Ein Sturm wirbelt durch das Hof Theater

Linkes Bild: Der doppelgestaltige Luftgeist Ariel (links Sopranistin Tanja Maria Froidl) bringt die im Sturm über Bord gegangenen Seeleute (Philipp Gaiser, Markus Simon und Andreas Palme) sicher auf die Insel. Rechtes Bild: Ohne Wolfgang Riedelbauch, hier während der Aufführung als Dirigent seines 20-köpfigen Orchesters, würde die Oper weiter in den Archiven schlummern2011/08/27890_New_1313417166.jpg

DEHNBERG — Zu einem Fest der Musik, der Farben und bewegten Formen wurde „The Tempest“ (Der Sturm) im Dehnberger Hof Theater, und einem geradezu rauschhaften Fest für alle Beteiligten, weil jede vernünftige Grenze des Scheunentheaters gesprengt wurde. Im Rahmen des Festivals „Fränkischer Sommer“ war es die zweite Aufführung der Oper des aus Ansbach stammenden Komponisten John Christopher Smith nach dem gleichnamigen Drama von Shakespeare.

20 Musiker im kleinen Orchestergraben, bis zu 14 Darsteller auf der Bühne und in den Stuhlreihen ein Publikum, das eigentlich für die geplante Open-Air-Aufführung bemessen war. Weil das Wetter zu unsicher war, mussten alle Besucher im Inneren Platz finden, und das waren weit mehr als die üblichen 180. Bei italienischer Wärme entstand eine atmosphärische Dichte, wie sie das Theater selten erlebt hat, genau richtig für den Sturm, der hier sogleich entfacht wurde.

Vor einer kleinen Insel irgendwo im Mittelmeer zwischen Mailand und Neapel. Blaue Tücher, gelenkt von weißen tänzerischen Gestalten, wallen und flattern auf der Bühne und versetzen fein gekleidete Herren in Angst und Schrecken. Immer wieder knallt ein Feuerblitz.

Ausgedacht hat sich dieses Gewitter Prospero, der Herzog von Mailand (Jan Kobow mit ausdrucksstarker Tenorstimme). Er lebt mit seiner Tochter Miranda (die souveräne Sopranistin Corinna Schreiter) auf einer einsamen Insel. Dort waren sie gelandet, nachdem sie auf einem Boot mitten auf See ausgesetzt worden waren. Die Verbannung hatte Prosperos Bruder initiiert, der das Herzogtum für sich haben wollte, und dabei Unterstützung – gegen entsprechende Zinszahlung – beim König von Neapel fand. Prospero findet während des Insellebens Zugang zu Zauberkräften und schafft es, sich die Naturgeister gefügig zu machen.

Prospero leitet Naturgeister an

Nun kommt es, dass das königliche Schiff nahe an der Insel vorbeifährt. Prospero lässt die Naturgeister einen fürchterlichen Sturm entfachen, und es wäre ein Leichtes für ihn, die gesamte Besatzung darin umkommen zu lassen und Rache zu üben. Doch Prospero ist, wie schon sein Name sagt, an Gedeihen und Glück gelegen, und fädelt die Sache raffinierter ein. Er befiehlt seinem Hauptdiener, dem Luftgeist Ariel (schalkhaft: Tanja Maria Froidl), die über Bord gegangenen Passagiere auf die Insel treiben zu lassen, jedoch an verschiedene Küsten.

An einem Ende landet der König, am anderen der Königssohn und wieder an anderer Stelle einige Bootsleute. Der König hält nach verzweifelter Suche seinen Sohn für ertrunken und glaubt – so flüstert es ihm Ariel zu –, dass dies die Strafe für den Handel mit dem verräterischen Herzogsbruder von Mailand ist.

Den Königssohn Ferdinand (mit weicher tragender Tenorstimme Richard Resch) lässt Ariel mit Prosperos Tochter Miranda zusammentreffen. Wie von Prospero erhofft, verlieben sich die beiden ineinander. Prospero überlässt sie aber nicht gleich ihrem Glück, sondern prüft zunächst den Charakter des Prinzen.

Die Bootsleute schließlich (Philipp Gaiser, Markus Simon und Andreas Palme), ob einiger geretteter Weinfässer in bester Laune, träumen von der Regentschaft über die Insel. Sie begegnen einem Diener Prosperos, der dunklen verschlagenen Gestalt Caliban (eindrucksvoll: Markus Simon), der sie nach einigen Schluck Weins für Götter hält. Er erklärt sich zu ihrem Untertan und verspricht ihnen Hilfe beim Komplott gegen Prospero. Natürlich sorgt Ariel dafür, dass der „Staatsstreich“ scheitert.

Am Ende kommt alles, wie von Prospero manipuliert, ans Ziel: Der reuevolle König gibt ihm sein Herzogtum zurück und bittet um Vergebung. Und als er seinen Sohn und dessen Braut sieht, ist er so glücklich, dass Ferdinand lebt, dass ihn die Hochzeit umso mehr freut. So hat Prospero sich die Versöhnung mit dem Feind „erzaubert“ und für seine Tochter Liebesglück und das Erbe des Herzogtums Mailand wie des Königreichs Neapel im Gesamtpaket.

Faszinierende Bilder

Mit einfachen Mitteln, die aber starke, überraschende, faszinierende Bilder erzeugen, setzt Regisseur Peter Beat Wyrsch, der ehemalige Leiter der Nürnberger Pocket Opera Company, die Geschichte in Szene. Tücher bilden das Meer, die Landschaften der Insel und die Zelle Prosperos. Tücher symbolisieren Geisteswirkungen und -haltungen. Netzartige Gebilde halten Menschen wie in Zauberbann gefangen.

Die Autorenrolle Prosperos (oder ist es Shakespeare selbst?) vergibt Wyrsch an eine Leserfigur (Sprecherkoryphäe Wolf Euba), die am Rande des Geschehens mit dem fertigen Buch in der Hand durch den Text führt, trotz englischen Librettos auf Deutsch. Den Luftgeist Ariel wie auch den dunklen Diener Caliban verdoppelt er zu zwei Personen – einen Sänger und einen Tänzer – und illustriert so gelungen deren Ungreifbarkeit. Zugesellt sind weitere Geister, verkörpert von fünf Tänzern des Ballettförderzentrums Nürnberg unter Leitung von Raymund Maurin, die in wahrhaft zauberhaften Choreographien ihre Werke verrichten. Nicht ganz schlüssig erscheint, zumindest auf den ersten Blick, die Art der Kostümierung, denn die pompösen Rokokogewänder rücken die Akteure eher weg vom Menschlichen, hin zum Puppenhaften.

Alle Zusammenhänge und Details der Geschichte wurden den Zuschauern vermutlich nicht verständlich, was aber vielleicht auch nicht so wichtig ist. Dass der Zauber des Geschehens sie erreichte, lag nicht nur an Prosperos und Wyrschs Magie, sondern maßgeblich an der von John Christopher Smith, der die Shakespeare-Geschichte vor 255 Jahren in Musik verwandelt hat. Aus jeder Szene machte er eine kleine Erzählung, brachte klug manchmal nur wenige Instrumente in Dialog, hatte immer wieder neue Regieeinfälle, erzeugte vielfältige Stimmungen. Ein Meisterwerk die Arie, mit der Prospero seinen Zauberstab weglegt und die Naturgeister wieder ihrer eigenen Natur überlässt.

Schwarz auf weiß stand dies alles lange auf Notenblättern in Archiven. Dank Intendant Wolfgang Riedelbauch kam die vergessene Oper wieder ans Licht – und ist dank seiner 20 Musiker und seines Dirigentenstabs in diesem Sommer auf großartige Weise zu hören.

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