Nach Drohbrief-Serie

Susanne G. soll Attentat geplant haben

Einer der Briefe, die mutmaßlich von Susanne G. abgeschickt wurden. Er ging an den Röthenbacher Moscheeverein. | Foto: Ditib Röthenbach2020/03/nnn.png

NÜRNBERGER LAND — Die Bundesanwaltschaft hat vor dem Oberlandesgericht München Anklage gegen Susanne G. erhoben. Vorgeworfen wird der Diepersdorferin, einen Brandanschlag vorbereitet zu haben. Sie soll außerdem für eine Serie von Drohbriefen an zwei Politiker, einen Flüchtlingsverein und die Röthenbacher Moschee im Winter 2019/2020 verantwortlich sein.

Es ist ein unscheinbares Haus in Diepersdorf, in dem Susanne G. wohl rechtsextreme Gewalttaten plante. Hinter der weißen Fassade verfasste die 55-Jährige, die von der Bild-Zeitung als „Neonazi-Heilpraktikerin“ bezeichnet wird, Morddrohungen und plante Anschläge. Seit gestern ist öffentlich: Trotz der laufenden Ermittlungen zu ihren Drohbriefen (die PZ berichtete) soll sie im Sommer 2020 Brandanschläge geplant und mögliche Opfer ausgespäht haben.

Am gestrigen Mittwoch machte die Bundesanwaltschaft öffentlich, dass sie vor dem Oberlandesgericht München Anklage gegen Susanne G. erhoben hat. Diese wiegt schwer: Die 55-Jährige wird der Vorbereitung einer „schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ beschuldigt. 

Im Falle der „Staatsgefährdung“ kann der Generalbundesanwalt die Anklage übernehmen. Susanne G. ist damit die erste rechtsextreme Einzeltäterin, die vom deutschen Generalbundesanwalt angeklagt wird. Sie vertritt laut Generalbundesanwalt „eine von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit geprägte Grundhaltung.“ 

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Neben der Vorbereitung von Brand­anschlägen stehen die Störung des öffentlichen Friedens, die Androhung von Morden und Verstöße gegen das Waffengesetz auf der Vorwurfsliste gegen Susanne G. Ihr drohen bis zu zehn Jahre Haft.

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Es begann mit Drohbriefen

Als im März 2020 ein Drohbrief an die Röthenbacher Moscheegemeinde hohe Wellen schlug, dachte noch niemand, dass eine Heilpraktikerin, die in Diepersdorf ihren Patienten Tropfen verschreibt, dahintersteckt. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass der Brief mit beiliegender scharfer Patrone Teil einer Serie war.

Neben dem Moscheeverein fanden ein Flüchtlingsverein und zwei fränkische Mandatsträger von Dezember 2019 bis März 2020 Drohungen im Briefkasten. Insgesamt handelte es sich um sechs Briefe, fünf davon mit scharfer Patrone. 

Einer der Politiker ist nach PZ-Informationen Armin Kroder, Landrat des Nürnberger Lands. Anders als von diversen Medien berichtet, zählt der SPD-Bundestagsabgeordnete Carsten Träger aus Fürth nicht zu Susanne G.s Opfern. Das bestätigte Träger gestern der Pegnitz-Zeitung.

Die Kripo wird schnell fündig

Um den Täter zu finden, gründete die Kriminalpolizei Schwabach eine Soko und ermittelte den Laden, in dem Susanne G. alle Karten gekauft hatte, die in ihren Briefen steckten. Ende März wurde sie festgenommen, allerdings war sie nach kurzer Zeit wieder auf freiem Fuß, weil kein Haftgrund bestand. Die Polizei durchsuchte G.s Haus in Diepersdorf und fand illegal beschaffte Munition sowie die Schablone, mit deren Hilfe die Drohbriefe beschriftet wurden. 

Mit dem gesteigerten öffentlichen Interesse an Susanne G. sickerten immer mehr Hintergründe über die gelernte Physiotherapeutin durch, die bei ihren Patienten einen guten Ruf genoss. Den ersten Kontakt zum rechtsextremen Milieu hatte sie wohl durch einen Rockerclub. Anschließend schloss sie sich der rechtsextremen Partei „III. Weg“ an und nahm als Ordnerin an Demonstrationen von Neonazis teil.

Ihr Hass auf Migranten und Gläubige diverser Religionsgruppen muss wohl in dieser Zeit stetig gewachsen sein. Denn nachdem die Staatsanwaltschaft Nürnberg/Fürth ab März 2020 begann, die Anklage gegen Susanne G. wegen der Morddrohungen vorzubereiten, legte die Diepersdorferin mit Anschlagsplänen noch eine Schippe drauf – zunächst unbemerkt.

Doch als die Verdächtige im August 2020 nicht mehr auf die Schreiben der Staatsanwaltschaft antwortete, stellte diese eine Fluchtgefahr fest. Das Amtsgericht Nürnberg erließ Haftbefehl, Susanne G. wurde am 7. September 2020 in einem Fürther Hotel entdeckt und von der Polizei festgenommen. Die Durchsuchung des Autos der 55-Jährigen war zunächst noch Routine. Schließlich ging es primär darum, die drohende Flucht zu verhindern.


Propangas und Raketen

Doch die Inspektion von Wagen und Hotelzimmer förderte ganz neue Aktivitäten zutage: Die Polizisten fanden Literatur zum Umgang mit Sprengstoffen und Materialien zum Bau von Brandsätzen, wie Benzin, Kartuschen mit einem Propan-Butan-Gasgemisch, Feuerwerkskörper und Zündschnüre. 

Weitere Hinweise ließen die Staatsanwaltschaft darauf schließen, dass Susanne G. seit Mai 2020 einem fränkischen Politiker und mehreren Polizisten nachspionierte. G. überwachte wohl die Wohnorte sowie die Autos ihrer potenziellen Opfer. 

Es besteht Grund zur Annahme, dass es sich bei dem überwachten Politiker um Landrat Armin Kroder handelt. Er selbst will sich zu dem Fall mit Verweis „auf das laufende Verfahren“ nicht äußern. 

Der Prozess wäre in München

Dieses Verfahren hat nun die Bundesanwaltschaft übernommen. Die Anklage zulassen, muss das Oberlandesgericht München innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate. Dort würde im Falle einer Anklage auch der Prozess gegen Susanne G. stattfinden, die zurzeit in Untersuchungshaft sitzt. 

Einfluss auf die Dauer des Prozesses hat unter anderem, ob die Verdächtige aussagt, wie stichhaltig die Beweise sind und wie viele Zeugen möglicherweise geladen werden. 

Ob die 55-Jährige schuldfähig ist, muss ein psychiatrischer Gutachter klären. Ein positiver Aspekt bleibt festzuhalten: Die Staatsanwaltschaft Nürnberg/Fürth verhinderte durch die Festnahme, dass Susanne G. ihre gewalttätigen Pläne in die Tat umsetzen konnte. 

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