Feuchter Athletin vertritt Deutschland in Japan

„Es ist unglaublich“

Dabei sein ist alles? Nicht für Charline Schwarz! Die Feuchter Bogenschützin rechnet sich bei den olympischen Spielen in Japan einiges aus und strebt nach einer Medaille. | Foto: privat2021/07/Feucht-NEU-Bogenschuetzen-Charline-Schwarz-scaled.jpg

FEUCHT – Charline Schwarz zieht das Ticket für die olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio. Die 20-Jährige spricht über ihre Anfänge bei den Bogenschützen Feucht, über Verzicht, Doping und Druck.

Ein Traum wird wahr: Durch herausragende Leistungen im entscheidenden Schießen sichert sich die Bogenschützin Charline Schwarz die Teilnahme an den olympischen Spielen in Japan. Im Interview präsentiert sie sich reflektiert, bodenständig und fokussiert.

Frau Schwarz, herzlichen Glückwunsch zur Qualifikation für Olympia 2021. Können Sie sich noch an Ihre Anfänge erinnern?
Ich bin durch meine Eltern zum Bogenschießen gekommen, meine Mutter war Schützin, mein Vater Trainer, beide waren damals auch im Vorstand der BS Feucht. So bin ich auf dem Bogenplatz aufgewachsen. Das erste Mal einen in der Hand hatte ich mit drei Jahren. Ich habe mich einfach zur Trainingsgruppe dazugestellt. Meinen ersten Wettkampf habe ich mit fünf Jahren geschossen.

Gespannt und hoch konzentriert: Bereits in jungen Jahren war das außergewöhnliche Schießtalent von Charline Schwarz sichtbar. Foto: privat2021/07/Feucht-Bogenschuetzen-Charline-Schwarz-Kind.jpg

Mittlerweile sind Sie 20 Jahre alt, machen eine Ausbildung bei der Bundespolizei und wohnen in Berlin. Während Ihre Freunde feiern gehen, reisen Sie von Wettkampf zu Wettkampf. Ein harter Verzicht?
Ich musste aufgrund meines Sports schon immer auf vieles verzichten. Dafür habe ich durch ihn aber auch viele andere Erfahrungen machen können. Gefühlt hatte ich schon seit der achten Klasse nur noch ein freies Wochenende im Monat. Die Freunde, die ich habe, halten zu mir und verstehen, dass ich nicht so oft Zeit habe.

Sieht Ihr Freund das genauso?
Er war selbst Schütze im Jugendnationalkader, daher weiß er, wie viel man trainieren muss. Er hat Verständnis und weiß, dass die Situation nicht immer so bleiben wird.

Wenn man Sie beim Schießen beobachtet, wirkt es, als wäre es kinderleicht. Wie viel Spannung hat Ihr Bogen?
Er wiegt rund drei Kilogramm und hat 17,7 Kilogramm, die man an Zugkraft aufbringen muss. Das teilt sich auf in Ziehen und Drücken. Man versucht, eine Balance zu halten zwischen Ziehen und Drücken. Wenn sie passt, wird der Schuss auch sauber.

Hand aufs Herz: Würde es dem ungeübten Sportredakteur gelingen, den Bogen überhaupt einmal zu spannen?
Ihn einmal auszuziehen würde schon klappen, allerdings wäre die Haltung wahrscheinlich unsauber (lacht). Wir Schützen versuchen, gerade auf den Knochen zu stehen und achten darauf, dass die Schultern tief stehen. Letztlich schießen wir aus dem Skelett heraus.

Also sind Muskeln für das Schießen gar nicht so sehr von Bedeutung?
Muskeln sind wichtig, aber sie sind jeden Tag unterschiedlich. Je mehr man auf die Anatomie ablagert, desto weniger Variablen hat man. Beim Schießen sollte man dastehen wie ein Skelett im Biologiebuch.

Gibt es auch klassische Verletzungen beim Bogenschießen?
Häufig kommen Sehnenentzündungen in der Schulter und Schleimbeutelentzündungen vor. Wenn man tausende Male dieselbe Bewegung macht, reibt es an den Sehnen und dann sind sie gereizt. Man muss versuchen, Verletzungen durch Krafttraining präventiv zu verhindern.

Wie sieht Ihre Trainingswoche aus?
Momentan bin ich von 8 bis 16 Uhr im Schießtraining, dazu gehe ich dreimal die Woche in den Kraftraum oder zweimal die Woche 45 Minuten Laufen und mache dazu noch ein Stabilisierungs-Kraftprogramm.

Tragen Sie eigentlich Brille? Immerhin steht die Scheibe einige Meter entfernt …
Das stimmt, ja. Die Scheibe steht 70 Meter entfernt und hat einen Durchmesser von 122 Zentimeter. Jeder Ring ist 12 Zentimeter breit, das Gold, die Zehn in der Mitte, ist in etwa so groß wie eine Faust. Aber ich habe das Glück, dass ich sehr gute Augen habe. Zumindest noch, vielleicht ändert sich das im Alter noch.

Wie ist es um Nachwuchs im deutschen Bogenschießsport bestellt?
Man muss sehen, was Corona in den Vereinen angerichtet hat. Natürlich sind wir eine Randsportart und werden nicht, wie der Fußball, überschwemmt mit Nachwuchsschützen. Aber wir haben in den vergangenen Jahren Aufwind bekommen. Durch den Gewinn der Silbermedaille von Lisa Unruh bei Olympia 2016 haben wir einen Boom erlebt.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass es tatsächlich schon für Tokio 2021, und nicht erst 2024 in Paris reichen könnte?
Ich wusste schon länger, dass ich das Potenzial dazu habe, es zu schaffen. Spätestens nachdem ich bei der zweiten Qualifikation immer noch auf dem zweiten Platz stand, wurde mir klar, dass die Chancen nicht schlecht stehen.

Der Druck im dritten und entscheidenden Schießen war dann enorm …
Natürlich. Aber Druck, abzuliefern, habe ich immer. Ich rede viel mit Sportpsychologen. Einfach betrachtet schieße ich nur Bogen. Ich habe versucht, mir nicht vorzustellen, was passiert, wenn ich es versemmel, sondern was passiert, wenn ich es schaffe. Bogenschießen findet vor allem im Kopf statt.

Apropos Konzentration: Wird im Bogenschießen auf illegale Art und Weise versucht, nachzuhelfen?
Doping ist bei uns verboten, so wie in allen anderen Sportarten auch. Unser Vorteil ist, dass Doping bei uns nicht viel bringen würde. Wenn, dann nur etwas zur Beruhigung, aber da ist mir persönlich nichts bekannt. Die Alkoholgrenze liegt bei 0,0 Promille. Wir werden von der Nationalen Anti-Doping-Agentur überwacht. In einem Protokoll müssen wir immer angeben, wo wir uns wann aufhalten, damit sie uns auch finden können. Erst am Donnerstag stand bei mir zuhause in Feucht ein Vertreter und hat eine Kontrolle durchgeführt.


Wie sieht Ihr Zeitplan in Tokio genau aus?
Wir fliegen am 17. Juli nach Japan, am 23. Juli ist dann die Qualifikationsrunde, bei der wir 72 Pfeile schießen. Am Tag danach schießt das Mixed-Team, tags drauf die drei Damen im Team und anschließend finden drei Tage lang die Einzelfinals statt. Dann hat man die Einzelwettkämpfe Achtel-, Viertel-, Halb- und Goldfinale vor sich.

Bei anderen Sportereignissen mussten sich die Athleten zuletzt in einer Blase aufhalten, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Von Tokio werden Sie wahrscheinlich nicht allzu viel zu sehen bekommen.
Ich gehe davon aus, dass diese olympischen Spiele sehr streng ablaufen werden, ohne Sightseeing oder Ähnliches. Man ist eigentlich nur vor Ort, um den Wettkampf zu bestreiten. Es werden mit Sicherheit andere Spiele sein, als man sie bislang kannte, das ist klar. Aber trotzdem sind es immer noch Olympische Spiele. Ich bin einfach nur froh, dass sie trotz der Corona-Pandemie überhaupt stattfinden.

Tiefenentspannt zeigt sich Charline Schwarz im Gespräch mit dem Boten Freitagvormittag in einem Café in Feucht. Foto: Daniel Frasch2021/07/Feucht-Bogenschuetzen-Charline-Schwarz-1-scaled.jpg

Ein magischer Moment für viele Teilnehmer ist der Einlauf bei der Eröffnungsfeier. Wie oft sind Sie den gedanklich gelaufen?
Ich weiß noch nicht mal, ob wir überhaupt daran teilnehmen können. Die Eröffnung ist am 23. Juli, an dem Tag, an dem wir die Qualifikation haben. Ich bin gespannt, was unsere Trainer dazu sagen. Wenn es klappt, wird es natürlich ein richtig tolles Gefühl sein. Noch toller wäre allerdings das Gefühl, auf dem Podest zu stehen. Darauf liegt mein Fokus.

Wie gut stehen denn die Chancen für einen deutschen Podestplatz?
Mit der Mannschaft sehe ich sehr gute Chancen, dass wir was reißen können. Das ist auch unser Ziel. Was das Einzel betrifft: Ich werde mein Bestes geben und schauen, was dabei rauskommt.

Welche Nationen werden die härtesten Kontrahenten im Medaillenkampf sein?
Die Koreaner sind seit Jahren in der Weltspitze, Bogenschießen hat dort den Stellenwert wie der Fußball bei uns. Außerdem haben sie in Korea die Wettkampfstätte von Tokio nachgebaut, um sich optimal vorzubereiten. Darüber hinaus ist Japan und China sehr stark, auch die Mexikaner und Italiener haben gute Mannschaften.

Sie wirken abgeklärt und unaufgeregt. Ungewöhnlich für eine 20-Jährige, die ihre ersten olympischen Spiele vor sich hat…
Natürlich bin ich aufgeregt, das wird kurz vor den Wettkämpfen sicherlich noch schlimmer werden. Aber es hilft mir nichts, jetzt schon zu übersteuern oder zu feiern, schließlich möchte ich gute Leistungen zeigen. Feiern kann ich hinterher genug. Ich rede mir ein, dass es nur ein Bogenschießwettkampf ist. Wenn auch ein sehr wichtiger.

Werden in einigen Wochen die fünf farbigen Ringe Ihren Körper zieren?
Ich habe vor, mir die Ringe nach den Spielen tätowieren zu lassen. Es gehört einfach dazu. Es war schon von klein auf mein Traum, bei Olympia dabei zu sein. Dass ich das jetzt schon mit 20 Jahren geschafft habe, ist unglaublich. Mal schauen, ob der Traum vielleicht wahr wird.

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