Ketchup gibt es nur noch in Portionsbeuteln.

Wäre es nicht sinnvoll, auch die Unternehmen zu schließen? „De facto sind die Betriebe doch schon zu“, sagt Dommke. Die Mitarbeiter seien damit beschäftigt, ihre Kinder zu betreuen. Und der Katastrophenfall sorge zudem dafür, dass Rettungskräfte in Alarmbereitschaft versetzt sind.
Die können sich im Landkreis auf den Ernstfall konzentrieren: Wie der BRK-Kreisverband mitteilt, fallen alle Kurse und Veranstaltungen bis Ende April aus.

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