Wer ist Ralph Müller?

AfD-Mann lässt viele Fragen offen

Gehört Unschärfe bei ihm zum Programm? Ralph Müller verrät kaum, wer er ist und was er im Landtag vorhat.
Gehört Unschärfe bei ihm zum Programm? Ralph Müller verrät kaum, wer er ist und was er im Landtag vorhat. | Foto: Blinten/Montage: PZ2018/11/nnnnn.jpg

NÜRNBERGER LAND — Zwei Abgeordnete vertreten künftig das Nürnberger Land im Landtag. Neben dem Lebenshilfe-Geschäftsführer Norbert Dünkel (CSU), der bei der Wahl vor zwei Wochen das Direktmandat verteidigte, zog Ralph Müller über die Liste für die AfD ein. Doch wer ist der Politik-Neuling aus Altdorf, wofür steht er? Fragen, auf die der promovierte Zahnarzt selbst kaum Antworten liefert.

Als sich die neue Landtagsfraktion der Alternative für Deutschland am Freitag vor zwei Wochen zu ihrer ersten Sitzung traf, stand Ralph Müller im hellen Anzug mit auffällig bunter Krawatte beim Gruppenbild inmitten seiner 21 künftigen Kollegen und lächelte in die Kamera. Zu den Wortführern der bayerischen AfD scheint er aber nicht zu gehören, trotz dieser prominenten Position auf dem Foto, das vor dem Maximilianeum in München aufgenommen wurde.

Während der Allersberger AfD-Mann Ferdinand Mang zum stellvertretenden parlamentarischen Fraktionsgeschäftsführer gewählt wurde, taucht Müllers Name in der entsprechenden Pressemitteilung seiner Partei nur in einer Auflistung aller AfD-Abgeordneten auf. Die Berichterstattung über die konstituierende Fraktionssitzung konzentrierte sich ohnehin auf jene AfD-Politiker, die in der Vergangenheit mit umstrittenen Äußerungen oder Verbindungen nach Rechtsaußen aufgefallen sind. Müller scheint zumindest nicht in letztere Kategorie zu gehören.

An solche Strohalme muss man sich klammern, wenn man über den Altdorfer schreiben will. Anfragen der Pegnitz-Zeitung, des in Feucht erscheinenden Boten und der Hersbrucker Zeitung ließ er bisher entweder unbeantwortet oder entgegnete, dass er keine Zeit für Gespräche mit der Presse habe. Nur am Wahlabend gelang es einem Redakteur des Boten, mit Müller zu sprechen. Da freute sich dieser über das „starke Ergebnis“ seiner Partei. Bayern brauche eine klare konservative Stimme – „und das sind wir, nicht die CSU“.

„Mit allen Mitteln“

Auf der Website der AfD erklärt der Zahnarzt, Jahrgang 1963, sich für eine Stärkung des Wirtschaftsstandorts Bayern und gegen den Länderfinanz­ausgleich stark machen zu wollen. Der Freistaat solle nicht für „Pleite-Länder“ zur Kasse gebeten werden. Das sind politische Positionen, denen viele Bayern zustimmen. Anders ist das wohl bei der Forderung nach einem „lückenlosen nationalen Grenzschutz mit allen Mitteln“.

Meint Müller damit auch den Einsatz von Waffen? Die AfD-Politikerinnen Frauke Petry und Beatrix von Storch hatten 2016 mit derartigen Äußerungen einen Sturm der Entrüstung losgetreten. Die von dem künftigen Landtags­abgeordneten aus dem Nürnberger Land gewählte Formulierung legt den Schluss nahe, dass er Petry und von Storch zustimmt.

Aber das ist eine Interpretation. Auch für diesen Text hat Müller nicht mit der Pegnitz-Zeitung gesprochen. Allerdings steht folgender Satz auf der Partei-Website unter Müllers Namen: „Keine falsche Solidarität mit Asylbetrügern und kriminellen Eindringlingen, die größtenteils als ‚Flüchtlinge‘ getarnt unsere Sozialsysteme plündern und unermessliche Kosten und Verlust der Inneren Sicherheit mit sich bringen.“

Über Dünkel gibt es viele Infos

Über Norbert Dünkel, der den Landkreis seit 2013 im Landtag vertritt, sind zahlreiche persönliche und politische Informationen öffentlich zugänglich: Er ist 57 Jahre alt, in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei Kinder. 1987 schloss er sein Studium als Diplom-Verwaltungswirt ab, zwei Jahre später wurde er Geschäftsführer der Lebenshilfe. Das ist er bis heute. Seine Schwerpunkte als Abgeordneter sind die Innere Sicherheit und die Sozialpolitik. Der CSU gehört er seit 1978 an. In seiner Freizeit kocht er gern.

Wer ist hingegen Ralph Müller, sein neuer Kollege? Die Pegnitz-Zeitung schrieb vor der Wahl, er sei Inhaber zweier Zahnarztpraxen in Nürnberg, denn in seinem Lebenslauf stand wörtlich: „Als Unternehmer freiberuflich selbständig: ab 1992 Inhaber zweier großer Zahnarztpraxen“. Inzwischen wurde dieser Absatz geändert. Jetzt heißt es dort „ab 1992 bis 2007“. Kollegen Müllers, mit denen die Pegnitz-Zeitung gesprochen hat, hatten sich an der Passage gestört, mindestens einer davon beschwerte sich beim Zahnärztlichen Bezirksverband.

Der Beschwerdeführer, der den AfD-Mann nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten kennt, berichtet, dass Müller die beiden Praxen, eine befand sich am Plärrer, die andere in der Königstraße, „schon seit über zehn Jahren“ nicht mehr gehörten. Dort sei dieser mit einem seiner beiden Brüder, ebenfalls Zahnarzt, tätig gewesen. Doch der Bruder sei irgendwann ausgeschieden, Müller allein nicht erfolgreich gewesen.

Zuletzt, erzählt der Kollege, habe er mit dem Altdorfer wegen eines Immobiliengeschäfts Kontakt gehabt. Er wisse nicht, ob dieser aktuell überhaupt als Zahnarzt praktiziere. Der Zahnärztliche Bezirksverband ließ eine entsprechende Anfrage unbeantwortet. Immerhin: Eine Doktorarbeit aus dem Jahr 1990 lässt sich im Katalog der Erlanger Universitätsbibliothek finden.

„Angesehene Altdorfer Familie“

Ein anderer Zahnmediziner – er kommt aus dem südlichen Landkreis – berichtet, dass der AfD-Politiker aus einer „angesehenen Altdorfer Familie“ stamme und auf die Jagd gehe. Laut eigenem Lebenslauf lebt Müller „in einer langjährigen Lebensgemeinschaft mit Partnerin“. Das war es mit persönlichen Informationen.

Klaus Norgall aus Feucht, seit einem halben Jahr Vorsitzender des 2013 gegründeten AfD-Kreisverbands Lauf/Roth, redet im Gegensatz zu seinem Parteifreund mit der Presse. Er sagt: „Ich bedauere es, wenn er sich nicht äußern möchte, aber ich will ihm da auch nicht reinreden.“ Die AfD in der Region sieht er durch die Wahl gleich zweier Abgeordneter, die seinem Kreisverband angehören, nämlich Müller und Mang, im Aufwind: „So kann es weitergehen.“

Andere Politiker kennen ihn nicht

„Ich kenne Herrn Müller weder durch irgendeinen Termin noch sonstwie. Keine Ahnung, wer das ist“, sagt Norbert Dünkel, der wiedergewählte CSU-Landtagsabgeordnete aus dem Nürnberger Land. Der AfD-Mann sei bei keiner Podiumsdiskussion im Vorfeld der Wahl dabei gewesen, erinnert sich Dünkel. Die Kandidaten der anderen Parteien traf er vor der Wahl persönlich an ihren Infoständen auf dem Laufer Marktplatz. Müller sei auch dort nicht präsent gewesen, dieser sei „politisch unbekannt“.

Dünkel ist der Meinung, dass es kaum eine Rolle gespielt hat, wer der AfD-Politiker ist. „Ich habe an Infoständen viel mit Leuten gesprochen, die ihrem Ärger Ausdruck verleihen wollten“, sagt der 57-Jährige. Da sei es um bundespolitische Themen wie die Dieselaffäre genauso gegangen wie um Ärger über EU-Politik. Um Themen des Landeswahlkampfs aber nie.

„Für mich ist er ein Phantom“, sagt Martina Baumann, Neunkirchens Bürgermeisterin und SPD-Unterbezirksvorsitzende. „Ich
habe ihn bisher nicht kennengelernt“. Vor der Wahl hat sie auf der Website der AfD Bayern Müllers Standpunkte nachgelesen. Der Altdorfer fordert dort den Ausstieg Deutschlands aus dem Euro und schimpft auf „Gender-Unsinn“ und „kriminelle Eindringlinge“, die die deutschen Sozialsysteme plünderten. „Das ist ein Mensch, der meine Grundwerte nicht teilt“, bilanziert Baumann.

„Wenig Aufwand“

„Nach so wenig Aufwand jetzt im Landtag zu sitzen, das nenne ich effizient“, sagt Armin Kroder und spielt auf Müllers Abwesenheit bei öffentlichen Veranstaltungen an. Dass nun ein zweiter Abgeordnete das Nürnberger Land in München vertritt, findet der Landrat gut. „Schöner wäre es gewesen, wenn es nicht die AfD wäre.“

Auch für Benedikt Bisping ist Müller ein Unbekannter. „Ich kenne ihn nicht“, so der Laufer Bürgermeister, der auf Fragen zu Müller nicht eingeht und sich lieber darüber freut, dass die Grünen im Landtag so stark vertreten sind. Auch auf die Frage, ob es künftig einen Kontakt zwischen ihm und Müller geben wird, antwortet Bisping schmallippig: „Das wird sich zeigen.“

as/kir

Update: Ralph Müller gehört künftig womöglich auch dem Bezirkstag Mittelfranken an. Da sein Parteikollege Ferdinand Mang aus Allersberg nach Informationen des Hilpoltsteiner Kuriers auf seinen Sitz verzichten möchte, könnte er über die Liste nachrücken. In einem Schreiben an den Landeswahlleiter soll Mang, der zum stellvertretenden parlamentarischen Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion gewählt wurde, seinen Verzicht mitgeteilt haben. Laut einem Sprecher des Bezirks entscheidet der Wahlkreisausschuss, der aus Vertretern der Parteien besteht, Mitte nächster Woche darüber, ob Mangs Verzicht akzeptiert wird.

N-Land Pegnitz-Zeitung
Pegnitz-Zeitung