Über 1000 Besucher bei Open-Air-Festival

Bellhofen rockt und rollt

Vor der Bühne wurde getanzt was das Zeug hält2015/09/roll_over_bellhofen_tanzen_publikum.jpg

GROSSBELLHOFEN — Weit über 1000 Gäste waren zur neunten Auflage des Festivals „Roll over Bellhofen“ gekommen, das bei Fans längst Kultstatus hat. Die Besucher auf dem Großbellhofener Sportplatz waren auch dieses Mal begeistert von der Musikvielfalt und dem Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung.

Das Festival, das keinen Cent Eintritt kostet, war wieder ein voller Erfolg, so das Resümee von Hauptorganisator Erwin Walter, der sich vor allem um die Bands gekümmert hat. Die Integration von Menschen mit Handicap steht bei diesem Open-Air unter der Federführung von „Vereint e. V.“ im Vordergrund.

Bunt gemischt war auch das Musikprogramm, das traditionsgemäß durch die Männer des Großbellhofener Gesangsverein eröffnet wurde. Stolz und mit kräftigen Stimmen trugen sie unter der Leitung von Manfred Brieger unter anderem „So ein lustiges Leben“ vor.

Mit den „Headphones“ standen drei junge Musiker aus dem Nürnberger Land auf der Bühne, die auch im Alltag viel mit Menschen zu tun haben. Schlagzeuger Jochen ist Erzieher, Bassistin Kerstin Sozialpädagogin und Gitarrist Simon arbeitet im Rettungsdienst. Seit November 2011 spielt das Trio ehrlichen, erdigen Rock‘n’Roll – bluesgetränkt und kraftvoll. Ihre fesselnden Eigenkompositionen erinnern an Größen der Szene wie Rory Gallagher. 2012 gewannen sie so den Bandwettbewerb des Kreisjugendrings Nürnberger Land. Zuvor standen sie schon auf der Rockbühne der Nürnberger Nachrichten. Mit „Love try“ ging es gleich zu Beginn zur Sache.

Neben den heimischen Gästen aus nah und fern, darunter viele von der Lebenshilfe Lauf und anderen Einrichtungen aus der Umgebung, besuchte auch eine Gruppe aus Tschechien diese besondere Party. Auch Wanderer, die auf dem Frankenweg in Richtung Hersbruck unterwegs waren, verschlug es nach Großbellhofen. Die Mitvierziger hatten die Musik auf dem Reisberg gehört und waren dem Sound kurzerhand bis zum Sportplatz gefolgt. Dass der Zeitplan der ehemaligen Schulkameraden dadurch durcheinander gewürfelt wurde, habe sich gelohnt, sagte Frank, der die „prima Organisation“ des Festivals lobte und eine CD mit nach Hause nahm.

Die Moderatoren des Nachmittags, Lydia Taylor und Peter Gail, alias „Banana“, kündigten den Auftritt der Heimbewohner aus dem Schnaittachtal an. Eine Tai-Chi Vorführung, die Rüdiger Schramm mit den Bewohnern einstudiert hatte, war einer der Höhepunkte des Tages – auch wenn einige aus der Gruppe so aufgeregt waren, dass sie erst überredet werden mussten, tatsächlich mitzumachen. Am Ende waren doch alle glücklich und stolz, den öffentlichen Auftritt so gut über die Bühne gebracht zu haben.

Ein Erlebnis war das Festival auch für Familie Ross aus Osternohe. Sie war schon 2014 dabei und der fünfjährige Jonas hatte sich schon auf den Tag gefreut und gehofft, den Mann wieder zu treffen, der ihm im vergangenen Jahr mindestens fünf Mal die Hand gereicht und gesagt hatte: „Schön das du da bist“. Auch für die Schnaittacher Monika und Hartmut Kunz ist das Open-Air ein Muss: „Wir sind zwar nicht immer einer Meinung“, so Monika, „heute aber schon“.

Die jungen Berlinerinnen Carina Schwertner und Anne Stabe von „Oh Lonesome Me“ zeigten dem Publikum, wie Klangwelten entstehen können. Mit spielerischer Leichtigkeit, vielseitiger Instrumentierung und einem harmonischen Gesang sorgten sie für außergewöhnliche Hörerlebnisse.

In der Region und darüber hinaus bekannt sind „Cisco Pikes“ aus Nürnberg, die Moderator Peter Gail mit „Sie spielen sich selbst an die Wand“ ankündigte. Das bewiesen die fünf gestandenen Musiker dann auf der Bühne, wo sie mit britischem Punkrock die Londoner Musikszene der späten 70er zum Leben erweckten. Sänger Mark Lee aus England, der längst auch Franke ist, perfektionierte den Auftritt der Band, die in dieser Besetzung erst seit einem Jahr spielt.

Den Sound genoss auch Michel Wessolek aus Enzendorf, der schon viel von dem Dorffestival gehört hatte und nun endlich mit dem Motorrad gekommen war. Und weil es dem Rentner aus dem Pegnitztal so gut gefiel, blieb er länger als geplant.

Bei „Vladiwoodstok“, der letzten Ban des Tages, trifft Polka auf Beat, eine eigenwillige jedoch herzliche Mischung aus Pop, Punk und Walzer, auch Ompa Twang Polka genannt. Bei Vladiwoodstok fließt fränkischer Humor in traumhaft lockere englische Texte, die der gewichtige Frontman Vladi Iglu Hautawekk auf seine eigene Art vermittelt.

Vor der Bühne war soziale Inklusion hautnah zu erleben. Die Melodien gingen ins Ohr, die Rhythmen in die Beine. Das Festival will über den musikalischen Anspruch hinaus Menschen mit und ohne Behinderung zusammen bringen, was wiederum hervorragend gelang. Dies gefiel auch Bernhard Höllerer, der vor über 40 Jahren seinen Zivildienst in einer Behinderteneinrichtung absolviert und freiwillig verlängert hatte. „Der Gedanke der Integration war in Großbellhofen deutlichst zu spüren, dies ist für Menschen, die ansonsten wenig Kontakte zum Umfeld haben, enorm wichtig“, meinte der Osternoher. Unter die Gäste hatten sich auch Pfarrer Hans Eisend und Bürgermeister Frank Pitterlein gemischt.Udo Schuster

Mehr Fotos ab Montagmittag unter www.n-land.de/bilder im Internet.

N-Land Pegnitz-Zeitung
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