Prüfer schieben Zertifizierung auf

Landkreis ist noch nicht „fahrradfreundlich“

Gemeinsam mit Radverkehrsbeauftragter Verena Loibl (rechts) brachen Mitglieder der Prüfungskommission und des Kreistags zu einer gemeinsam Tour mit E-Bikes auf. Auf rund 12 Kilometern führte ihre Strecke von der Laufer Innenstadt aus über den Letten nach Schönberg und anschließend zurück nach Lauf. | Foto: Haase2020/07/Radverkehr-Test-Landkreis-Zertifikat6.jpg

NÜRNBERGER LAND/ LAUF – Der Landkreis hatte sich Hoffnungen gemacht auf ein Zertifikat als „Fahrradfreundliche Kommune“, doch bis es so weit ist, muss das Nürnberger Land noch einmal an seinem Radverkehrskonzept arbeiten. Zumindest lautete so die Entscheidung der Prüfungskommission.

Die Radverkehrsbeauftragte Verena Loibl hatte eine Präsentation vorbereitet, es gab Häppchen in der Laufer „Glückserei“, ein Mittagessen mit Landrat Armin Kroder und im Anschluss eine gemeinsame Radtour von Lauf über Schönberg. Doch statt mit einer Auszeichnung des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr schicken die Prüfer den Landkreis am Ende des Tages mit einem Auftrag nach Hause: Drei Mängel im Konzept müssen bis Jahresende angegangen werden.

Wenn er seine Hausaufgaben macht, steht einer Zertifizierung Anfang 2021, dem ohnehin geplanten Termin für die Urkundenübergabe, aber nichts im Weg, bestätigt Wolfgang Hauber, FW-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der fünfköpfigen Prüfungskommission der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen in Bayern (AGFK), auf Nachfrage der Pegnitz Zeitung.

Konkrete Hausaufgaben

Konkret drehen sich diese „Hausaufgaben“ um eine Zeitvorgabe für die Umsetzung geplanter Maßnahmen, es geht außerdem darum, die Ziele in ­Sachen Radfahrerzahl höher zu stecken und einen ordentlichen Winterdienst auf die Beine zu stellen. „Der Landkreis sollte ein Vorbild sein in ­Sachen Radverkehr und daher müssen sich Investitionen auch im Kreishaushalt abbilden“, erklärte Hauber, warum die Kommission in einigen Punkten einen Beschluss durch den Kreistag fordert.

Zu der sogenannten Hauptbereisung hatten sich Kreistagsmitglieder, Vertreter von Polizei, Straßenverkehrsbehörde, Tiefbauamt mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Lauf getroffen, um sich ein Bild von der Entwicklung des Radverkehrsnetzes zu machen.
Das abschließende Feedback der Prüfungskommission, bestehend aus Wolfgang Hauber, Klaus Helgert vom ADFC, Martin Singer vom Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, Sarah Guttenberger, Geschäftsführerin der AGFK, und Fürths Landrat Matthias Dießl fiel zwar überwiegend positiv aus – sie lobten die übersichtlichen Beschilderungen der Radwege, die Beteiligung der Bürger durch Radwegepaten und die Teilnahme des Landkreises am Stadt- und Schulradeln – doch fanden sie eben auch Mängel.

Prüfer kritisieren Zielsetzung

Kritisch sehen sie vor allem die Zielsetzung, die sich der Landkreis in Bezug auf die Erhöhung der Radfahrerzahl gesetzt hat. Ursprünglich plante dieser, die Zahlen im Nürnberger Land bis zum Jahr 2025 von sechs auf 7,2 Prozent zu erhöhen.

Ziele, die der Kreistag durch einen Beschluss höher stecken sollte – zwischen elf und 13 Prozent der Menschen im Landkreis sollten in den nächsten sieben Jahren aufs Rad gebracht werden, so die Forderung der Prüfer.

Der zweite Kritikpunkt bezieht sich auf den vom Landkreis beschlossenen „Zehn-Punkte-Plan“, der neue Abstellmöglichkeiten, bessere Wegmarkierungen und Baumaßnahmen beinhaltet. Hier fordert die Kommission, dass sich der Kreistag per Beschluss auf eine zeitliche Zielsetzung für die Umsetzung des Programms einigt.

Kritik im Vorfeld

Das „Zehn-Punkte-Programm“ war bereits zuvor bei einigen Kreisräten auf Kritik gestoßen. Bei einer Sitzung des Umweltausschusses zweifelte Grünen-Kreisrätin Eva Kneißl die Reihenfolge der Punkte auf der Liste an. Auch CSU-Sprecherin Cornelia Trinkl hatte bereits bei der Podiumsdiskussion der Landratskandidaten vor den Kreistagswahlen eine Priorisierung gefordert.

Dass der Landkreis an einigen Punkten noch nacharbeiten muss, hält auch Grünen-Kreisräting Lydia Hufmann-Bisping für gerechtfertigt: „Wir als Grüne akzeptieren diesen Schuss vor den Bug, weil der politische Wille im Radverkehr vorwärtsgehen zu wollen, keine große Mehrheit gefunden hat. Die Prüfer wollen nun sehen: Man setzt sich klar definierte Ziele“, sagte Hufmann-Bisping der Pegnitz-Zeitung.

Kommunen sind mit im Boot

Als letzten großen Kritikpunkt sahen Hauber und seine Kommissionskollegen den fehlenden durchgängigen Winterdienst. Eine Sache, die sich laut der Radverkehrsbeauftragten Verena Loibl, problematisch gestaltet. „Es ist schwierig, Dinge zu koordinieren, weil Kommunen die Entscheidungsgewalt über ihre jeweiligen Radwege haben“, erklärt auch Bernd Hölzel, Leiter der Kreisentwicklung. Eine Institutionalisierung und bessere Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und dem Landkreis fordern allerdings auch einige Kreisräte ein.

Da es Ziel sei, neben Touristen vor allem auch Berufspendler und Alltagsradler auf die Wege zu bringen, wäre ein Winterdienstplan eine wichtige Sache, so Prüfer Hauber. „Ein solcher Plan ist notwendig, damit sich Radfahrer sicher sein können, auf welchen Strecken wann geräumt ist und welche überhaupt befahrbar sind“, sagte er. Außerdem empfahl die Kommission den Räten weiter an der Radschnellverbindung zwischen Nürnberg und Lauf zu arbeiten.

Kritik äußerten Prüfer und Kreisräte auch bei dem Thema Fahrrad­abstellplätze. Denn vor allem an Bahnhöfen, weiterführenden Schulen und sogar direkt vor dem Landratsamt würden diese noch in ausreichender Zahl fehlen.


Auch hier sprach die Kommission von einer Vorbildfunktion des Landkreises, der mit sicheren Fahrradboxen oder überdachten Abstellplätzen als gutes Beispiel vorangehen sollte.

Ein Bild, das es noch zu oft im Landkreis gibt: Bei Winn endet der Radweg zwischen Lauf und Altdorf derzeit noch im Nichts. /Foto: PZ-Archiv/ Blinten2020/07/radweg-winn-altdorf-scaled.jpg

Weitere Stelle soll entstehen

Als wichtiges Kriterium dafür, dass die AGFK dem Nürnberger Land eine Zertifizierung in Aussicht gestellt hat, nannten die Prüfer dass der Landkreis derzeit plant, zusätzlich zu der unbefristeten Stelle von Verena Loibl, noch einen weiteren Arbeitsplatz zu schaffen.

Auch das Konzept der Radwegepaten, die Loibl regelmäßig Rückmeldung und Feedback zu einzelnen Fahrradwegen geben, kam gut an, ebenso wie die grün-weiße Beschilderung, die so Hauber „sofort ins Auge fällt und gut auf Nah- und Fernziele hinweist“.

Dass die Radwege einen so guten Eindruck auf die Prüfer gemacht haben, ist aber auch den Bemühungen der Stadt Lauf zu verdanken. Denn für die rund zwölf Kilometer lange Test-Radtour über Schönberg hatte das Landrats­amt nicht etwa den Radweg an der Kreisstraße benutzt, sondern die Teilnehmer über frisch sanierte Radstrecken geschickt. Allerdings werden die von der Stadt Lauf in Schuss gehalten, die im Übrigen bereits seit Oktober 2018 das Zertifikat zur „fahrradfreundlichen Kommune“ in den Händen hält. Eine Tatsache, die auch Grünen-Kreisrätin Hufmann-Bisping nicht unerwähnt ließ.

Neues Radverkehrskonzept

Anfang dieses Jahres hatte der Kreistag das neue Radverkehrskonzept verabschiedet, das der damalige Grünen-Kreisrat und Gründer des mit der Studie beauftragten Röthenbacher „Instituts für innovative Städte“, ­Thiemo Graf, erstellt hat.

Es beinhaltet ein dreigliedriges Netz an Radwegen mit Schnellverbindungen, Hauptrouten und kleineren Basisrouten, auch moderne Fahrradabstellmöglichkeiten sollen geschaffen werden.
Wie es mit dem Radverkehrskonzept weitergeht, muss nun der Kreistag entscheiden. Doch bei einem ersten Blick in den Finanz-Säckel hat Kreiskämmerer Werner Rapp den Räten bereits aufgezeigt, wo man wegen fehlender Einnahmen aufgrund der Corona-Pandemie Geld sparen könnte: beim Radverkehr, beziehungsweise bei den Radabstellanlagen am Landratsamt, dem Gymnasium Lauf und der Berufsschule und ebenso den Planungen für den Radschnellweg von Lauf nach Nürnberg.

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