Im „Canyon“ zwischen Rupprechtstegen und Lungsdorf

Man muss nicht weit fahren für diese Idylle: So malerisch ist es an der Veldener Mühle2012/04/41163_schaeferwanderunglungsdorf_0001_New_1333699264.jpg

Schon mal da gewesen, und zwar dort, wo steil aufragende Dolomitfelswände die zahm dahinfließende Pegnitz garnieren? Falls ja, dann lohnt sich ein Besuch ein zweites oder gar drittes Mal. Je nach Wasserstand und Jahreszeit gewinnt der Flusspromenaden-Spaziergänger neue Einblicke. Gar zu oft muss er stehen bleiben und den Kopf in den Nacken legen. Ich war x-mal dort und habe keinen Schritt bereut.

Der Regionalzug nach Neuhaus hält nach dem Tunnel „Platte“ am verwaisten Bahnhof Rupprechtstegen. Bitte in Fahrtrichtung rechts aussteigen! Nur eine Handvoll Wanderer verlässt am Palmsonntag den Zug. Der Bahnsteig gut abgesichert gegen Erdrutsch. Es ist bitterkalt. Ich überschreite die Gleise (beschrankter Bahnübergang) und steuere einen abgestellten Waggon der ehemaligen Deutschen Reichsbahn an. Ursprünglich ein Wagen 3. Klasse, später umgebaut auf 2. Klasse. Bis in die 70er Jahre im Einsatz. Seit geraumer Zeit als „Rast-Waggon“ in Betrieb.

Eine beliebte Einkehrstelle nicht nur für Sonntagswanderer, auch für Werktagswanderer, Einzelwanderer, Pärchenwanderer, Familienwanderer, Vereinswanderer, Flusswanderer, Radwanderer und Kletterer. Neugierig? Mich gelüstet nach einem zweiten Frühstück. Bitte einsteigen. Frühstücke ich nun in der zweiten oder bin ich versehentlich in die erste Klasse geraten?

Frisch gestärkt verlasse ich den Waggon. Mein Weg führt am in Fließrichtung linken Ufer der Pegnitz entlang. Unter den vielen Markierungszeichen fische ich mir den Grünstrich heraus. Mein Marker bis Velden. Vier Kilometer nur. Bis Lungsdorf 1,7 Kilometer. Am Mühlenwehr vorbei flussaufwärts auf breiter Uferpromenade. Gemach, liebe Freunde, ein altes chinesisches Sprichwort besagt: „Wer eilt, macht sich lächerlich!“ Kurzum ein Weg, um sich kein Bein auszureißen. Die Promenade ist gespickt mit Ruhebänken. Ein Uferweg wie geschaffen für Talbummler, Trödler, Nachzockler, Zeitgönner und Kinderwagenschieber.

Holzsteg über die Pegnitz, unmittelbar am Eingang zum Ankatal. Die „Ankatalwand“ ein auffallend mächtiges Massiv mit mauerglatter Westwand und großlöcheriger Talwand. Vom ehemaligen Pavillon auf dem höchsten Punkt der Wand sprang 1898 die ungarische Schauspielerin Erdösy in den Tod. Liebeskummer angeblich.

Eisenbahnbrücke kühn über den Fluss. Eine denkmalgeschützte, landschaftsprägende Stahlkonstruktion, die mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat. Zirka 50 Meter nach der Brücke zweiter Holzsteg über die Pegnitz. Der Steg führt zu einem Wasserwerk: „Wasserversorgung Enzendorf 1961.“ Oberhalb die „Rupprechtstegener Wand“. Du kriegst die Nackensteife; stehst und staunst.

Schroffe Felswände

Wegegabelung. Ich bleibe auf ­schmalem Wurzelpfad am Flussufer.Geplätscher der zahmen Pegnitz. Kleiner Schwall inmitten des Flusses. Willkommene Abwechslung für Kanadier- und Kajakfahrer. Bootsfahrer heute Fehlanzeige. Wer fährt schon bei dieser Lauseskälte im Superstretch-Neopren-Anzug auf der eiskalten Pegnitz. Frag die Bootsverleiher in Lungsdorf oder Hohenstadt.

Vis-á-vis der „Rote Fels“ am rechten Pegnitztalhang. Schroffe Felswände als Landschaftskulisse. Mehrere Seillängen hoch. Gewaltig aus der Bootsperspektive. Ein 218 Meter langer Eisenbahntunnel raubt der von zahllosen schweren Kletterrouten durchzogenen Felsgruppe die Unschuld. Die mauerglatte „Sackwand“ lässt Kletterherzen höher schlagen. Bleib am Wasser bis kurz vor Lungsdorf, eine beliebte Einbootstelle der Pegnitz-Kanuten. Das Dorf am Fluss hat sich in den letzten Jahren „gemausert“, seine Felsen wurden freigelegt, die Hänge „entbuscht“. Ich peile den „Immerhöherturm“ an, ein Felstürmchen mit Wetterfahne. Links einschwenken und stetig steigend weiter. Grünes Warndreieck: „Schützenwerter Landschaftsbestandteil“! Sind wir schon so weit, „stückweise“ unsere Landschaft zu schützen? Wacholderhänge mit Tiefblick auf das romantische Lungsdorf. Über den Berg.

Urplötzlich stehst du hoch über Velden; am Scheideweg: links oder rechts. Ich entscheide mich für den Einser; schwenke rechts ein. Waldpfad ausgetrampelt. Ein verlotterter Treppenweg, mit Kanthölzern verstärkt, führt steil hinunter zur Pegnitz. Vorsicht, Stolpergefahr! Schrebergärten direkt am Wasser.

Perfekte Idylle

Felsszenerie, vor zur Mühle. Kletterkonzepte regeln in der Fränkischen und Hersbrucker Schweiz den Schutz der Tier- und Pflanzenwelt. Für Kletterer Zone 2: Klettern auf vorhandenen Wegen bis zum Umlenkhaken, um sensible Felsköpfe zu schützen. Kriegerehrenmal in einer riesigen Felsgrotte. 50 Treppenstufen hinauf.

„Unsere Opfer der Kriege 1914–1918 und 1939–1945.“ Allesamt namentlich eingemeißelt. Hoher Blutzoll des kleinen Städtchens Velden, das kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges durch amerikanische Spreng- und Brandbomben schwer heimgesucht wurde.

Gedankenverloren trotte ich weiter. Ruhebänke überdacht von gewölbtem Dolomitfels. Unbedingt alle viere von sich strecken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Zwei Mühlräder klappern, liefern Energie zum Nulltarif, erzeugen Strom für den Eigenbedarf. „Wasmer übrig ham, geht ans Überlandwerk“, so die Müllerin in eigener Sache.

Stürzende und quirlende Wasser der Pegnitz. Musik in deinen Ohren. Forellen springen, schnappen nach Mückentrauben. Stockenten oder „Schnatterenten“ in Ufernähe unterwegs. Perfekte Idylle im digitalen Zeitalter.

Genug fürs Auge. Mir hängt der Magen schief. Ich passiere das Mühltor (1516), spaziere die Mühlstraße vor und stille meinen ersten Hunger bei Christa und Karl Bammler im Gasthof „Zur Traube“. Heute empfiehlt die Chefköchin einen leckeren fränkischen Sauerbraten. Ihre Omelette-Suppe mit Butter-Klößchen ist ein Gedicht. Wanderer erfreuen sich eines guten Appetits. Mittwochs und donnerstags wollen die Wirtsleute ihre wohlverdiente Ruhe haben. Schon gehört? Christa und Karl können auch singen und spielen.

Auf dem Weg zum Bahnhof ein unbedingtes Muss: die evangelische Pfarrkirche mit Werken von außergewöhnlicher Qualität. Immerhin im Handbuch für deutsche Kunstdenkmäler von Georg Dehio mit einem Stern versehen. Das will etwas heißen. Mein Lieblingsaltar: der Vierzehn-Nothelfer-Altar, ein spätgotischer Flügelaltar.

Lass dich überraschen.

Max Schäfer

N-Land Pegnitz-Zeitung
Pegnitz-Zeitung