Interview mit Schwaigs Trainer zur EM

Rahner fordert von DFB-Elf die richtige Einstellung

Kann Deutschland wie 2014 (Im Bild eine Feier auf dem Laufer Marktplatz) auch dieses Jahr ein großes Turnier gewinnen? Helmut Rahner glaubt nicht daran. | Foto: Fischer/PZ-Archiv2021/06/wm-2014-autokorso-grosse-fahne-marktplatz.jpg

Nürnberger Land – Helmut „Alu“ Rahner lehrte in den 1990er Jahren so manchem Stürmer das Fürchten, der gebürtige Oberfranke spielte unter anderem für Bayer Uerdingen, den 1. FC Nürnberg und Rot-Weiß Essen (92 Bundesligaspiele, 92 Zweitligaspiele) und war als beinharter Verteidiger bekannt. Seit 2017 trainiert er den SV Schwaig, den er in die Landesliga geführt hat. Zum Start der Europameisterschaft spricht der 50-Jährige über die Chancen der Deutschen Mannschaft, Ungerechtigkeit im Fußball und das Turnierformat.

Herr Rahner, der SV Schwaig hat im Oktober 2020 sein letztes Spiel bestritten, seitdem sind Sie und Ihre Spieler zur Untätigkeit verdammt. Die Profis hingegen mussten nur im Frühjahr letzten Jahres rund eineinhalb Monate aussetzen. Ärgert Sie das?
Rahner: Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Dass Amateure und Kinder draußen keinen Sport machen können, das hätte ich nie gedacht. Das wird auch Schäden verursachen. Die Leute sitzen auf der Couch, schauen Netflix und essen Chips.


Haben Sie als Ex-Bundesligaspieler auch Verständnis dafür, dass die Profis spielen dürfen?
Klar wollen wir alle, dass der Profifußball läuft. Aber gleichzeitig durfte man bis vor zwei Wochen nicht in ein Eiscafé – das passt nicht zusammen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Und wo war denn die Unterstützung der Profis für die Amateursportler? Ich habe keinen einzigen gehört.


An diesem Wochenende beginnt die Europameisterschaft (das Auftaktspiel fand bereits gestern Abend statt, Anm. d. Red.). Der Spielplan in den großen Ligen war dieses Jahr besonders eng getaktet, es gab etliche „englische Wochen“, das Champions-League-Finale ist erst zwei Wochen her. Sind Sie überhaupt schon in EM-Stimmung?
Rahner: Die Lust auf die deutsche Mannschaft war lange weg. Aber ich glaube, wenn es am Dienstag (gegen Frankreich, Anm. d. Red.) wieder losgeht, ist sie wieder da. Wir waren ja mit der Nationalmannschaft zuletzt nicht zufrieden. Man ist skeptisch, weil sie nicht geliefert hat. Dafür haben uns die U21 und die Eishockey-Mannschaft stolz gemacht. Von Deutschland erwartet man bei der EM eigentlich nicht so viel. Schon das erste Spiel ist ein Kracher gegen die beste Mannschaft der Welt, die sich nur selbst schlagen kann.

Der ehemalige Verteidiger Helmut Rahner erkennt Schwächen in der Abwehr der DFB-Elf.2021/06/SV-Schwaig-Rahner-2.jpg


Wie viele EM-Spiele werden Sie schauen?
Rahner: Ich werde mir die Schmankerl rauspicken. Ukraine gegen Nordmazedonien am Donnerstag um 15 Uhr lasse ich mal aus. Ich hab mir im „Kicker“ angekreuzt, welche Spiele ich sehen will. Es ist gut, dass es Zuschauer gibt. Die Mattscheibe wird schon glühen. Es kommt aber auch auf das Niveau der Spiele an. Die Teams haben nicht viel Zeit, was einzustudieren.


Wie stehen Sie zur EM mit 24 Teams, in der ja auch vier der Gruppendritten noch in die K.O.-Runde kommen?
Rahner: Das ist ein absoluter Stuss, es ist ein sehr aufgeblähter Spielplan. Klar, für Nordmazedonien ist es ein Highlight. Aber es geht ja nur um die Vermarktung. Die Spieler aus den großen Ligen sind alle überspielt, ob Kimmich oder Gündogan. Von Frische brauchst du da nicht mehr reden. Aber die Profis machen das mit. Und die Zuschauer sollten nicht drei Spiele am Stück schauen, sondern lieber selbst mal Sport machen.


Für Deutschland in der „Todesgruppe F“ geht es gleich gegen den Topfavoriten. Was erwarten Sie vom Spiel?
Rahner: Die Mannschaften kennen sich, da wird viel taktiert werden. Du darfst den Franzosen keine Räume geben und musst erst mal schauen, dass du keine Kiste kriegst, sonst musst du aufmachen. Nach einer Viertelstunde wird man sehen, wie es läuft. Ich erwarte fast eine Niederlage. Im zweiten Spiel (am kommenden Samstag gegen Portugal, Anm. d. Red.) musst du dann schon Gas geben. Aber dass man keinen Pfifferling auf Deutschland gibt, kann auch ein Vorteil sein.


Wie gut ist die deutsche Mannschaft diesmal aufgestellt?
Rahner: Dem deutschen Kader würden zwei bis drei Spieler von Frankreich guttun. Die Abwehr ist nur Durchschnitt. Auf der rechten und linken Verteidigerposition sind wir nicht Weltklasse. Es ist gut, dass der Trainer Mats Hummels zurückgeholt hat, ich gehe davon aus, dass er spielt. Rüdiger ist ein schneller Spieler und er hat eine breite Brust durch den Gewinn der Champions League mit Chelsea. Ginter ist nur Mittelmaß. Wir müssen im Kollektiv verteidigen wie die Italiener.


Wo sehen Sie Joshua Kimmich? Sollte er vor der Abwehr spielen oder braucht ihn die Mannschaft als Rechtsverteidiger?
Rahner: Dass sich Kimmich hinten rechts in den Dienst der Mannschaft stellt, kann ich mir gut vorstellen. 2018 ist er aber vogelwild über den Platz gerannt. Es müsste eigentlich einen geben, der die rechte Seite zumacht. Im Zentrum sind Kroos und Gündogan ähnliche Spieler, mit beiden klappt es normalerweise nicht, außer Gündo­gan spielt weiter vorne. Mit den beiden kann man es über Ballbesitz versuchen, gegen den Ball eher nicht. Der Bundestrainer braucht ein glückliches Händchen. Vorne haben wir die Qual der Wahl, aber uns fehlen die Stoßstürmer.


Welche Einstellung erwarten Sie von der deutschen Elf?
Die U21 hat es vorgemacht (beim EM-Sieg am vergangenen Wochenende, Anm. d. Red.), sie haben ein Kämpferherz wie Deutschland bei der EM 1996. Was man von den Spielern sehen will, ist, dass sie sich zerfetzen und nicht so ein Freizeitgekicke wie 2018 in Russland.


Welche Teams finden Sie neben Deutschland besonders interessant?
Rahner: Schon die großen Nationen. Ich schaue mir immer die Italiener an, auch England und Spanien. In der Regel bildet sich dann auch ein Außenseiter heraus. Ich freue mich auf England gegen Schottland am Freitag, das wird ein kleiner Krieg.


Wer holt sich den Pokal und wie schneidet Deutschland ab?
Rahner: Frankreich gewinnt den Titel. Deutschland scheidet im Viertelfinale aus – aber ich hoffe, ich liege falsch (lacht).

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