Katja Ebstein mit „Na und? Wir leben noch!“ in Schwarzenbruck

Überwältigende Energie und Präsenz

Trotz verletzter Hand großartig auf der Bühne - Katja Ebstein mit ihrem Begleiter Stefan Kling beim Abend in der Bürgerhalle in Schwarzenbruck. | Foto: Krätzer2016/12/Schwarzenbruck-Katja-Ebstein-online.jpg

SCHWARZENBRUCK – „Feste Jungs, macht nur weiter so, ihr bekommt schon alles kaputt“, sang der niederländische Liedermacher Robert Long. Zur fröhlichen Musik im Mitklatsch-Rhythmus geht‘s dabei um Umweltverschmutzung, Kriegstreiberei und Obrigkeitshörigkeit. „Protestieren lohnt sich nicht“, provozierte er und: „Laatsch wie eine dumme Kuh, nur auf den eigenen Metzger zu“. Ein Liedermacher, der momentan aktuelle Themen aufgreift? Nein, ein Lied aus den 70er Jahren, das Sängerin Katja Ebstein bei ihrem Auftritt in der Schwarzenbrucker Bürgerhalle im Gepäck hatte – heute leider so aktuell wie damals. Dieses Lied hätte auch gut als sarkastisch gemeinte Überschrift über Ebsteins Programm gepasst, denn unter seinem Titel „Na und? Wir leben noch!“ drehte sich der Abend genau um diese Themen.

Wer die bekannte Sängerin Katja Ebstein, den Star vieler Musiksendungen im Fernsehen und auf den Bühnen nur von früher kennt, als sie beispielsweise Deutschland beim Grand Prix Eurovision de la Chanson (heute Eurovision Song Contest) dreimal erfolgreich vertrat, erlebte eine Überraschung.

Ihn erwartete nicht eine Reminiszenz an frühere Zeiten, an die großen Hits der junggebliebenen Siebzigerin aus den 70er und 80er Jahren, die sich inzwischen zu Evergreens entwickelt haben. Er erlebte die Künstlerin mit einer Art musikalisch-literarisch aufbereitetem Protest-Kabarett von einer gänzlich anderen Seite: gegen Gleichgültigkeit, Verdummung, Bevormundung, Gier und Ausbeutung.

Unterstützung erhielt Ebstein hierfür von prominenter Seite, unter anderem von Autoren wie Kurt Tucholsky, Werner Fink, Friedrich Holländer, Berthold Brecht und Erich Kästner oder dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch, aus deren Texten sie gut gewählte Auszüge rezitierte.

Genialer Begleiter durch den Abend am Flügel: der gefragte Solist, Konzert- und Jazzpianist Stefan Kling. Behutsam und virtuos, ohne sich aufzudrängen, bereitete er für Ebstein den Hintergrund, vor dem sie sich ausbreiten und aus allen Facetten ihres Könnens schöpfen konnte.

Und das machte die zierliche, als Karin Ilse Witkiewicz geborene Westberlinerin zur Genüge. Gefühlt ohne Punkt oder Komma folgen bei „Na und? Wir leben noch!“ eigene Aussagen auf Gedichte, Texte auf Lieder. „Wir leben wie in einer anderen Welt“, sagt sie bezogen auf Wohlstand und Frieden in Deutschland und fordert ihr Publikum auf, sich einzumischen und seine demokratischen Mittel zu nützen.

Dem „Du lieber Gott, komm doch mal runter“ (..und schau dir die Bescherung selber an) von Stephan Sulke in der Nachahmung eines kleinen Mädchens gesungen, schließt sich das beindruckend vorgetragene „Ich wünsche mir“ (…einen klaren wachen Verstand, der vor der Lüge warnt, die sich als Wahrheit tarnt“) an.

Dass man bei sich selbst anfangen sollte und Frieden schon im Kleinen anfängt, verdeutlicht das Gedicht von Hüsch „Frieden fängt beim Frühstück an“.
Da darf natürlich „Sag mir, wo die Blumen sind“ nicht fehlen, dessen Thematik und Verlorenheit Mascha Kalekos „Ich fahr nach Nirgendland“ berührend vermittelt und das a capella gesungene „Sind so kleine Hände“.

Große Momente, die Ebstein mit überwältigender Energie und Präsenz interpretiert, mit einer Stimme, die vom schnoddrigen Berlinerisch über kindchenhaft und komisch bis zur ausdruckvollen Chanson alle Nuancen ausdrücken kann. Bei allem kommerziellen Erfolg habe Ebstein stets das gemacht, was sie für richtig hielt und vor sich verantworten könne, heißt es über sie und dazu gehört über die Jahre hinweg politisches und soziales Engagement. Man merkte: Das ist echt, da steht eine Frau, die mit ihrer Botschaft aufrütteln will.

In Schwarzenbruck folgte: Großer Beifall für eine großartige Künstlerin, die sich unermüdlich einsetzt.

N-Land Dorothée Krätzer
Dorothée Krätzer