Cliffwalker im Bandporträt

Die neuen Männlichen

Die fünf Cliffwalker (von links): Philipp Kraus, Jannik Westerweller, Dave Lopez, Moritz Artelt und Adrian Kappler. | Foto: Michael Harand2020/02/Altdorf-Cliffwalker-online-scaled.jpg

ALTDORF/NÜRNBERG – In ihrem ersten Album lassen die fünf Jungs von Cliffwalker das Klischee vom harten Kerl weit hinter sich.

Als Dave Lopez und seine Bandmitglieder nach dem Gig zusammenpacken, kommt ein junger Zuhörer auf sie zu. Seine Augen sind gerötet, er wirkt erschöpft. Er geht zu Lopez und sieht ihn an. Schließlich bedankt er sich. Seit Ewigkeiten habe er nicht mehr weinen können. Ihre Musik habe ihn gepackt und etwas in ihm aufgeschlossen. Jetzt sei er erleichtert.

Lopez, Leader und Vocalist von Cliffwalker, lächelt, als er sich daran erinnert. „Das ist das schönste Kompliment, das du kriegen kannst“, sagt er. Mit seinen Texten bringt er unangenehme Themen auf die Bühne: Suizid, psychisches Leiden, Verlust, Enttäuschtsein von sich, anderen, der Welt. Jannik Westerweller, der musikalische Kopf der Band, ist in Altdorf aufgewachsen.

Beim Songschreiben gießen er und Lopez Herz und Seele in ihre Musik. Allen Liedern liegt eine persönliche Geschichte zu Grunde. Dabei lässt Texter Lopez Raum für Interpretation. Ein Lied widmet er etwa dem Tod einer Freundin. Viele Fans denken, es handle von gescheiterter Liebe. „Das ist auch vollkommen okay“, sagt Lopez. „Am wichtigsten ist, dass sich die Leute darin wiederfinden, dass sie merken: Du bist nicht allein.“

Mit ihren Songs, die sie stilistisch an ihre Vorbilder Casey, Counterparts, Movements und Being As An Ocean anlehnen, möchten Cliffwalker ihren Zuhörern helfen. „So wie uns vorher Bands geholfen haben und es noch tun“, erklärt Westerweller. Gerade als Teenager sei ihm Musik ein Ort der Zuflucht gewesen.

Mit zehn Jahren hört er Slipknot

Lopez geht es ähnlich. Schon als Zehnjähriger hört er Slipknot. Zum Post- und Melodic-Hardcore kommt er wenig später durch einen Freund. „Das war so emotional, so energiegeladen. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben“, erinnert er sich. Jetzt, mit 24, möchte er der Musik etwas zurückgeben. Er spricht vor allem junge Männer an. Deren mentales Wohlergehen fände in einer immer komplexer werdenden Welt nicht genügend Beachtung. „Nur weil du ein Kerl bist, heißt das nicht, dass du nicht weinen darfst“, sagt Lopez.

Sein Gesang, ein raues Screamen, ist für ihn dabei genau das richtige Medium. „Es klingt extrem. Der Schmerz und die Emotionen werden besser transportiert“, erklärt er. Das Grundgerüst für einen neuen Song entsteht bei Lopez auf dem Sofa. Hier stecken er und Westerweller die Köpfe zusammen und tüfteln an den Details. Erst kommt der Text. „Ich setze mich aber nie hin und sage, ‚So, jetzt schreibe ich einen Song‘“, sagt Lopez.

Die Lines kommen dem 24-Jährigen plötzlich, in alltäglichen Situationen, beim Einkaufen zum Beispiel. „Mein ganzes Handy ist voll davon. Daraus setze ich die Lyrics dann zusammen“, erklärt er. Ist er mit einem Text zufrieden, stellt er ihn Westerweller vor.

Davon inspiriert komponiert der 21-jährige Gitarrist und Sänger die zugehörige Musik. Bis sie fertig sind, dauert es nicht länger als einen Tag. „Lange brauchen wir nie“, erzählt Westerweller. „Wir sind voll auf einer Wellenlänge.“ Er und Lopez haben sich 2018 bei ihrem gemeinsamen Gesangslehrer kennen gelernt. Dort finden sie auch Bassist Philipp Kraus und Drummer Adrian Kappler. Zusammen mit Westerweller stößt Gitarrist Moritz Artelt zu der Gruppe. Die beiden kennen sich aus einer früheren Band.

Ihr erstes Konzert spielen die Fünf im Mai 2019 auf dem Haderich Open Air in Hersbruck vor hunderten von Zuhörern. „Das war gleich zu Beginn ein echter Knaller“, erinnert sich Westerweller. Vor jedem Auftritt umarmen sich die Jungs. Ein schönes kleines Ritual, das nicht zur Show gehört. „Das machen wir nur für uns“, sagt Westerweller. Weil ihre Musik so persönlich ist, sei es manchmal nicht ganz leicht, damit auf die Bühne zu gehen, findet Lopez. Aber durch die Geste werde klar: „Wir machen das zusammen.“

Erste Gigs im Ausland

Bis jetzt sind Cliffwalker vor allem im süddeutschen Raum unterwegs. Im April und Mai sind alle ihre Wochenenden ausgebucht. In Zukunft möchten sie ihren Radius auch auf Norddeutschland ausdehnen. Für Herbst und Winter sind erste Auftritte im nahen Ausland geplant. Ihr Traum: „Die Welttournee!“, sagt Lopez und lacht. „Nee Scherz.“ Sollten ihnen jedoch Schicksal und Fans hold sein, wären alle fünf nicht abgeneigt, in die Vollen zu gehen und ihr Hobby zum Beruf zu machen.

Info: Cliffwalkers erstes Album „Leave me behind“ erscheint am Mittwoch, 19. Februar; Releaseshow am Samstag, 22. Februar, in der Luise, Scharrerstraße 15, in Nürnberg. Beginn des Konzerts ist um 20 Uhr. Der nächste Gig in Feucht ist für Herbst angedacht.

N-Land Magdalena Gray
Magdalena Gray