Demo gegen Schließung des Wichernhaus-Internats

Unmut und Trauer

Die Rollstuhlfahrer Murat Sari, Joanna Kaletka und Jürgen Dobler sind ehemalige Bewohner des Wichernhaus-Internats. Für sie war es Ehrensache, an der Demonstration teilzunehmen. | Foto: Alex Blinten2021/03/Altdorf-Demo-Internat.jpg

ALTDORF – Bewohner, Ehemalige und Betreuer demonstrieren im Altdorfer Zentrum gegen die geplante Schließung des Wichernhaus-Internats im Juli kommenden Jahres.

Bewohner des Wichernhaus-Internats, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Krankenpfleger und ehemalige Internatsschüler haben vor der Laurentiuskirche demonstriert. Sie wollen reden, sich austauschen und die Altdorfer über die Pläne der Rummelsberger Diakonie informieren. Und sie wollen daran erinnern, dass Wichernhaus-Schule und -Internat zur DNA der Stadt gehören. Wie die Wallensteinfestspiele.
Andrea Koch-Plank arbeitet seit über zwei Jahrzehnten als Therapeutin im Wichernhaus. Sie hat die Demonstration am Markt mit organisiert.

Plakate, beschriebene Tücher, und Infotafeln prägen das Bild auf dem Platz vor der Kirche. Passanten bleiben stehen, fragen nach, schütteln den Kopf, als sie erstmals von Teilnehmern der Demo erfahren, dass die Rummelsberger ihr Internat im Wichernhaus schließen wollen. „Frust, Fassungslosigkeit, Wut, Trauer“, fasst Andrea Koch-Plank zusammen, als man sie nach ihrer Stimmung und der Gemütslage ihrer Kolleginnen fragt. Die Diakonie gebe ihre Werte auf, sagt sie, anklagend klingt das, aber gleichzeitig ein wenig resignierend.

„Aufgezogen und vorgeführt“

Was heißt das überhaupt: Werte aufgeben? Vielleicht kann Cornelia Sutter am besten erklären, worum es hier geht. Ihr 12-jähriger Sohn Nataniel wohnt im Wichernhaus-Internat. Die Einrichtung war seine Rettung nach schlimmen Erfahrungen mit der Inklusion in anderen Schulen. „In der Pause haben die anderen Kinder Nataniel aufgezogen und vorgeführt“, erzählt die Mutter. „Er ist verloren in einer Schule mit normalen Kindern.“ Hat er Spielkameraden? Freunde? „Ja sicher“, sagt Cornelia Sutter, „aber ausschließlich im Internat.

Unter den Mitarbeitern, Therapeutinnen, Betreuerinnen und Pflegern herrscht große Unsicherheit, auch wenn das Angebot der Diakonie zur Weiterbeschäftigung in anderen Bereichen besteht. Foto: Alex Blinten2021/03/Altdorf-Demo-Internat2.jpg

Während wir plaudern, umarmt Nathaniel hier eine Bekannte, dort einen Wichernhausmitarbeiter und ist unablässig unterwegs. „Die Erzieher und Therapeuten liebt er“, sagt seine Mutter. Sie hofft jetzt, dass ihr Junge bis zum Juli kommenden Jahres in seiner Wohngruppe bleiben kann, weil mehrere Gruppen bereits im Juli dieses Jahres aufgelöst werden.
Das Wichernhaus-Internat ist nicht irgendein Internat, sagt die Mutter dann noch, bevor sie sich verabschiedet. Nathaniel habe hier ein Zuhause, einen Ort, wo er sein darf, wie er ist. Murat Sari, Joanna Kaletka und Jürgen Dobler sind mit ihren Rollstühlen aus ihren Wohnungen in der Professor-Franz-Becker Straße zum Markt gekommen. Die drei haben an der Wichernhaus-Schule gelernt und haben vor Jahren im Internat gewohnt. „Das war wunderbar“, sagt Murat Sari. „Hier hat man uns vorbereitet auf ein selbstständiges Leben.“ Deshalb ist es Ehrensache für das Trio, Flagge zu zeigen beim Protest gegen die geplante Schließung.

50 Mitarbeiter sind betroffen

Seit einem Jahr ist Tobias Walter im Internat. Er konnte es nicht fassen, als er in der vergangenen Woche von der Schließung erfuhr. „Ich bin wirklich sehr traurig, dass das passiert“, klagt er. Aber vielleicht lenkt die Diakonie ja doch noch ein, hofft der junge Mann. Sein Blick dabei: eine Mischung aus Skepsis und Optimismus. 50 Mitarbeiter sind direkt und indirekt von der Schließung des Internats betroffen, fest bei der Rummelsberger Diakonie angestellte und Therapeuten und Betreuer mit befristeten Verträgen. Für die Festangestellten gibt es das Angebot der Diakonie, in anderen Bereichen weiter beschäftigt zu werden. „Das werde ich aber nicht annehmen“, versichert uns eine Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, weil das möglicherweise zu Problemen mit ihrem Arbeitgeber führen könnte. Warum will sie nicht weiter für die Rummelsberger arbeiten? „Weil der diakonische Gedanke hier verraten wird“, stellt sie fest.


Zerstörtes Vertrauen, verlorene Menschlichkeit. Die von Mitarbeitern erhobenen Vorwürfe gegen die Rummelsberger Diakonie wiegen schwer. | Foto: Alex Blinten2021/03/Altdorf-Demo-Internat1.jpg

Andreas Kasperowitsch und Robert Vogtherr sind vor Ort, Ehrensache auch für die beiden ehemaligen Leiter der Wichernhausschule, haben sie doch umgehend mit scharfer Kritik reagiert, als die Rummelsberger ihre Pläne zur Internats-Schließung öffentlich machten (wir berichteten).
Wenn im kommenden Jahr das Internat geschlossen wird, verliert Mittelfranken die einzige derartige Einrichtung. Darauf weisen Uli Reuter, Behindertenbeauftragter der Stadt Altdorf, und seine Schwarzenbrucker Kollegin Monika Brandmann auf der Demo am Markt hin. Kinder und Jugendliche wie Nataniel und Tobias, die in Regelschulen verloren und chancenlos sind, die wie Nataniel erfahren haben, dass Inklusion zwar ein hehres Ziel ist, aber sehr weh tun kann, wenn sie nicht funktioniert, diese Kinder müssen mit ihren Familien künftig in Coburg oder Würzburg Internatsplätze suchen. Das sind von Altdorf aus die nächsten Einrichtungen.

Schauen Sie sich doch mal in Altdorf um“, sagt Andrea Koch-Plank. „Geschäfte, Lokale, die Stadt, alle haben sich auf die Belange der hier lebenden behinderten Menschen eingestellt.“ Wichernhaus und Altdorf – das gehört für die Ergotherapeutin einfach zusammen. Mit Internat.

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