Laufer Stadtarchiv lud vertriebene Sudetendeutsche ein

Reden über die Flucht

Die Zeitzeugen der Dialogrunde (v.l.): Manfred Baumgartl, Rüdiger Hein, Altlandrat Helmut Reich, Renate Kirchhof-Stahlmann und Herbert König. | Foto: Spieß2016/05/Zeitzeugen-Sudetendeutsche-Stadtarchiv-Foto-Spiess.jpg

LAUF – Transport in stinkenden Viehwaggons, Hunger und Angst: Fünf ehemalige Sudetentendeutsche berichteten am Freitagabend von ihrer Flucht nach Deutschland.

Nicht nur die Figur Kaiser Karls IV. verbindet Bayern mit Böhmen. Viel jünger und so manchem Zeitgenossen viel präsenter ist die Geschichte der Vertreibung der Sudetendeutschen nach 1945 und ihrer Ankunft in Bayern: Bis zum Jahr 1946 nahm allein der Altlandkreis Lauf in 35 Gemeinden 10 163 Heimatvertriebene auf.

Eine erste vom Laufer Stadtarchiv initiierte Dialogrunde in der Scheune des Spitals mit den Zeitzeugen von Flucht und Vertreibung aus der ehemaligen Tschechoslowakei wurde eingeführt von einem Vortrag der Leiterin des Laufer Stadtarchivs, Ina Schönwald, und moderiert von Altlandrat Helmut Reich, Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Nürnberger Land. Fünf Zeitzeugen berichteten aus ihrer persönlichen Sicht von den Umständen ihrer Vertreibung und Flucht und von den Lebensbedingungen in ihrer neuen Heimat.

Schönwald berichtete von den detaillierten Angaben dazu im Findbuch der städtischen Akten, die genaue Auskunft geben über die Flüchtlingsbetreuung und -hilfe, die Wahl von Flüchtlingsvertrauensleuten und die Unterbringung der Vertriebenen in Lauf.

Einen ersten Hinweis auf ihre Ankunft findet sich am 16. August 1945. Bereits damals berichtete der damalige Landrat von „unwürdigen“ Verhältnissen und davon, dass es den Vertriebenen am Nötigsten fehlt. Auch beklagte er das fehlende Verständnis der Einheimischen und den Mangel an Menschlichkeit.

Mit dem Beginn der „organisierten Vertreibung“ der Sudetendeutschen kam es 1946 zu großen Flüchtlingsströmen nach Bayern.Um die Belange der Vertriebenen im Landkreis kümmerten sich auch Hilfsorganisationen, aus denen sich die Sudetendeutsche und Schlesische Landsmannschaft entwickelten.

Beim Sudetendeutschen Tag in Nürnberg im Jahr 1956 stellte der damalige Laufer Bürgermeister Christoph Bankel fest, dass 2237 Vertriebene inzwischen endgültig in Lauf ansässig geworden seien und sich inzwischen als Stützen der Unternehmen vor Ort erwiesen hätten.

Schönwald schloss damit einen Bogen zur Gegenwart: Dies könnte ein Hinweis darauf sein, anlässlich der heutigen Flüchtlingsbewegungen wieder so zu handeln. Auch jetzt gebe es wieder „Versorgungs- und Wohnprobleme“, doch im Gegensatz zu damals „geht es uns gut“.

Reich erinnert sich

Anfangs hatte Altlandrat Helmut Reich das jahrhundertelange friedliche Miteinander von Deutschen, Tschechen und Slowaken in Erinnerung gerufen, das sich aber bereits nach 1918 in eine antideutsche Stimmung gewandelt hatte und spätestens während des 2. Weltkriegs in unmenschliche Verbrechen in den Ostgebieten, besonders im Sudetenland umgeschlagen war. Reich, der mit seiner Familie aus dem Kreis Eger vertrieben wurde, berichtete von einem Transport in „verriegelten und stinkenden Viehwaggons“ in ein Lager nach Schwabach und am Ende nach Lauf.

Manfred Baumgartl, der aus dem Erzgebirge stammt und über Sulzbach-Rosenberg schließlich nach Röthenbach kam, war zusammen mit vier Geschwistern und seiner Mutter unterwegs. Nur mit dem Allernötigsten ausgestattet, landete seine Familie in einem kleinen Tanzsaal, in dem eine auf einer Schnur aufgehängte Decke die „Trennungswand“ zu einer anderen Familie bildete.

Aus dem Altvatergebirge, nahe der polnischen Grenze, wurde Rüdiger Hein mit seiner Familie vertrieben. Teils zu Fuß, teils mit dem Zug, kamen sie nach einer Flucht zu Verwandten, bettelnd und hungernd, über Pilsen nach Lauf.

Schwester starb auf der Flucht

Renate-Kirchhof-Stahlmann aus Ottensoos erzählte vom Tod ihrer kleinen Schwester während der Vertreibung und dem ihres Großvaters 1947 in einem Vernichtungslager. Da sie als Anti-Faschisten anerkannt wurden, hatten sie eine offizielle Einreisegenehmigung und kamen so auf deutlich angenehmere Weise im Westen an.

Herbert König, geboren in der Grenzstadt Asch, erzählte von drei Gewaltverbrechen, denen er als 12-Jähriger unmittelbar ausgesetzt war und vom Tod einer Frau im „Viehwaggon“, mit dem sie verschickt wurden. Jetzt lebt er in Hersbruck – zwei Straßen von dem Lagerort entfernt, in dem er und seine Familie damals untergebracht waren.

Abschließend gab es noch kurze Fragen und Antworten, die vor allem eines deutlich machten: Nach nunmehr 70 Jahren war die Trauer, auch noch die Wut, über den Verlust der Heimat und des Besitzes aus oft jahrhundertelanger Familientradition bei so manchem noch deutlich zu erkennen. Aber auch die Erkenntnis, dass man ohne Vertreibung beinahe ein ganzes Leben lang unter sowjetischer Herrschaft hätte leben müssen, kam zum Ausdruck.

„Wir Vertriebene sind hier zu „Bausteinen“ geworden und nicht zu Gegnern die einheimischen Bevölkerung“, schloss Altlandrat Reich.

Am Mittwoch, 15. Juni, treffen sich Zeitzeugen von Flucht und Vertreibung aus der ehemaligen Tschechoslowakei wieder zu einer Dialogrunde um 19 Uhr, Spitalstraße 5, Lauf. Die Biografien der Dialogrunden werden in einer „Bibliothek der Vertriebenen“ im Stadtarchiv aufbewahrt.

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