Online-Petition läuft

Dem Land laufen die Ärzte und Pfleger weg

Klaus Emmerich, Vorsitzender der Krankenhäuser des Landkreises Amberg-Sulzbach, warnt vor der Schließung der Krankenhäuser im ländlichen Raum. | Foto: Robert Kneschke - stock.adobe.com2019/08/AdobeStock_269551234.jpeg

HERSBRUCK/SULZBACH-ROSENBERG – Die Krankenhäuser im ländlichen Raum schreien seit langem um Hilfe. Klaus Emmerich, der Vorsitzende der Krankenhäuser des Landkreises Amberg-Sulzbach, geht jetzt in die Offensive und ruft Bürger offiziell zur Unterzeichnung einer bundesweiten Online-Petition auf. Damit ist er nicht allein. Auch Rothenburg ob der Tauber ruft zum Beispiel dazu auf, ebenso der Förderverein des Hardheimer Krankenhauses in Baden-Württemberg.

Derzeit läuft die bundesweite Online-Petition „Stoppt das Krankenhaussterben im ländlichen Raum“. Sie unterstützen diese Petition. Warum?
Klaus Emmerich: Die Bürger im ländlichen Raum brauchen ein wohnortnahes Krankenhaus, um bei Gefahr für Gesundheit und Leben schnelle Hilfe zu erfahren. Diese wohnortnahe Versorgung ist zurzeit akut gefährdet. Die Krankenhäuser in Hersbruck und Waldsassen haben dieses Jahr geschlossen. Die Schließung des Krankenhauses Parsberg im Jahr 2022 ist bereits beschlossene Sache. Das darf so nicht weiter gehen. Mit der Unterstützung der Petition möchten wir Bundesgesundheitsminister Spahn und den Landesgesundheitsministern signalisieren: „Hände weg von unseren Krankenhäusern vor Ort!“ Das Signal darf nicht erst kommen, wenn ein weiteres Krankenhaus seine Schließung ankündigt. Dann ist Protest – wie in Hersbruck – zu spät.

Aber hat nicht erst kürzlich eine Bertelsmann-Studie herausgefunden, dass es gerade bei kleinen Krankenhäusern an der Qualität mangelt? Was sagen Sie dazu?
Die Bertelsmann Stiftung hat eine Auftragsstudie für den Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen erstellt und in einer Modellregion um Köln, Leverkusen und Bergisch-Gladbach für gerade 38 Krankenhäuser eine neue Klinikstruktur erarbeitet – nicht mehr und nicht weniger. Sie hat gleichzeitig dort auf Qualitätsdaten zugegriffen beziehungsweise andere Qualitätsstudien zitiert. Aus dieser Erhebung eine bundesweit schlechte Qualität kleiner Krankenhäuser abzuleiten, ist unseriös.

Top bei der Luft

Denn so schlecht sind die kleinen Häuser gar nicht, oder?
In den Fachabteilungen Innere Medizin und Chirurgie schneiden laut Patientenportal „Weißer Liste“, das übrigens ebenfalls die Bertelsmann Stiftung anbietet, Krankenhäuser mit wenigen Betten besser ab als Großkliniken, die sich auf hochspezialisierte Erkrankungen konzentrieren. Internistische Behandlungen und kleinere chirurgische Eingriffe machen kleine Krankenhäuser häufiger und in Folge qualitativ besser. Es gibt weitere Fachstudien wie der NZ-Klinikcheck für die Metropolregion Nürnberg sowie die Studie „Deutschlands beste Krankenhäuser“, die dies bestätigen und unserem St. Anna Krankenhaus sogar Platz 1 für die Behandlung der Lungenentzündung attestieren. Man darf kleine Krankenhäuser nicht an der Behandlung lebensgefährlicher Herzinfarkte, Schlaganfälle oder traumatischer Unfälle messen – diese Behandlungen erfolgen standardmäßig in Großkliniken. Aber auch hier kann es vorkommen, dass ein kleines Krankenhaus in unmittelbarer Nähe die qualifizierte Erstversorgung vornimmt, damit es der Patient überhaupt lebend zum qualifizierten Krankenhaus schafft.

Wenn es nach manchen Bestrebungen geht, sollte es künftig nur noch Großkliniken geben, am besten mit 500 Betten aufwärts. Das würde bedeuten: Keine St. Johannes Klinik Auerbach, kein St. Anna Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg, kein Krankenhaus in Altdorf und am Ende auch kein Krankenhaus Lauf.
Eine solche Entwicklung wäre katastrophal! Die Anfahrzeiten zum nächstgelegenen Krankenhaus werden erheblich länger. Was nutzt die vermeintlich optimale Behandlungsmöglichkeit eines Schwerstverletzten in Nürnberg, Bayreuth, Amberg oder Regensburg, wenn er auf der Fahrt zum Krankenhaus bereits verblutet ist? Wie stellen sich Gesundheitspolitiker die Besuche älterer Patienten vor, deren Angehörige nicht mehr selber Auto fahren und den Weg in die großen Städte nicht mehr schaffen? Was geschieht mit Arbeitsplätzen und wertvollen Infrastrukturen in den ländlichen Kleinstädten? Wie kommen sich Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten vor, denen täglich mangelnde Qualität vorgeworfen wird, und die nicht wissen, ob ihr Arbeitsplatz vor Ort erhalten bleibt? Für den Erhalt ländlicher Krankenhäuser muss mit allen Mittel gekämpft werden.

Mit Ihrer Meinung sind Sie nicht allein. Auch in den Rathäusern des Landkreises Amberg-Sulzbach liegen Unterschriftenlisten aus, in denen sich Bürger für die Online-Petition eintragen können.
Ich habe das Landratsamt und die Bürgermeister selber gebeten, die Listen auszulegen. Unsere beiden Krankenhäuser machen es ebenfalls. Unser Landrat Richard Reisinger unterstützt die Aktion ausdrücklich.

Drei gute Gründe

Nennen Sie drei Gründe, warum Bürger die Petition jetzt unbedingt unterzeichnen sollten.
Grund 1: Es bedarf verbesserter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, damit ländliche Krankenhäuser langfristig stationäre Gesundheitsvorsorge betreiben können. Immerhin geht es um Leben und Lebensqualität unserer Bürger. In einem der reichsten Länder der Welt darf es Gesundheit auch wert sein, sie finanziell ausreichend zu unterstützen. Grund 2: Die Diskussion mangelnder Qualität und die Verschärfung der Strukturmerkmale für Krankenhäuser müssen ein Ende haben. Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen. Das, was kleine Krankenhäuser machen, machen sie schon heute mit guter bis sehr guter Qualität. Grund 3: Es geht um Wertschätzung gegenüber Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten, die kein „Kosten- oder Qualitätsproblem“ sind, sondern einen wertvollen Dienst für die Gesundheit der Bevölkerung leisten, täglich 24 Stunden, jeden Tag, mit großem physischen und psychischen Einsatz. Sie haben ein Anrecht darauf, es auch morgen noch machen zu dürfen.

Wer die Online-Petition unterzeichnen will, kann dies im Internet tun auf https://bit.ly/2ZaSlBK oder sich im Bürgerbüro der Stadt Hersbruck eintragen. Dort liegen ab Montag ebenfalls Unterschriftenlisten aus.

N-Land Katja Bub
Katja Bub