Laufer Kranhersteller

Wie Tadano aus der Krise kommen will

Zwar wird Personal abgebaut, aber trotzdem soll der Standort Lauf gestärkt aus dem Schutzschirmverfahren hervorgehen. | Foto: PZ-Archiv/Kirchmayer2021/01/neu-Tadano-Faun-Lauf-Archiv-kir-1.jpg


LAUF/ZWEIBRÜCKEN — Geschäftsführer Jens Ennen und der Laufer Betriebsratsvorsitzende Thomas Meier sprechen im PZ-Interview über die Zukunftsaussichten für den angeschlagenen Kranhersteller.

Im Oktober schlüpften der Laufer Kranhersteller Tadano Faun und seine Schwestergesellschaft Tadano Demag in Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) unter den „Schutzschirm“, den das Insolvenzrecht bietet. Seither hielten sich die Firmen bedeckt, der Sanierungsplan sollte zuerst an die Gläubiger gehen. Nun bestätigt Jens Ennen, der Vorsitzende der Geschäftsführung, im Interview: Lauf und Zweibrücken sollen sich künftig die Produktion teilen. Ein neues Montagekonzept, dessen Umsetzung bis 2023 geplant ist, sieht vor, dass in Franken Unterwagen entstehen, die fertigen Autokrane in Rheinland-Pfalz. Für Faun heißt das: zurück zu den Ursprüngen. Immerhin steht der Name für die traditionsreichen Fahrzeugfabriken Ansbach und Nürnberg. Rund 500 Mitarbeiter sollen am Standort bleiben – der Betriebsrat verhandelte hart für einen Kompromiss. Trotzdem fallen 114 Stellen weg, in Zweibrücken noch deutlich mehr.

Herr Ennen, die Entscheidungsfrist für die Mitarbeiter ist abgelaufen: Wie viele derjenigen, deren Jobs wegfallen, wechseln in die angebotene Transfergesellschaft?
Ennen: Am Standort Lauf sind es nach meinem Kenntnisstand 107 von 114 Mitarbeitern, die das Angebot angenommen haben, in Zweibrücken 301 von 392.

Die anderen bekommen die Kündigung?
Ennen: Das ist richtig.

Was entgegnen Sie auf den von der IG Metall geäußerten Vorwurf, das Unternehmen hätte bei der Höhe des Stellenabbaus kaum mit sich reden lassen?
Ennen: Diejenigen, die das sagen, saßen die ganze Zeit mit am Tisch. Zu behaupten, wir seien nicht verhandlungsbereit gewesen, entspricht nicht den Tatsachen. Aber natürlich gab es eine gewisse Bandbreite an Forderungen, denen wir nicht nachkommen konnten.
Meier: Es sind jetzt weniger Entlassungen als anfangs vorgesehen. Durch Versetzungen beziehungsweise Änderungsvereinbarungen konnten Arbeitsplätze erhalten werden. In Lauf wurden alle diese Vereinbarungen von den Mitarbeitern angenommen.

Also sind Sie als Betriebsratsvorsitzender zufrieden, Herr Meier?
Meier: Na ja, es gibt Kündigungen, zufrieden ist etwas anderes. Es ist ein Kompromiss auf dem Mindestlevel. Ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung würde ohne Stellenabbau von den Großgläubigern vermutlich nicht akzeptiert werden. Deshalb waren wir gezwungen, Lösungen für die Standorte zu finden.

„Das konnte kein Mensch vorhersehen“

Als Tadano 2019 Demag in Zweibrücken übernahm, sagten Sie, Herr Ennen, die Auftragsbücher seien „weit nach vorne gefüllt“. Sie wollten durch die Übernahme neue Marktpotenziale erschließen. Warum ist es anders gekommen – und welchen Anteil hatte die Corona-Pandemie?
Ennen: Wir sind mit viel Optimismus gestartet. Aber relativ bald nach der Übernahme, schon im letzten Quartal 2019, konnten wir eine Eintrübung im Markt beobachten. Hinzu kam der stark gesunkene Rohölpreis. Unser Geschäft hängt zu einem gewissen Maß an der Förderung von Erdöl. Wenn diese nicht in einem bestimmten Volumen stattfindet, fallen die Investitionen in neue Förderanlagen viel geringer aus. Man kann das in den Ländern im Mittleren Osten, in Nordamerika oder Russland beobachten: Die Zahl der Krane geht mit dem Ölpreis zurück. Die Corona-Pandemie hat ihr Übriges getan. Im gesamten Markt sind die Absatzzahlen um bis zu 30 Prozent gesunken. Das konnte kein Mensch vorhersehen, als Tadano Demag übernommen hat.

Sie hatten durch die Pandemie Probleme mit den Lieferketten. Krankabinen zum Beispiel beziehen Sie aus Italien, das besonders stark betroffen war.
Ennen: Schwierig war es vor allem am Anfang. Aus Italien, Frankreich und Spanien, den Ländern, die die höchsten Infektionsraten hatten, gab es zeitweise gar keine Zulieferungen. Deshalb haben wir uns auch dazu entschieden, auf Kurzarbeit zu setzen und sind 2020 zu weiten Teilen dabei geblieben. Ein zweiter gravierender Effekt der Pandemie ist, dass unsere Kunden bei Kaufentscheidungen vorsichtiger geworden sind. Unser durchschnittliches Produkt liegt preislich bei einer Million Euro, eine Summe, die man nicht ausgibt, wenn man nicht weiß, wie die langfristige Auslastung aussieht.

Einer der All-Terrain-Krane, die Tadano Faun produziert, im Einsatz. Es handelt sich um das Modell ATF 60G-3. | Foto: Tadano Faun GmbH2020/10/neuer-kran-tadadano-faun-ATF60_long.jpg

Nun peilen Sie 2024 für die Demag-Sparte schon wieder zehn Millionen Euro Gewinn vor Steuern an. Ist das angesichts dieses Marktumfelds nicht viel zu optimistisch?
Ennen: Wir haben uns viel Mühe gegeben, einen Restrukturierungsplan auf die Beine zu stellen, der auf realistischen Annahmen basiert. Wir rechnen mit moderaten Zuwachsraten, so wie nach der Lehman-Krise 2009, und nicht mit extremen Steigerungen. Wir planen aber natürlich auch damit, dass wir unsere internen Abläufe verbessern und unsere Produktpalette so umgestalten können, dass wir ein attraktiveres Angebot machen können. Das wollen wir durchaus aggressiv und schnell angehen. Unser Motor ist die Neuentwicklung.

Gibt es eine Zielvorgabe wie für Demag auch für Tadano Faun, also den Standort Lauf, und wenn ja, wie sieht sie aus?
Ennen: Es gibt eine Zielvorgabe. Ich möchte aber an dieser Stelle nicht so viel über betriebswirtschaftliche Ergebnisse reden. Denn wir haben uns, wie bereits berichtet wurde, dazu entschieden, unsere Produktionslandschaft in den nächsten zwei bis drei Jahren neu aufzustellen. Das eigentliche Fahrzeug soll in Lauf gebaut werden und der Kran dazu in Zweibrücken. Dadurch ergeben sich ganz andere Rahmenbedingungen. Wichtig ist: Das ganze Geschäft in Deutschland soll in absehbarer Zeit wieder schwarze Zahlen schreiben.

Wird Lauf nur noch ein Zuliefererwerk für Zweibrücken sein?
Ennen: Das sehe ich nicht so. Alle drei Werke, Dinglerstraße und Wallerscheid in Zweibrücken sowie Lauf, sind für das Unternehmen ungemein wichtig. Wir haben auch jede Menge Aktivitäten, die wir in Zukunft ausschließlich in Lauf betreiben wollen. Es ist eher ein Geben und Nehmen.

Aber es läuft darauf hinaus, dass in Lauf keine kompletten Autokrane mehr gebaut werden?
Ennen: Das ist in Teilbereichen richtig, aber wir haben auch Lkw-Aufbaukrane im Portfolio, die sogenannten HK-Krane. Diese sollen weiterhin in Lauf entstehen. Und das Geschäft mit Gebrauchtkranen wollen wir auch hier zusammenfassen, ebenso wie den Bereich Service.
Meier: Das wird alles sowieso ein jahrelanger Prozess sein. Modelle, die in nächster Zeit auslaufen, werden jetzt nicht sofort auf die Standorte aufgesplittet, das würde betriebswirtschaftlich überhaupt keinen Sinn machen.

„Kein Erdrutsch in Richtung Zweibrücken“

Herr Ennen, was sagen Sie Beschäftigten, die Angst haben, Bereiche wie Verwaltung oder Entwicklung würden künftig in Zweibrücken zusammengefasst?
Ennen: Das ist eindeutig nicht der Fall. Es wird keinen Erdrutsch in Richtung Zweibrücken geben. Aber natürlich werden über die Zeit Veränderungen passieren. Wenn wir zum Beispiel das Gebrauchtkrangeschäft nach Lauf verlagern, wird auch das Personal künftig eher in Lauf angesiedelt sein. Umgekehrt wird sich die Vertriebsabwicklung in Zweibrücken konzentrieren. An beiden Standorten wird es weiterhin Einkauf und Logistik geben. Beim Engineering wir wollen das Talent behalten, das wir haben, wir trennen da nicht nach reinen Unter- oder und Oberwagenentwicklern oder Lauf und Zweibrücken. Wir wollen das beste Team.


Wie schätzt der Betriebsrat die Pläne ein?
Meier: Ich denke, dass sie zukunftsorientiert sind. Faun kommt aus dem Bereich Trägerfahrzeuge. Wenn man sich die Geschichte des Unternehmens anschaut, dann waren wir schon einmal Fahrzeuglieferant für Demag oder die Dingler-Werke, wie sie früher hießen. Es ist das Beste aus zwei Welten.

In der Versuchshalle auf dem Laufer Gelände testen die Tadano-Mitarbeiter Funktionen und Aufbau der Krane. | Foto: Tadano Faun GmbH2014/08/86941_tadanofaunneueversuchshallelauf_New_1408109768.jpg

Was ist denn mit dem Testgelände bei Pegnitz? Braucht man das noch, wenn sich Faun eher auf Unterwagen konzentriert?
Ennen: Der Standort in Pegnitz spielt eine Rolle in unserem langfristigen Konzept, aber es ist noch zu früh, um konkret zu sagen, was dort genau passieren wird.

Und die angedachte Werkserweiterung, das sogenannte Schulholz? Sind die Pläne dafür beerdigt?
Ennen: Die Erweiterung war letztlich vorgesehen, um Tadanos langfristiges Ziel, Nummer eins in dieser Industrie zu werden, zu verwirklichen. So viele Krane hätten wir in Lauf nie bauen können. Nun haben wir mit der Demag-Übernahme unsere Fertigungskapazität mehr als verdoppelt, es gibt also keinen Flaschenhals mehr. Damit liegt das Thema Schulholz auf Eis. Ich würde sogar sagen, momentan unter einer relativ dicken Schicht von Eis.

Wo bleibt das groß angekündigte neue Faun-Spitzenmodell ATF-600 mit seinem revolutionären Hauptausleger? Wird es je ausgeliefert werden?
Ennen: Bevor wir dazu ein endgültiges Statement abgeben, wollen wir das Zusammenschmelzen unser Produktlinien abwarten. Der ATF-600 wäre im direkten Wettbewerb mit zwei Modellen auf der Demag-Seite.

„Breite Akzeptanz für den Sanierungsplan“

Zum Schluss ein Ausblick: Sie haben angekündigt, das Schutzschirmverfahren zum Ende des ersten Quartals wieder verlassen zu wollen. Bleibt es dabei? Die Gläubigerversammlungen Mitte Februar haben sie noch vor sich.
Ennen: Es ist unser erklärtes Ziel. Wir haben mit unseren Hauptgläubigern sehr produktiv verhandelt. Ich bin überzeugt, dass der Sanierungsplan bei ihnen breite Akzeptanz findet und wir in den Gläubigerversammlungen die notwendige Mehrheit dafür erreichen.
Meier: Eduard Glass, der Zweibrückener Betriebsratsvorsitzende, und
ich haben am bisherigen Verfahren als Arbeitnehmervertreter mitgewirkt, wir saßen in den Gläubigerausschüssen. Ich denke, dass die großen Gläubiger im Boot sind, sie kennen den Plan bereits. Da müsste etwas schon ganz schräg laufen, wenn es nicht zu einer Einigung kommen sollte.

Die japanische Konzernmutter muss aber ordentlich Geld zuschießen, damit die Gläubiger zufrieden sind.
Ennen: Ja, natürlich ist das so. Irgendwo muss das Geld herkommen, um so ein Insolvenzverfahren zu finanzieren. Tadano hat sich von Anfang an bereit erklärt, diesen Sanierungsplan zu unterstützen, auch mit der Konsequenz, dass investiert werden muss.

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