Bayerischer Verdienstorden für Cora Halder aus Lauf

Ein Leben für das Down-Syndrom

Cora Halder (links) hat ein enges Verhältnis zu ihrer Tochter Andrea, die das Down-Syndrom hat. | Foto: Cichon2017/08/Cora-Halder-mit-Tochter-Andrea-Down-Syndrom-Infocenter-ci-1.jpg

LAUF — Nur knapp über 1600 lebende Menschen tragen den Bayerischen Verdienstorden. Eine davon ist Cora Halder aus Lauf. Die 67-Jährige setzt sich seit über 30 Jahren für die Inklusion von Menschen mit Down-Syndrom ein.

„Mit ihrem vorbildlichen Engagement und erfolgreichen Initiativen zur Inklusion von Menschen mit Down-Syndrom hat Frau Halder einen höchst anerkennenswerten Beitrag zu deren gesellschaftlicher Wahrnehmung geleistet“, heißt es in der Begründung von Cora Halders Auszeichnung. Im Juli verlieh Horst Seehofer der 67-Jährigen und 48 weiteren Personen den Bayerischen Verdienstorden. Diesen dürfen nur maximal 2000 lebende Menschen tragen.

Vor sieben Jahren hat die gebürtige Niederländerin schon das Bundesverdienstkreuz bekommen. „Ich weiß gar nicht genau, wie ich die beiden tragen soll. Einen rechts und einen links?“, stellt sie trocken fest und macht es sich in einem Korbstuhl in ihrer Wohnung gemütlich. Genau so entspannt wie sie die Auszeichnungen sieht, so gelassen spricht sie auch über ihre Arbeit.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zeichnete Cora Halder in München mit dem Bayerischen Verdienstorden aus. | Foto: Privat2017/08/Verleihung-Bayerischer-Verdienstorden-Cora-Halder-Down-Syndrom-Infocenter.jpeg

Mit der Geburt ihrer Tochter Andrea vor inzwischen 32 Jahren fing alles an. Das Mädchen kam mit dem Down-Syndrom (Trisomie 21) zur Welt. Halder lebte damals in Neuseeland. Dort gab es Mitte der 1980er Jahre bereits eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom.

Nach diesem Vorbild gründete Halder 1988 in Erlangen eine speziell auf den Gendefekt ausgerichtete Gruppe, die sie zehn Jahre leitete. Beim ersten Treffen waren gleich 120 Interessierte da. „Damals wusste in Deutschland kaum jemand etwas über das Down-Syndrom. Es war einfach Bedarf da“, erinnert sich Halder.
Aus den Rundbriefen an die Mitglieder der Gruppe entwickelte sich ein drei Mal jährlich erscheinendes Magazin „Leben mit Down-Syndrom“. Darin informiert Halder bis heute etwa über das Leben von Menschen mit Down-Syndrom oder aktuelle Forschungsergebnisse.

Inklusion ist das Ziel

Inklusion von Menschen mit Down-Syndrom war von Anfang an ein wichtiges Thema. Mit dieser Zielsetzung gründete Halder 1998 auch das „Down-Syndrom InfoCenter“ in Lauf, eine bis dato deutschlandweit einmalige Institution. Im Rahmen ihrer Arbeit für die rein durch Spenden finanzierte Institution entstanden zahlreiche Broschüren und Filme als Leitfaden für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom. Aber auch Infomaterial für Erzieher oder Lehrer wurde entwickelt, immer angelehnt an das jeweilige Alter von Halders Tochter Andrea.

„Deutschland ist bei weitem kein Vorzeigeland, was die Inklusion angeht. Man muss schon kämpfen, um sein Kind in eine Regelschule zu bekommen“, sagt Halder. Die Ernüchterung ist deutlich anzumerken. Aber woran liegt das eigentlich? Einen Grund dafür sieht die 67-Jährige in dem großen Netz aus Sonderschulen, etwa für Gehörlose oder Menschen mit geistiger Behinderung. „Das ist ein festes System, dass man nicht so leicht auflösen kann“, sagt sie und fügt hinzu: „Außerdem wollen viele Eltern eine Art Schutzraum für ihre Kinder schaffen, weil sie Angst haben sie könnten sonst abgehängt werden. Aber viele Kinder mit Down-Syndrom kommen im Alltag gut zurecht.“

Besser machen es in Halders Augen die Länder im Mittelmeerraum. In Italien etwa gibt es keine speziellen Schulen mehr. Alle Schüler, ob mit oder ohne Behinderung, werden dort gemeinsam unterrichtet.

Auch viele EU-Projekte im Zusammenhang mit dem Down-Syndrom werden in Südeuropa entwickelt. „Ein Vorzeigeprojekt“, wie es Halder nennt, haben Spanien, Portugal und Italien auf die Beine gestellt: Das Programm vermittelt Praktikumsplätze in Hotels an Menschen mit Down-Syndrom. Die Teilnehmer lernen mit einer App, selbstständig zu arbeiten. Inzwischen machen 35 Restaurants und Hotels mit. Nun soll das Projekt auch auf Deutschland, Ungarn und die Türkei ausgeweitet werden.

Tochter macht ein Sabbatjahr

Halders Tochter Andrea arbeitete nach der Schule acht Jahre lang bei einem Unternehmen in Erlangen. Dann wollte sie sich beruflich verändern und lieber eine Stelle haben, wo sie am Computer arbeiten kann. Was folgte, waren zahlreiche Praktika, die immer nach wenigen Monaten endeten. Einen Arbeitsvertrag gab es für Andrea im Anschluss nicht. „Dann haben wir beschlossen: Es reicht“, sagt Halder energisch. „Wir waren es leid, immer wieder neu suchen zu müssen und immer wieder abgewiesen zu werden“.

Andrea macht aktuell eine Art Sabbatjahr. An zwei Vormittagen hilft sie in einem Laufer Altenheim aus. Ansonsten liest sie viel Zeitung, schreibt eigene Artikel für die Zeitung „Ohrenkuss“, für die Menschen mit Trisomie 21 schreiben. Bei Vorträgen erzählt sie zudem aus ihrem Leben mit Down-Syndrom. „Das ist momentan eine nette Mischung“, sagt Halder mit einem Lächeln.

Vor zwei Jahren gab Cora Halder die Leitung des „Down-Syndrom InfoCenters“ ab und verabschiedete sich in den Ruhestand. Zunächst sei sie etwas beunruhigt gewesen. Denn die Strukturen anderer Vereine, wie etwa in den Niederlanden, war fast zusammengebrochen nachdem deren Pioniere aufhörten. „Aber bei uns ist es richtig gut gelaufen. Deshalb konnte ich guten Gewissens gehen. Ich wusste: Meine Kollegen machen das schon.“

Dennoch muss man bei der 67-Jährigen eher vom „Unruhestand“ sprechen: Sie hält weiterhin weltweit Vorträge über das Down-Syndrom, führt im Info-Center in Lauf Veranstaltungen durch und schreibt für das Magazin des Vereins. Privat reist sie viel und pilgert jedes Jahr bis zu 1000 Kilometer. Eine ruhige Kugel zu schieben, kommt für Halder nicht in Frage: „Soll ich etwa nur zu Hause sitzen und Däumchen drehen?“

N-Land Anne Cichon
Anne Cichon