DIskussionen auf Facebook ausgelöst

Die Ziegen auf der Festung mussten weichen

Festungsführer Hannes Distler (links) war überzeugt von der Arbeit der Ziegen, Vereinsvorsitzender Jürgen Glassauer (rechts) fürchtete Haftungsprobleme. Denn nach den Tieren musste der Festungsführer täglich schauen, auch im Winter. | Foto: Kirchmayer2020/11/Festung-Rothenberg-Festungsfuhrer-Hannes-Distler-Museumsverein.jpg

SCHNAITTACH – In der kalten Jahreszeit wird es traditionell ruhig um die Festung Rothenberg. Weil von November bis März keine Führungen angeboten werden, fällt die Ruine zusammen mit den Fledermäusen, die sich in den Kasematten pudelwohl fühlen, in den Winterschlaf. Andere tierische Bewohner hielten – trotz allem Gemecker – ganzjährig die Stellung in der Festung. Seit vielen Jahren nämlich nannten ein paar Ziegen einen Stall innerhalb des Bauwerks ihr Zuhause. Für Besucher des Rothenbergs gehörten sie wie die dort ausgestellten Geschütze zum Inventar, Festungsführer Hannes Distler bezeichnet sie gar als „meine Freunde“.

Doch die Ziegen sind weg, auch die beiden Kamerunschafe, die noch auf dem Festungsgelände leben, müssen weichen. „Ich bin sehr traurig, es ist nicht einfach“, sagt Distler bei einem Treffen in der Festung. Der 56-Jährige kümmert sich seit rund 15 Jahren um die Tiere, die kürzlich im Mittelpunkt einer emotional geführten Diskussion auf Facebook standen.

Die Paarhufer waren nicht grundlos auf der Festung untergebracht: Sie sollten dort den Bewuchs von den Mauern entfernen – Fressen und Arbeiten in einem, ein Traumjob.

Für die Besucher gehörten die Ziegen und die beiden Kamerunschafe zum Inventar der Festung Rothenberg. /Foto: Schuster2020/11/ziegen-rothenberg-foto-udo-schuster0002.jpg

Haftung war ein Problem

Wie erfolgreich die Vierbeiner waren, da gibt es allerdings unterschiedliche Sichtweisen. Festungsführer Hannes Distler ist mit ihrer Arbeit zufrieden, sein Chef, der Heimatvereinsvorsitzende Jürgen Glassauer, war zuletzt nicht mehr so überzeugt von der Effizienz. So oder so müssten Spezialfirmen beauftragt werden, um den Bewuchs zu entfernen. Dass sich die Ziegen nicht an Absperrungen hielten und nicht kontrollierbar seien, sei ein weiteres Problem.

Und dann ist da die Sache mit der Haftung. Festungsführer Hannes Distler kam täglich aus Schnaittach hoch und fütterte die Tiere auch den ganzen Winter über, wenn die Festung geschlossen ist und er saisonbedingt eigentlich von seiner Arbeit freigestellt ist. Man merkt dem 56-Jährigen an, dass er gern für die Ziegen sorgte, das Futter bezahlte er aus der eigenen Tasche.

Verein hat Schutzfunktion

Die Entscheidung, dass die Tiere gehen müssen, hat Jürgen Glassauer gefällt, gegen den Willen seines Angestellten. Glassauer ist seit Herbst Vorsitzender des Vereins, damit ist er rechtlich in der Verantwortung, sollte etwas passieren und ihm könnte fahrlässiges Handeln nachgewiesen werden. Und genau das treibt Glassauer um: Er will Distler den täglichen Besuch auf der Festung gerade im Winter nicht mehr zumuten. Der Mitarbeiter hat kein Handy und er sei in der Festung schon einmal gestürzt. „Ich will nicht, dass ihm etwas passiert. Wir haben eine Schutzfunktion“, sagt Glassauer über sich und den Verein.

Der für Distler so traurige Abschied von seinen vierbeinigen Freunden rief Mitte November Gabriele Deuerlein auf den Plan. Die Lauferin war im Herbst erstmals als Besucherin auf der Festung und erfuhr dort von der Situation der Tiere. Daraufhin meldete sie sich in der geschlossenen Facebook-Gruppe „I love Schnaittach“ zu Wort. Die Ziegen, so Deuerlein, „haben es nicht verdient, ‚entsorgt‘ zu werden“, schließlich hätten sie ihr ganzes Leben in der Festung verbracht und sie von Gestrüpp und Unkraut befreit. „Seid ihr echt damit einverstanden?“, wandte sich Deuerlein an die Schnaittacher.

Eine „Sauerei“?

„Ich hab mich eingemischt, weil ich mich geärgert habe, auch wenn ich nichts damit zu tun habe“, sagt die Lauferin im Gespräch mit der Pegnitz-Zeitung. Festungsführer Distler sei „total verzweifelt“ gewesen, es sei eine Sauerei, dass die Ziegen weichen müssen. Sie habe auf Facebook viel Zuspruch bekommen, sei aber auch beschimpft worden.

Den Beitrag, der zum Shitstorm führte, hat Deuerlein selbst gelöscht, als sie hörte, dass die Ziegen doch auf der Festung bleiben sollen – das erwies sich allerdings als Falschinformation. Auch ein zweiter Beitrag in der Gruppe führte zu Diskussionen. Die Lauferin kann absolut nicht nachvollziehen, dass die Tiere nach so langer Zeit die Festung verlassen müssen. Außerdem hätte der Heimatverein damit selbst an die Öffentlichkeit gehen sollen. „Wenn man so etwas plant, muss man transparent sein, den Tieren zuliebe.“

Unzuverlässige Ziegen

Glassauer kommentierte den Facebook-Beitrag in seiner Funktion als Vereinsvorsitzender. „Die Bewuchsentfernung in den Ruinen der Festung wurde in den letzten Jahren immer von einer Fachfirma durchgeführt, da die Ziegen diese Arbeiten nicht erledigen konnten. Aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen (Einsturzgefahr) muss jetzt nach einer anderen Lösung Ausschau gehalten werden. Die Ziegen verbleiben im Schnaittachtal und es ist sichergestellt, dass sie gut versorgt werden.“

Die Tiere waren nicht ohne Grund auf der Festung untergebracht: Sie sollten den Bewuchs von den alten Mauern fressen. Foto: Glassauer2020/11/Ziegen-Festung-Rothenberg-Glassauer-Januar-2020.jpg

Wo sind die Besitzer?

Indes ging es auch darum, wem die Ziegen eigentlich gehören. ­Glassauer sagt, Distler selbst habe es immer so dargestellt, als seien es seine Tiere. Wer sie wirklich vor einigen Jahren in der Festung „geparkt“ hat, habe er erst im Verlauf der Facebook-Diskussion erfahren. Deuerlein glaubt ihm das nicht. So oder so: Die Ziegen sind mittlerweile zurück bei ihren Besitzern, die aus der Marktgemeinde stammen, die Kamerunschafe kommen zu einem Bauern in den Ortsteil Lochhof.

Glassauer findet es „sehr schade, dass ein Shitstorm losgetreten wurde, ohne dass das Gespräch gesucht wurde“.

Mit solchen Leuten brauche ich mich gar nicht an einen Tisch zu setzen“, entgegnet Deuerlein im PZ-Gespräch. Sie bezeichnet sich als „tierlieben Menschen“, ihr gehe es um die nötige Achtung, die man anderen Lebewesen zeigen solle.

Bürgermeister: Debatte „zu emotional“

Schnaittachs Bürgermeister Frank Pitterlein, selbst Mitglied des Heimatvereins, beklagt den „Hype um Nutztiere“, die Diskussion werde zu emotional geführt. Distler sei kein Hirte, daher müsse man sich fragen, „ob das Tierwohl dauerhaft gesichert wäre“, so Pitterlein. Die Ziegen seien „in dauerhafter Obhut“, also bei ihren Besitzern, sicherlich besser aufgehoben als in der Festung.

Pitterlein ergänzt, es gebe mittlerweile mehr Auflagen bei Führungen, darunter die Helmpflicht für Besucher, seit der Pandemie auch Abstandsgebot und Maskenpflicht. Damit tue sich Festungsführer Distler teilweise schwer, aber diese Regeln seien „nicht diskutabel“.

Lob für Engagement

Der Bürgermeister lobt das ehrenamtliche Engagement des Heimatvereins. Die Schlösser- und Seenverwaltung, die rechtlich zuständig ist, werde selbst keine Führungen anbieten, so der Bürgermeister. Und er hat vollstes Verständnis dafür, dass Glassauer die Haftungsfragen, die mit seiner Funktion als Vorsitzender verbunden sind, so ernst nimmt.

Hannes Distler muss künftig in der dunklen Jahreszeit nicht mehr jeden Tag auf den Rothenberg, um nach „seinen“ Tieren zu sehen. Doch vielleicht ist „müssen“ dafür das falsche Verb. Er kann, er darf nicht mehr nach ihnen sehen, sie sind ja nicht mehr dort. Und Führungen gibt es erst im März wieder. Für den 56-Jährigen wird es ein langer Winter.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren