Die Mimberger haben ihren Bahnhof selbst gebaut

Marke Eigenbau

Dicht an dicht standen die Leute am 14. Mai 1950 um 13.05 Uhr, auf dem Tisch links von der Bildmitte Bürgermeister Georg Wagner. Kurz darauf dampfte der erste Zug im Bahnhof ein. Foto: privat2021/01/Bahnhof-Mimberg-1950-scaled.jpg

MIMBERG – Als Ende der 80er Jahre Planspiele der Bahn für eine Schließung von Bahnhöfen an der Strecke Nürnberg-Regensburg durchsickerten, gingen die Mimberger auf die Barrikaden. Nirgends war die Empörung an der Bahnstrecke größer als in dem Burgthanner Ortsteil. Kein Wunder, hatten die Mimberger doch Ende der 40er Jahre ihren Bahnhof selbst gebaut und im Mai 1950 mit einem großen Fest eröffnet.

Was heute unvorstellbar ist, gelang in den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Die Bahn sah damals keine Notwenigkeit, in Mimberg einen Bahnhof zu bauen und Züge halten zu lassen. Und die nötigen Mittel in Höhe von 37 500 Mark standen laut Bahn ohnehin nicht zur Verfügung. Trotzdem machten die Verantwortlichen bei der Bundesbahn den Mimbergern ein Angebot: Wir stellen das Know-How zur Verfügung, wenn ihr die Kosten übernehmt und den Bahnhof selbst baut.

Bürgschaft des Bürgemeisters

Das Burgthanner Rathaus und die Leute in Mimberg haben sich auf das Angebot eingelassen – heutzutage undenkbar. Ebenfalls undenkbar heute, dass ein Bürgermeister für die entstehenden Bahnhofsbaukosten bürgt, so wie das der damalige Burgthanner Rathauschef Hans Schönweiß tat. Damit hat er den Weg frei gemacht für die Genehmigung des Bahnhofsbaus, die schließlich am 10. Juni 1949 vorlag.
Wie baut man einen Bahnhof? In Mimberg hatte niemand auch nur die leiseste Ahnung, aber dafür jede Menge Enthusiasmus. Umgesetzt haben die Leute ihr Vorhaben damals nach Geschlechtern getrennt. Die Frauen arbeiten auf der Großbaustelle im Ort an den Werktagen, die Männer an Wochenenden und werktags, nach Feierabend. Motor des Bahnhofsbaus, Initiator und Leiter, ist Julius Fleischmann, der die Arbeiten koordiniert und immer den Kontakt mit den Fachleuten der Bahn hält, nach deren Vorgaben die Mimberger arbeiten.
Um die Bahnsteige rechts und links am Gleiskörper anlegen zu können, füllen sie zunächst Gräben mit Schutt und Erdreich auf, alles in Handarbeit, Bagger und Lkw stehen nicht zur Verfügung. Insgesamt fahren die Bauarbeiter rund 1200 Kubikmeter Erdreich an, bauen die Erde ein und planieren die Auffüllung.

Transport mit dem Fuhrwerk

400 Randsteine müssen am Mimberger Bahnhof eingebaut werden, sagen die Fachleute der Bahn. Weil es die nirgends zu kaufen gibt, brechen die Bauarbeiter die Steine aus Sandsteinformationen in der Umgebung und schlagen sie zurecht. Zwei Zentner wiegt ein fertiger Randstein, mit dem Pferdegespann wird er auf die Baustelle transportiert. Weil das Männerarbeit ist, fährt das Gespann nur an Samstagen und Sonntagen, wenn die Frauen frei haben.
Die Randsteine zu setzen ist das A und O beim Bahnhofsbau, geht es hier doch darum, die Abstände zu den Schienen exakt einzuhalten. Dazu stellen die Ingenieure der Bahn den Mimbergern Schablonen zur Verfügung, messen, korrigieren, planen. Fast zwölf Monate lang, tagein, tagaus. Zäune müssen gebaut, Kabel verlegt und die Kanalisation hergestellt werden, außerdem bauen die Mimberger am Bahnhof ein Haus für einen Fahrkartenschalter, ihr Bahnhofsgebäude.
Das Gros der Truppe von Julius Fleischmann ist zwischen 20 und 25 Jahre alt. Helmut Altschäffel und Klaus Wachter (beide 78) und Fritz Elstner (63) sind die ältesten Bahnhofsbauer, leisten aber mit je 500 Stunden die meiste Arbeitszeit.
Mimberg hat 1950 knapp 400 Einwohner, darunter viele Vertriebene, die zusammen mit den Alt-Mimbergern an ihrem Bahnhof arbeiten. Gemeinsam meistern die Dorfbewohner die Herausforderung.

Geschmückte Lokomotive

Als der Bahnhof im Mai 1950 eröffnet wird, wimmelt es auf den neuen Bahnsteigen von Leuten, Gäste aus den umliegenden Orten und selbst aus Nürnberg sind nach Mimberg gekommen, um den ersten Zug hier halten zu sehen. In Nürnberg hat man eine Lokomotive mit Blumengirlanden und Fahnen geschmückt, die dann Richtung Regensburg abdampft und bei einem Stopp in Ochenbruck sechs junge Männer aufnimmt, die sich vorne auf die Lok stellen dürfen und die Festgäste bei der Einfahrt in den Bahnhof winkend begrüßen.
Nach den Reden von Regierungspräsident Hans Schregle und Bürgermeister Hans Schönweiß versammelt sich die Festgesellschaft im Gasthaus Fleischmann zum gemeinsamen Mittagessen. Da ahnt niemand, dass es keine 40 Jahre dauert, bis der von den Mimbergern selbst gebaute Bahnhof zur Disposition steht.
Als die Pläne der Bahn Ende der 80er Jahre bekannt werden, bildet sich sehr schnell eine Bürgerinitiative mit dem Ziel, den Mimberger Bahnhof unbedingt zu erhalten. Julius Fleischmann ist inzwischen verstorben. Für ihn spricht jetzt seine Frau Gretl. Hermann Hirschmann wird Chef der neuen BI und organisiert Versammlungen und die Bildung von Arbeitskreisen. Leserbriefe erscheinen im Boten, Hirschmann und seine Mitstreiter schreiben an die Bahn und an diverse Politiker, fahren zum Wirtschaftsminister Alois Lang nach München und wenden sich mit der Bitte um Unterstützung an örtliche Einrichtungen und Firmen.
Und dann die Idee: Zum 40jährigen Jubiläum im Jahr 1990 soll es ein großes Fest am Mimberger Bahnhof geben und damit Aufmerksamkeit und ein großes Publikum für das Anliegen des Dorfes, weiterhin Züge am Ort halten zu lassen. Gretl Fleischmann übernimmt die Schirmherrschaft.

Ein großer Jubiläumsabend

Es wird ein großer Abend in Mimberg, mit viel Politprominenz, vielen Reden und einer überraschenden Klarstellung der Bahn. Doch bevor die kommt, ist zuerst der Landtagsabgeordnete Anton Dobmeier dran, der darauf pocht, dass der Bahnhof erhalten werden muss. Das sei auch die Position des Bayerischen Wirtschaftsministeriums, verspricht er der Festgesellschaft.
Die S-Bahn einfach durchrollen zu lassen, das wäre doch ein Unding, schreibt Landrat Klaus Hartmann in einem Grußwort für die Mimberger. Dem können sich Bürgermeister Georg Hirsch und der gesamte Gemeinderat nur anschließen, sie unterstützen die Mimberger in ihrem Kampf für ihren Bahnhof, zu dessen Jubiläumsfest auch ein Vertreter der Bahn eingeladen ist und das Wort erhält. Franz Kopp versucht, die Mimberger zu beruhigen. Bei den Plänen für eine Bahnhofsschließung handle es sich lediglich um eine Vorstudie. Da sei noch nichts ausgemacht. Aber, und diese Erläuterung verknüpft Kopp mit einer Bitte, die Zusteigezahlen in Mimberg ließen doch sehr zu wünschen übrig. Die Dorfbewohner sollten doch bitte häufiger mit der Bahn fahren. Dann löse sich das Problem von alleine.
Dass die Mimberger später häufiger mit der Bahn fahren, hängt auch mit der Einrichtung der S-Bahn zusammen, die einige Jahre darauf zwischen Nürnberg und Neumarkt auf die Gleise kommt. Jetzt ist der Takt optimal, die Menschen an der S-Bahn-Linie nutzen ihre Züge. Heute kommt niemand mehr auf die Idee, einen Bahnhof an der Strecke Richtung Regensburg einfach stillzulegen.

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