Kritik an der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“

Was passiert mit den Spendengeldern?

Das Pressefoto von Samaritan‘s Purse zeigt nach Angaben der Organisation die Verteilung von Weihnachtspäckchen bei Roma-Kindern in Rumänien. | Foto: David Vogt2020/11/NL-Schuhkartonverteilung-scaled.jpg

W’HAID/ALTDORF/FEUCHT – Weihnachten im Schuhkarton: Spendengelder und Missionierung stehen in der Kritik. Jutta Hochsam und Brigitte Wunder engagieren sich seit 25 Jahren für die Aktion und wehren sich gegen die Vorwürfe.

Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ gibt es seit 25 Jahren. Von Beginn an hat der Bote die Sammlung in der Vorweihnachtszeit begleitet. Jetzt werden Stimmen laut, die den missionarischen Charakter der Weihnachtshilfe kritisieren und die Verwendung der Spendengelder hinterfragen.

Die Kritiker stoßen sich an der Bindung des deutschen Vereins an den evangelikal ausgerichteten amerikanischen Mutterverein, dessen Chef Franklin Graham mit Aussagen zum Islam und zur Homosexualität in der Vergangenheit für Wirbel sorgte. Der evangelische Regionalbischof von Nürnberg, Ark Nitsche, zeigt sich davon irritiert. Die Grundidee von Weihnachten im Schuhkarton allerdings begrüßt er. Das gehöre zu einem Christentum, das nicht nur redet, sondern auch etwas tut, sagt Nitsche im Gespräch mit den Nürnberger Nachrichten.

Türöffner für Missionsarbeit?

Missionierung mit Weihnachtspäckchen lehnen Teile der katholischen Kirche rundweg ab. Man könne Geschenke für bedürftige Kinder nicht als Türöffner für Missionsarbeit einsetzen, kritisieren etwa die Bistümer Trier und Rottenburg-Stuttgart. Der Burgthanner Werner Stritz und der Laufer Lorand Szüszner, beide für die Johanniter aktiv und regelmäßig mit Hilfstransporten auf dem Balkan unterwegs, sehen in der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ ebenfalls in erster Linie eine Missionierungsaktion. Die Hilfe stehe dabei hintan. „Was kann man denn schon in einen kleinen Schuhkarton hinein packen?“ fragt Stritz, der in den vergangenen Jahren hunderte Tonnen von Hilfsgütern auf den Balkan, vorwiegend nach Rumänien, gebracht hat.

Dass die Samariter aus Berlin um sechs beziehungsweise zehn Euro Geldspende pro Päckchen bitten, ärgert die beiden bei den Johannitern engagierten Helfer besonders. Sie rechnen vor, dass bei Spenden von sechs Euro pro Schuhkarton bei einer einzigen Transportfahrt mit einem großen Sattelschlepper rund 68 000 Euro an Spendengeldern zusammen kommen. Die Johanniter zahlen für einen Transport von Hilfsgütern nach Rumänien pro Sattelschlepper abhängig von der Jahreszeit zwischen 2250 und 3000 Euro.Wenn wir dann hören, dass Weihnachten im Schuhkarton sechs Euro pro Päckchen als Spende für Transportkosten verlangen und damit für einen Lkw 68 000 Euro Spendengelder da sind, dann kommt man schon ins Grübeln“, sagt Szüszner.

54 vollbeladene Lkw 2019

Kann das sein? 68 000 Euro Spendengelder pro Lkw? Wir haben bei Samaritan‘s Purse in Berlin nachgefragt und erfahren von Pressesprecherin Sandra Jakob, dass zwischenzeitlich pro Weihnachtspäckchen um eine Zehn-Euro-Spende gebeten wird. 7400 Schuhkartons lädt die Organisation laut Jakob auf einen Sattelschlepper (2019 fuhren insgesamt 54 vollbeladene Laster für die Samariter) – das macht dann 74 000 Euro an Spendengeldern pro Lkw. Nachgefragt, wofür die denn konkret verwendet werden, verweist die Pressesprecherin auf die Webseite ihrer Organisation.

Hier findet sich eine Grafik mit folgender Aufteilung: Von einer Zehn-Euro-Spende pro Päckchen entfallen 20,3 Prozent auf den Bereich „Transportieren und Verteilen“, 21,4 Prozent gibt die Organisation nach eigenen Angaben für „Begeistern und Bekanntmachen“ aus, 23,1 Prozent für „Qualität sichern und Verpacken“ und 35,2 Prozent für den Bereich „Mitmachen und Sammeln“.

DZI attestiert „einwandfreie Arbeit“

Intransparent ist das nicht, jedenfalls nicht für den Hüter des Deutschen Spendensiegels, das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI), das der Organisation regelmäßig sein Qualitätssiegel verleiht, nachdem es dessen Finanzgebahren überprüft hat. Unregelmäßigkeiten hat das Institut nie festgestellt. Es attestiert dem Verein im Gegenteil einwandfreie Arbeit. Leitung und Aufsicht seien angemessen strukturiert, klar voneinander getrennt und würden wirksam wahrgenommen, heißt es beim DZI zu Samaritan‘s Purse.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Organisation würde „klar, wahr, sachlich und offen“ informieren und der Anteil der Werbe- und Verwaltungsausgaben an den Gesamtausgaben sei nach DZI-Maßstab angemessen. Auch die von der Organisation gezahlten Vergütungen der Mitarbeiter würden den Status der Gemeinnützigkeit berücksichtigen. Schließlich würden Mittelbeschaffung und -verwendung sowie die Vermögenslage nachvollziehbar dokumentiert. „Die Organisation berichtet offen und umfassend über ihre Arbeit, Strukturen und Finanzen“, fasst der Berichterstatter des DZI auf dessen Webseite zusammen.


Über 23,5 Millionen Euro Einnahmen

Laut DZI hatten die Samariter aus Berlin im Jahr 2019 Einnahmen in Höhe von 23 522 526,85 Euro und beschäftigten 69 hauptamtliche Mitarbeiter.
Diese Zahl beinhaltet auch Mitarbeiter im Ausland. Ehrenamtlich sind laut DZI 10 400 Menschen für Samaritan‘s Purse tätig. An der Spitze der Organisation steht der Amerikaner Franklin Graham, Sohn des verstorbenen Predigers Billy Graham, in Deutschland leitet Sylke Busenbender den Verein der barmherzigen Samariter. Die 59-Jährige ist seit 2012 Mitglied bei Samaritan‘s Purse und leitete bis 2018 ein Nahverkehrsunternehmen mit 2000 Mitarbeitern.

Hier vor Ort sind Jutta Hochsam und Brigitte Wunder Frauen der ersten Stunde. Seit 25 Jahren arbeiten die Winkelhaiderinnen ehrenamtlich für die Organisation und haben bis heute große Freude an ihrem Engagement für „Weihnachten im Schuhkarton“. Jutta Hochsam schätzt nach eigenen Angaben die „Verbindung von Hilfe mit dem Angebot des Evangeliums“ und ärgert sich über die Kritik aus kirchlichen Kreisen. Glaubensangebote seien ja immer freiwillig, betont sie, es gehe nicht um unfreiwillige Missionierung. Bibelwochen oder Glaubenskurse für Kinder, denen die Organisation Weihnachtspäckchen brachte, könnten doch nicht Gegenstand der Kritik sein, stellt Hochsam fest, ist sich aber mit Wunder einig, dass Franklin Graham und der evangelikal ausgerichtete Mutterverein in den USA durchaus differenziert gesehen werden müssen.

Aber das trennen wir von unserem Engagement hier“, sagt sie und erklärt das auch allen Unterstützern, die nach einem Beitrag in den Nürnberger Nachrichten über Samaritan‘s Purse auf Distanz gingen.
Das Evangelium anzubieten, die Weihnachtsgeschichte als Broschüre zu verteilen oder Bibelkurse zu organisieren gehört für Wunder und Hochsam zu den selbstverständlichen Aufgaben einer christlichen Organisation. Dazu müssten auch Mittel zur Verfügung stehen. „Und der Verein will ja auf dem Gebiet der Missionsarbeit Nachhaltigkeit erreichen“, sagt Wunder. Mit Hochsam freut sie sich deshalb auch über den Ritterschlag, den das DZI ihrem Verein mit dem Spendensiegel erteilt.

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