Persische Impressionen

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ALTDORF – Es ist die Zeit des Sonnenkönigs, der Frankreich mit absolutistischer Macht regiert, die Zeit des Barocks, der üppigen Prachtentfaltung, in der Versailles erbaut wird, sich der Adel in Mode- und Vergnügungsfragen überbietet. Es ist die Ära der Mätressen, des überbordenden Luxus der Herrschenden, die letztendlich in der Französischen Revolution endet. Wen wundert es, dass satirische Betrachtungen zu diesen Verhältnissen in der Bevölkerung zum „Bestseller“ werden, noch dazu, da sie innerhalb kürzester Zeit verboten sind?
 
Im ausverkauften altehrwürdigen Betsaal des Altdorfer Wichernhauses waren sie mit Unterstützung des Schirmherrn, der Firma Hofmann denkt, im Wechsel mit zeitgenössischer Musik noch einmal zu hören, die „Lettres persanes – Persianische Briefe“ von Charles de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu oder einfach Montesquieu. Mit seiner sonoren Stimme las sie der Intendant des „Fränkischen Sommers“, Wolfgang Riedelbauch, während „London Baroque“ mit Ingrid Seifert und Richard Gwilt (beide Violine), Charles Medlam (Gambe) und Steven Devine (Cembalo) mit ausgesuchten Kompositionen die damalige Musikmode erklingen ließen. Vielen Besuchern des „Fränkischen Sommers“ sind sie durch unvergessliche Konzerte bekannt, die sie hier in den letzten Jahren gaben. Zusammen mit dem vorangegangenen Besuch in der Burg Grünsberg (wir berichteten) bildeten die beiden kombinierten Programmpunkte der Reihe „Fränkischer Sommer – Musica Franconia 2010“ einen perfekten Einblick in diese Epoche, und man konnte sich in die Zeit der gepuderten Perücken, der Reifröcke und Galanterien versetzt fühlen.
Sehr zart begann das erste Stück, einschmeichelnd die Suite no.2 in D-Dur von Gaspard Le Roux, wie ein verführerisches Umschmeicheln einer jungen Frau, sanft, behutsam, mit den historischen Instrumenten und ihrer besonderen Stimmung weicher und tiefer klingend als heute üblich. Eher gemessen folgten Courante und Sarabande, ertönten Rhythmen und Melodien, bei denen man sich gut Tänzerinnen und Tänzer im Reihentanz vorstellen kann, ihre Verbeugungen, zirkuliertes umeinander Herumschreiten, das in Gavotte en Rondeau zum Ende hin temperamentvoll und lebhaft wurde.
Französische Komponisten
Diese sind Werke, wie sie am französischen Hof Ludwigs XIV. von damals „modernen“ Komponisten wie François Couperin „Le Grand“, Martin Marais, Jean-Marie Leclair und Jean Philippe Rameau gespielt wurden. Begeisternd wie die vier Musiker „ihre“ Musik interpretieren, sich gefühlvoll ergänzen, umgarnen, Zwiesprache halten, mit großer Perfektion, Vitalität und Kraft. Nicht von ungefähr zählt London Baroque zu einem der Spitzenensembles dieser Sparte, und wer sie im Betsaal hörte, war davon gefangen. Sehr schön war auch die Auswahl an Stücken wie „Le Parnasse ou L’ Apothéose de Corelli“, einer Programmmusik von Couperin, die den Kunststreit des italienischen gusto gegen den französischen gout über die Vorherrschaft thematisiert. Besonders schön gelang auch der „Marche Persane“ von Marais – er trägt der durch die „Lettres“ angeregten Vorliebe für Persien und Orient musikalisch Rechnung, fällt zugleich mit seinem starren Marschcharakter, seiner ins Ohr gehenden Melodie und seiner dramatischen Spannung aus dem Rahmen.  Passend zu diesem musikalischen Zeitgemälde Montesquieus „Lettres“, frühe Vorläufer von Rosendorfers „Briefen in die chinesische Vergangenheit“ und des aktuellen Films „Borat“: Als fiktive Korrespondenz betrachten sie Frankreich aus der Distanz zweier Fremder.
Natürlich dreht sich diese um Macht, Geld, Finanzen und Frauen, um Ehe, Treue. Eifersucht sei selten anzutreffen, entdeckt Briefeschreiber Usbek, denn Ehe sei konträr zur Sinnenlust, und eine verlorene Festung würde durch eine Neueroberung wettgemacht.
Mit ihrer Mischung aus Aufklärung und Exotik ein faszinierender Meilenstein und bereicherndes Gegenstück zur Musik, teilweise heute noch aktuell und amüsant.

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