Lockdown: Unverständnis bei Gastronomen

„Wir haben unser Bestmögliches getan“

Die Stühle werden wieder leer bleiben: Ab kommenden Montag heißt es in der Gastronomie für vier Wochen wie schon beim ersten Lockdown von März bis Mai nur noch „To Go“. | Foto: M. Gundel2020/10/DSC-1833-scaled-e1604046768136.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ (kp/mg) – Warum wir? Die am Mittwoch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den 16 Ministerpräsidenten beschlossene Verschärfung der Corona-Maßnahmen stoßen in der heimischen Gastronomie auf viel Unverständnis. Sollen die Wirte doch ihre Gasthäuser den ganzen November über schließen.

Neun Wochen Lockdown im Frühling, dann eine begrenzte Besucherzahl inklusive aufwendiger Hygiene-Maßnahmen im Sommer und jetzt muss wieder alles für einen Monat dichtgemacht werden, und das auch noch kurz vor Weihnachten – viele Gastronomen können da nur den Kopf schütteln.  Sie fühlen sich – wohl zu Recht – zu Sündenböcken für zuletzt rasant steigende Infektionszahlen gemacht.

„Wir haben zwar damit gerechnet“, sagt Peter Bauer vom Gasthof Restaurant Café Bauer in Hersbruck, aber „warum wir jetzt wieder schließen müssen, ist für keinen mehr verständlich.“ Laut Robert-Koch-Institut und etlichen namhaften Virologen ließen sich nur wenige Infektionen auf die Gastronomie zurückführen. Deshalb strebe der Dachverband wohl auch eine Klage gegen den erneuten Lockdown an.

Die allermeisten Restaurantbetreiber und Hoteliers („Schwarze Schafe gibt es immer“) hielten seit Ende Mai die geforderten strengen Hygieneauflagen ein, achten auf Abstand zwischen den Tischen, tragen selbst Masken, haben Schutzwände aufgestellt und dokumentieren, wer bei ihnen wann zu Tisch saß, sagt Bauer. Er hat als Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands einen guten Überblick über die Situation im Landkreis.

Zweifel am Sinn

Wie viele Kollegen hegt er starke Zweifel, ob dieser Lockdown die gewünschten Ergebnisse erzielt – viele dürften sich nun nicht mehr in Wirtshäusern treffen, sondern zu Hause. Das genaue Gegenteil von „kontrollierter“ Geselligkeit also, so Bauer, der auch ein beredtes Beispiel für diese Vermutung hat: Ein älterer Herr wollte bei ihm im November mit etlichen Leuten seinen Geburtstag feiern. Weil das nun nicht geht, lässt er sich das Essen eben nach Hause liefern. „Wie sollen das die ohnehin mit der Kontaktverfolgung überlasteten Gesundheitsämter kontrollieren?“, fragt Peter Bauer eher rhetorisch.

Der vom Gesetzgeber explizit erlaubte Abhol- und Lieferservice sei für ihn nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“, lohne sich allenfalls am Wochenende. Auch deshalb schickt Bauer viele seiner 25 Beschäftigten in Kurzarbeit und hofft auf ein halbwegs laufendes Weihnachtsgeschäft. Einige Betriebe im Landkreis, schätzt Peter Bauer, könne der erneute Lockdown zur Aufgabe zwingen.

Mitgefühl der Kunden

Das befürchtet Andrea Wagner vom Landgasthof „Weißes Lamm“ in Engelthal nicht, dennoch ist sie „sprachlos“ ob der neuerlichen Zwangspause: „Wir haben unser Bestmögliches getan, und jetzt müssen wir wieder zumachen“, sagt sie. Im Frühjahr sei diese Maßnahme ja noch richtig gewesen, jetzt aber habe sie dafür kein Verständnis mehr. Das gelte übrigens auch für ihre Kunden, die viel Mitgefühl für die erzwungene Notlage „ihres Gasthauses“ zeigen.

Und es entsprechend unterstützen: So hat ein örtlicher Unternehmer zwar die sonst übliche Weihnachtsfeier abgesagt, dafür aber seinen Mitarbeitern Essensgutscheine für das „weiße Lamm“ spendiert. Auch deshalb macht sich Andrea Wagner wenig Sorgen um die Zukunft des Betriebs. Der vergangene Sommer sei, auf das reine „A la carte“-Geschäft bezogen, der beste seit langem gewesen. Auch wenn das die Ausfälle wegen der vielen abgesagten Tagungen, Hochzeiten und anderen Festlichkeiten nicht ausgleichen konnte.

Infektionen bei Privatfeiern

„Gerechtfertigt ist das nicht“, sagt Thomas Sebald vom Gasthaus Sebald in Lieritzhofen deutlich. „Wir Wirte haben unser Hygienekonzept und unseren Teil erfüllt. Ich habe von keinen Ansteckungen in Gasthäusern gehört, zumindest nicht auf dem Land“, fügt er an. Für ihn fänden die meisten Infektionen bei Privatfeiern junger Leute statt, „denen alles egal ist“.

Nach „kurzzeitiger Verzweiflung“ nach Bekanntgabe der erneuten Einschränkungen tut Sebald wieder das, was er schon beim ersten Lockdown getan hat: seine Speisekarten und den Abholservice über Facebook und Internet bewerben. „Was soll ich anderes machen?“, fragt er. „Man kann die Zahlen nicht ändern und man ist ja froh, wenn einem geholfen werden kann, sollte es einen selbst betreffen.“

Seine Gäste hätten allerdings schon vergangene Woche, als die Zahlen rasant anstiegen, angefangen, ihre Reservierungen zu stornieren. „Ganze Busse haben abgesagt, das Spanferkelessen muss ausfallen…“, zählt Sebald auf. Das könne auch das To-Go-Geschäft nicht auffangen. Es bringe lediglich ein Drittel des eigentlichen Umsatzes ein.

„Das ist eben so“

Pietro Giacomucci von der Pizzeria Francesco in Hersbruck nimmt die ab Montag verordnete staatliche Auszeit eher gelassen: „Das ist jetzt eben so“, sagt er, „dann stellen wir halt wieder auf Abhol- und Lieferservice um.“ Der habe sich schon im April und Mai bewährt und wenigstens die Ausgaben gedeckt. Als Familienbetrieb sorge er sich – im Gegensatz zu manchem Kollegen – auch nicht um die Zukunft seiner Gastwirtschaft.

Wegen der diversen Hygienevorschriften („Die sind extrem wichtig, auch wenn die Maske manchmal nervt“) könne er zwar deutlich weniger Gäste als in normalen Zeiten bewirten, dafür seien am Abend viele Tische doppelt gebucht. Und auch im Sommer sei das Geschäft draußen gut gelaufen, sagt Pietro Giacomucci, „wie übrigens auch bei unseren Nachbarn“. Deshalb sehe er den neuerlichen Lockdown auch nicht so extrem wie viele seiner Kollegen.

Massiver Einbruch

Hans Heberlein vom Alten Schloss in Kleedorf sieht die Situation ebenfalls recht gefasst. „Wir haben mit dem Alten Schloss gerade eine Sonderstellung, weil wir durch die Baustelle an der Kreisstraße eh einen Gästeeinbruch haben“, sagt der Wirt. Vor allem unter der Woche gebe es wegen der aufwendigen Umleitung weniger Leute, die spontan zum Essen kommen. Zudem seien 90 Prozent aller Seminare von Geschäftsreisenden bereits abgesagt worden, als die Zahlen wieder gestiegen waren. Ob die restlichen Gäste nun auch noch absagen oder weiter buchen werden, müsse man abwarten, so Heberlein.

„Wir verlassen uns jetzt auf die Zusagen der Regierung für eine Entschädigung“, betont er. Sonst werde es auch für seinen Betrieb schwierig. Dankbar erzählt er hingegen von Gästen, die bereits Solidarität bekundet und versprochen hätten, in den nächsten Wochen wieder verstärkt Essen abholen zu wollen.

Der Kleedorfer Wirt versteht, dass Schritte eingeleitet werden mussten, um die steigenden Infektionen in den Griff zu bekommen. Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn die Gastronomie mehr verschont geblieben wäre. „Wir sind mit unseren weitläufigen Räumen nicht der Maßstab“, fügt er an. Da gebe es kleinere Gasthäuser, die mehr Probleme mit den Abstandsregeln haben dürften. „Aber wo fängt man an, wo hört man auf?“, fragt Heberlein.

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