Braucht es eine Impfpflicht?

„Wenn wir jetzt nicht handeln, muss alles wieder zumachen“

Dr. Martin Seitz ist Hausarzt und Leitender Impfarzt des Röthenbacher Impfzentrums. | Foto: Archiv2021/11/Lauf-Seitz-Online.jpg

Nürnberger Land – Die Einschränkungen für Ungeimpfte werden verschärft. So will die Bundesregierung die Impfquote steigern, um einen erneuten Lockdown zu vermeiden. Warum das seiner Meinung nach nicht reicht und die Zeit für Impfanreize vorbei ist, erläutert der Arzt und Leiter des Röthenbacher Impfzentrums, Dr. Martin Seitz.


Auf Facebook schreiben Sie: „Mit Bitte und Aufklärung etwas zu erreichen, der Zug ist längst abgefahren, entweder man akzeptiert die Situation, wie sie ist, oder man erlässt eine Impfpflicht. Alles andere ist Illusion!“ Ist das als eine Forderung für eine generelle Impfpflicht zu verstehen?
Das ist eine politische Entscheidung. Aber wenn wir jetzt nicht handeln und Kontakte beschränken, muss alles wieder zumachen. Auch Schulen und Kindergärten. Wollen wir das? Wenn wir keine höhere Impfquote erreichen, wird das geschehen. Eine Impfpflicht ist allerdings aus meiner Sicht schwer umsetzbar, wir müssen das Impfen aber auf jeden Fall mit Druck nahelegen.


Warum ist eine Impfpflicht nur schwer umsetzbar?
Man kann ja die Menschen nicht zum Impfen zwingen. Wir leben in einem demokratischen System, in dem Meinungsfreiheit herrscht. Deswegen sind Maßnahmen außer Kontaktbeschränkungen schwierig.


Prominente wie Hubert Aiwanger oder Joshua Kimmich haben ihre Impfskepsis zuletzt als persönliche Entscheidung bezeichnet. Wie stehen Sie zu dieser Haltung?
Das pandemische Geschehen ist kompliziert. Wie man in anderen Ländern mit größerer Impfbereitschaft sehen kann, hat man weniger Probleme, wenn die Impfquote höher ist. Und die 30 Millionen Ungeimpften in Deutschland sind im wesentlichen verantwortlich für eine Überlastung des Gesundheitssystems.


Sehen Sie eine Möglichkeit, Impfverweigerer zu überzeugen?
Das ist ein ganz schwieriges Thema. Sicher ist, dass man viele Menschen nie überzeugen wird, dazu gibt es auch schon Studien. Auch wir werden von vielen Leuten in den Praxen angegangen, wenn wir das Thema ansprechen. Argumente reichen jetzt nicht mehr aus. Wir haben keine Zeit mehr für niederschwellige Maßnahmen. Wenn es noch zwei oder drei Wochen so weitergeht, wird es heftig. Ich will es gar nicht offen sagen, aber ich erinnere an Bergamo.


Welche Rolle haben dabei Ärzte, die sich für die freie Impfentscheidung aussprechen?
Es ist ein großes Problem, weil viele falsche Informationen gestreut werden. Das reicht von Maskenverweigerern bis hin zu Corona-Leugnern. Auch hier im Nürnberger Land gibt es solche Ärzte. Bei einigen wurden schon berufsrechtliche Verfahren eingeleitet. Aber auch hier ist die Demokratie und Meinungsfreiheit zu berücksichtigen. Toleranz ist wichtig, aber hier werden eindeutig Grenzen überschritten.


Was meinen Sie mit überschrittenen Grenzen?
Es gibt teilweise gefährliche Meinungen, die von einigen Menschen vertreten werden. Manche glauben zum Beispiel, dass man durch die Beatmung bei der Behandlung auf der Intensivstation vergast wird und gar nicht an Corona stirbt. Man darf solche Verschwörungstheorien nicht bagatellisieren.


Was halten Sie von den Einschränkungen für Ungeimpfte?
Meiner Meinung nach ist die Unterscheidung zwischen geimpft und ungeimpft aus Sicht der derzeitigen pandemischen Lage nicht richtig. Das 2G-Konzept bringt zur Bewältigung der Pandemie wenig, weil auch Geimpfte sich anstecken können, auch wenn der Krankheitsverlauf in den allermeisten Fällen glimpflicher ist. So kann das Virus an potenziell Gefährdete und Ungeimpfte weitergegeben werden. Die Freizügigkeit von Geimpften sehe ich als problematisch. Allerdings spricht das nicht gegen das Impfen. Geimpfte sind deutlich besser dran, sie schützen sich selbst im Besonderen und in hohem Maße auch ihre Mitmenschen.


Was wäre Ihr Lösungsansatz?
Ich spreche von Maßnahmen, die wehtun werden. Wir müssen die Kontakte insgesamt einschränken, also sowohl für Geimpfte als auch für Ungeimpfte. Ich rede von Kontaktbeschränkungen von mindestens 50 Prozent. Impfen müssen wir natürlich trotzdem.


Das heißt, Sie raten zum jetzigen Zeitpunkt zu Kontaktbeschränkungen, um die Lage zu entzerren?
Das ist auf jeden Fall ein sehr wichtiger Punkt. Außerdem müssen wir Schließungen in Betracht ziehen. Wir wollen ja alle, dass Schulen und Kindergärten offen bleiben. Wo packt man also an? Kulturveranstaltungen und Gastronomie müssen vielleicht auch eingeschränkt werden. Vor allem Diskotheken. Ich bin keineswegs ein Feind von Diskos, in der momentanen Lage geht es aber einfach nicht.


Wie stark ist denn im Nürnberger Land die Impfnachfrage gestiegen?
Die Nachfrage ist massiv gestiegen. Leider haben wir das Problem, dass in den Praxen momentan der Impfstoff fehlt. Die komplette Lage hat sich verändert. Mitte des Jahres hatten wir viel Impfstoff, aber wenige Interessenten. Jetzt ist es genau umgekehrt. Es gab auch schon einen Hilferuf von Ärzten aus der Hersbrucker Gegend. Sie mussten Patienten nach Hause schicken, weil der Impfstoff fehlte. Entspannung ist da erst in einigen Wochen in Sicht.


Und wie sieht das am Impfzentrum aus?
Wir haben Personalmangel, weil die Politik das Impfangebot heruntergefahren hat. Die geringe Menge an Impfstoff reicht nur, weil das Fachpersonal fehlt. Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Ausweitung des Angebotes.

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