Ehemalige Mitarbeiter äußern scharfe Kritik

„Unfassbar“

Blick in die Küche einer Wohngruppe des Wichernhaus-Internats: Im Juli kommenden Jahres wird die Einrichtung schließen. Für die Bewohner bemüht sich die Diakonie schon jetzt um Plätze in adäquaten Einrichtungen. | Foto: Rummelsberger Diakonie2021/03/Altdorf-Wichernhaus-Internat-scaled.jpg

ALTDORF – Weil das Wichernhaus-Internat im kommenden Jahr schließt, melden sich jetzt der ehemalige Rektor des Förderzentrums für Körperbehinderte und Sonderpädagogen mit deutlicher Kritik an der Rummelsberger Diakonie zu Wort.

Andreas Kasperowitsch, Robert und Birgit Vogtherr sind empört über die Entscheidung der Rummelsberger Diakonie, das Wichernhaus-Internat zu schließen. Kasperowitsch war bis 2019 Schulleiter des Förderzentrums für Körperbehinderte, Vogtherr bis 2016 sein Konrektor. Birgit Vogtherr hat von 1992 bis 2018 als Sonderschullehrerin am Wichernhaus gearbeitet. Gemeinsam machen sie ihrem Ärger über das bevorstehende Ende des Internats Luft. Die Diakone Volker Deeg und Thomas Jacoby, ehemaliger und aktueller Leiter der Behinderten-Einrichtung in Altdorf, haben in einem Gespräch mit den Internatsbewohnern und deren Angehörigen die Entscheidung zur Schließung begründet (wir berichteten).

Deeg sprach dabei von begrüßenswerten Auswirkungen einer „gelingenden Inklusion“. Junge Menschen würden mehr und mehr an Regelschulen am Unterricht teilnehmen. Und für diejenigen Schüler, die nach wie vor in einer Schule mit besonderen Förderschwerpunkten lernen, seien Internate ebenfalls entbehrlich. „Aber das gilt doch für die gemeinten Kinder und Jugendlichen überhaupt nicht“, hält Kasperowitsch dem entgegen. Die Behauptung von der „gelingenden Inklusion“ verhöhne die Realität, sekundiert das Ehepaar Vogtherr. „Denn kein Mensch weiß, in welche Internate Schüler mit Behinderung zukünftig inkludiert werden sollen, weil es diese Schülerwohngruppen schlichtweg nicht gibt.“ Wenn bestehende Einrichtungen wie das Wichernhaus-Internat geschlossen werden, selbst wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen, dann spreche man in Fachkreisen von „kalter Inklusion“, fügt Robert Vogtherr hinzu.

„Unzureichende Bedingungen“

Der ehemalige Konrektor verweist auf die vielen Familien, die nach jahrelanger Suche für ihre Kinder im Wichernhaus eine Heimat gefunden haben mit passender Beschulung und Vorbereitung auf ein möglichst selbstbestimmtes Leben. Dass die Nachfrage nach Internatsplätzen zurück geht, sieht auch Andreas Kasperowitsch, ein Umstand, mit dem die Rummelsberger die Schließung der Einrichtung in Altdorf begründen. Für ihn ist das aber keineswegs eine Folge „gelingender Inklusion“, sondern vielmehr ein Zeichen dafür, dass seit Jahren die Qualität der Angebote an der Einrichtung zurück gefahren wurde. Der ehemalige Schulleiter spricht von unzureichenden personellen, räumlichen und konzeptionellen Bedingungen: „Eine Personalpolitik wurde durchgeführt, die jedem neoliberal orientierten Unternehmen in der freien Wirtschaft zur Ehre gereichen würde.

Am Ende sind es die ökonomischen Bedingungen, die maßgebenden Einfluss darauf haben, dass das Internat im Juli kommenden Jahres geschlossen wird. Hier konzediert Kasperowitsch, dass man die Entwicklungen immer „realistisch betrachten“ müsse. Einsparungen aber dürften doch nicht zu Lasten der Schwächsten durchgeführt werden. „Was ist denn das für eine diakonische Einstellung?“ fragt er. Unfassbar ist für den ehemaligen Schulleiter die Aussage von Volker Deeg, dass beim Wichernhaus-Internat Diakonie nicht mehr gebraucht werde. „Ja, wo denn sonst, wenn nicht dort?

Menschen an Ihrer Seite“ ist das Motto der Rummelsberger Diakonie, für Kasperowitsch und das Ehepaar Vogtherr vor dem Hintergrund der Internatsschließung eine inhaltslose Phrase. Letztlich kommt die Schließung für die Kritiker nicht überraschend, sie sehen hier vielmehr einen weiteren Schritt beim Abbau von Angeboten und nennen den Verkauf des Krankenhauses und die Schließungen von Bäckerei, Großküche und Wäscherei.

Nur noch acht Schüler

Am Ende des nächsten Schuljahres werden laut Rummelsberger Diakonie noch acht Schüler im Internat leben. Wichernhausleiter Thomas Jacoby versichert, dass man die Kinder und deren Familien nicht allein lassen werde. Alle Betroffenen sollen eine Begleiterin zur Seite gestellt bekommen, „um eine ganz persönliche Perspektive für die Zeit nach dem Internat zu entwickeln“, verspricht Georg Borngässer, Pressesprecher der Rummelsberger Diakonie. Allerdings fragt sich das Ehepaar Vogtherr, wie diese Perspektiven aussehen sollen, wenn keine Wohnmöglichkeiten für dieses Klientel vorhanden sind.


Volker Deeg sieht seit den 90er Jahren einen kontinuierlichen Rückgang bei den Zahlen der Internatsbewohner. Damals wohnten in der Einrichtung noch 90 Kinder, heute sind von vorhandenen 43 Plätzen noch 35 belegt. Diese Entwicklung ist kein Alleinstellungsmerkmal des Wichernhauses, sagt Deeg, es gebe sie vielmehr in allen vergleichbaren Einrichtungen. Für die Diakonie sei es wirtschaftlich ausgesprochen schwierig, kleine Wohngruppen mit großem Personalaufwand zu betreuen. „Schön wäre es allerdings, wenn die Rummelsberger ihre Bewohner im Vordergrund gesehen hätten anstelle von wirtschaftlichen Erwägungen“, kommentiert Robert Vogtherr.

Für die Mitarbeiter, versichert Deeg, gibt es eine Perspektive, sie erhalten neue Aufgaben bei der Rummelsberger Diakonie. Und für die im kommenden Jahr noch acht verbleibenden Internatsbewohner suchen die Rummelsberger bayernweit nach Plätzen in anderen Wohngruppen.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren