Besondere Klaviermusik

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KIRCHENSITTENBACH – Im Rahmen des Musikfestivals „Fränkischer Sommer“, bei dem die Entwicklung des Klaviers im Mittelpunkt steht, erlebten die Zuhörer im historischen Ambiente des Tetzelschlosses ein besonderes Konzert. Die auf alte Instrumente spezialisierte Pianistin Prof. Christine Schornsheim ließ den von Georg Ott frisch restaurierten einzig erhaltenen Hammerflügel von Johann Hinlle (Wien um 1815) erklingen. Zuvor erklärte Prof. Franz Körndle zusammen mit Restaurator Georg Ott eine Auswahl historischer Hammerklaviere.

Ein erlesenes Programm stellte den etwas anderen Klang des wertvollen Instruments mit den geschnitzten vergoldeten Figuren den begeisterten Zuhörern vor. Sechs Pedale bieten einen Überraschungseffekt: ein Janitscharenzug mit Pauke, Glöcklein und Rassel.

Nachdem man sich etwas eingehört hat, erlebt man die unterschiedlichen Klangschattierungen der obertonreichen hellen Töne und silbernen Harfenklänge. Eine hohe Dämpfung ermöglicht leicht und spielerisch ein tragfähiges Piano. Klar konturierte Basslinien treten schwerelos hervor. All diese Details sind auf einem neuzeitlichen Klavier so nicht hörbar. Christine Schornsheim lotete mit ihrem delikaten Anschlag den leisen Klang sensibel aus. Ihr nuancenreiches Spiel zeichnete dynamische Farbwechsel, Plastizität und filigrane Verzierungen. Eine untrügliche Stilsicherheit, überlegte Artikulation und technische Brillanz krönten ihre Interpretationen.

Wolfgang Riedelbauch dankte für den zahlreichen Besuch. Sohn und Tochter von Wolfgang Riedelbauch erhielten den ersten Preis für die Gestaltung eines Klaviertisches und Keramik. Auf verschiedenen Hammerflügeln interpretierte Christine Schornsheim ihre Vortragsfolge. Von Giovanni Benedetto Platti (1697 – 1763) erklang die dreisätzige Sonate c-Moll, op. 4/5. Platti bezeichnet man als Wegbereiter zur Klassik. Der langsame Satz verströmt Lyrik und würdige Größe, die raschen Sätze sprühen von Temperament und Geist; von der Pianistin empfindsam vorgetragen. Perlende Läufe und Arpeggien, sogar auf Tonrepetitionen sprach das Instrument an.

Auf einem Clavicembalo folgte die „Sonate B-Dur“, op. 2 von Joh. Abraham Peter Schulz (1747 – 1800). Chromatische Tonfolgen sowie Modulationen beherrschen das flüssige Spiel. Register ermöglichen ein Pianissimo. Ein tänzerisches Vivace faszinierte. Auf dem Hinlle-Flügel erklangen 13 Variationen über ein Thema von Anselm Hüttenbrenner von Franz Schubert (1797 – 1828). Liedartige Melodien, auch in der linken Hand im Bass, durchfluteten das Tetzelschloss. Ausführlich erklärte die Pianistin die Funktion der sechs Pedale. Ein sehr melancholisches „Adagio“ war eingebettet in zwei rasche Sätze mit flüssigen Läufen und klaren Verzierungen in der „Sonate Es-Dur“ von Franz Vollrath Buttstedt (1735 – 1814).

Eine selten zu hörende „Klavier Sinfonie“ des in Kirchensittenbach geborenen Musikers Christoph Friedrich Wilhelm Nopitsch (1758 – 1824) wurde von der Pianistin in orchestraler Klangpracht interpretiert. Die sieben Namensbuchstaben von Carl Filip Emanuel Bach verwendet er als Fugenthema. Das Paukenpedal überraschte und bestätigte die Schlusskadenzen.

Eine unter die Haut gehende Interpretation gelang Schornsheim bei der „Sonata quasi una Fantasia cis-Moll“, op. 27/2 von Ludwig van Beethoven (1770 – 1827). Die irreführende Bezeichnung „Mondschein-Sonate“ hält sich leider hartnäckig. Vielmehr ist es eine Totenklage. Dies geht aus der Gefühlseinheit des ersten Satzes hervor, der ein Nachklingen der Triolen vorsieht und die punktierten Basslinien, die an dunkle Glockenschläge erinnern. Ein lyrisches Scherzo erhellt die düstere Stimmung, wie „eine Blume zwischen zwei Abgründen“ (Franz Liszt). Im gehetzten Schlusssatz „Presto agitato“ entlädt sich der gestaute Schmerz vulkanartig. Die pianistische Glanzleistung belohnte das Publikum mit frenetischem Applaus, dem zwei Zugaben folgten.

Alfred Eichhorn

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