ALTDORF – Nach der krankheitsbedingten Absage der Referentin im Herbst haben Stadt und Seebrücke Altdorf einen zweiten Versuch unternommen, die Wiener Migrationsforscherin Dr. Judith Kohlenberger nach Altdorf zu holen. Diesmal hielt sie ihren Vortrag unter dem Titel „Gegen die neue Härte“ zwar. Jedoch konnte sie aus terminlichen Gründen nicht nach Altdorf reisen und war im Kulturtreff lediglich digital zugeschaltet.
Als Bestandsaufnahme beschrieb der Vortrag einige gleichzeitig bestehende widersprüchliche Realitäten: Mit einem „Souveränitätsspektakel an den Grenzen“ werde einerseits das Krisenbild erzeugt, dass unsere Gesellschaft von Asylsuchenden überrollt werde, die man abwehren müsse. Entsprechend würden die gesunkenen Zahlen von Ankommenden als Erfolg gefeiert. Andererseits steige die existenzielle Bedrohung für die Fliehenden, sichtbar an 1000 Toten allein auf der Mittelmeerroute in den ersten Monaten dieses Jahres.
Bei der Abwehr von Migration „gelten für manche Menschengruppen die Menschenrechte nicht mehr“, stellte die Wissenschaftlerin fest. „Dadurch wird Unmenschlichkeit normalisiert.“
Zahlen sinken, Empörung bleibt
Als zweiten Widerspruch benannte sie: Obwohl mit der Senkung der Ankunftszahlen die angestrebte Kontrolle erreicht scheint, entspannt sich die aufgeheizte Migrationsdebatte und auch der Zulauf zu antidemokratischen Parteien nicht. Im Gegenteil: Als Problem im Stadtbild werde Migration weiter mit Angst vor Überfremdung verbunden und zur „Mutter aller Probleme“ erklärt.
Dahinter sieht die Forscherin die gezielte Strategie antidemokratischer Kräfte, in einer Welt schwindender Gewissheiten und multipler Krisen Angst zu schüren – und ein angeblich gutes Früher mit einheitlichen Gesellschaften als Lösung anzupreisen.
Kohlenberger beschrieb auch die Schäden der Abschottung für Europa. Die Abschreckung von Arbeitskräften schwäche die Wirtschaftskraft. Die „schleichende Erosion der Rechtsstaatlichkeit“ durch die Abwehr von Einwanderung normalisiere die Missachtung von Menschenrechten, die irgendwann auch den Umgang innerhalb der Gesellschaft betrifft. Wenn Europa „nichts mehr fürchtet als eine Handvoll Geflüchteter“ mache es sich außerdem erpressbar für autoritäre Regime, die durch Abkommen zur Abhaltung von Fliehenden Macht bekommen.
Als Lösung setzt die Kulturwissenschaftlerin auf Allianzen und Zugewandtheit. Sie empfiehlt, die „Empörungsspirale“ zu durchbrechen und anstelle der im Internet strategisch forcierten Spaltung zwischen Extrempositionen Veränderung zu ermöglichen im direkten menschlichen Kontakt. Statt Andersdenkende mit Argumenten und Fakten belehren zu wollen, könne eine vertrauensvolle „Zugewandtheit“ Türen öffnen und Leute zur Menschlichkeit zurückgewinnen. „Gefühle erreichen uns dort, wohin es Fakten nicht schaffen“, lautet ihr Plädoyer für einen menschlichen Umgang mit allen. Dabei unterschied sie allerdings klar zwischen der menschlichen und politischen Ebene, auf der Brandmauern unbedingt notwendig seien.
