Expertise der TU Dresden

Gutachten zur Elektrifizierung der Bahnstrecken

Arnd Stephan übergibt Achim Saßmannshausen das Bahnstrom-Gutachten für Nordostbayern, dahinter das Begleitgremium mit Abgeordneten, Kritikern und Experten aus der Region. | Foto: J. Ruppert2021/06/Bahnstrom1.jpg

HERSBRUCK – Wie kommt der Strom zur Bahn? Ein Gutachten der Technischen Universität Dresden empfiehlt die Elektrifizierung des nordostbayerischen Schienennetzes über Freileitungen, Unterwerke und Ringschlüsse. „Die Weichen sind gestellt“, zollte der Bundestagsabgeordnete Karl Holmeier Beifall. Gerhard Pirner von der Protestbewegung kritisierte: „Es reicht nicht, die ICEs grün anzustreichen und dann 300 Hektar Wald zu roden!“

Im Kern geht es um die Routen der Deutschen Bahn (DB) Regensburg nach Hof („Ostkorridor“), Nürnberg in Richtung Marktredwitz bis Tschechien („Franken-Sachsen-Magistrale“) und Nürnberg nach Schwandorf/Furth im Wald. „Es handelt sich um die größte Fläche in Deutschland, die noch nicht elektrifiziert ist“, beschrieb der Oberpfälzer Karl Holmeier das Problem. Was das Ergebnis anbelangt, herrscht Einigkeit. „Alle wollen moderne, klimafreundliche Züge, die Frage ist nur wie“, fasste Bahn-Pressesprecher Anton Knapp das Dilemma zusammen.

Die Vorstellung der ersten Planungen führte zur Gründung der Interessengemeinschaft „Bahnstrom – so nicht“. Insbesondere ging es um erhebliche Eingriffe in die Natur, in das Landschaftsbild und in Biotope wie das Uhu-Brutgebiet Lehental. Die Gegner beschränkten sich aber nicht auf eine Verhinderungsstrategie, sondern machten eigene Vorschläge.

Rund 300 Möglichkeiten

Professor Arnd Stephan und sein Team von der TU Dresden haben deshalb vier Monate lang alle Alternativen gesammelt und bewertet. „Nur wo die Bahn elektrisch ist, ist sie auch gut“, betonte der Experte. Es gibt zentrale und dezentrale Lösungen, Mischvarianten, Erdverkabelung und mehr. Insgesamt ging es um 300 Möglichkeiten, von denen rund 40 in die engere Auswahl kamen.

Letztlich waren vier Kriterien ausschlaggebend: Die technische Machbarkeit, ökologische Standards, der wirtschaftliche Betrieb über einen Zeitraum von 70 Jahren und Risiken beim Betrieb. Die Erdverkabelung ist drei- bis viermal so teuer und scheidet laut der Experten („landet im Vergleich abgeschlagen“) somit aus. Die Kosten dafür müsste übrigens der Steuerzahler tragen.

Energie im Ring

Professor Arnd Stephan hofft, dass den Lesern des Gutachtens „ein Licht aufgeht“. Seine Empfehlung lautet, eine vollständig zentrale Bahnenergieversorgung umzusetzen. Dies deckt sich mit den ursprünglichen Zielen des Schienenunternehmens. In Bodenwöhr, Hohenstadt, Irrenlohe, Schnabelwaid und Wiesau sollen Unterwerke – Umspannwerke für den 110-Kilovolt-Bahnstrom – entstehen. Außerdem sind Stromleitungen erforderlich, zum Beispiel von Ottensoos nach Hohenstadt, von Bodenwöhr nach Irrenlohe und von Burgweinting nach Wiesau.

Zur Versorgungssicherheit mit elektrischer Energie rät der Gutachter zu einem südlichen oder einem nördlichen Ringschluss: jeweils vom Unterwerk Hohenstadt aus entweder zum Unterwerk Schnabelwaid oder über das Unterwerk Schnabelwaid zum Unterwerk Wiesau. Als zweite Empfehlung sprechen sich die Fachleute der TU für eine Prüfung von zwei Optionen aus, die aber nur die Unterwerke Hof und die Umspannstationen in Weiden und Marktredwitz betreffen.

Noch keine Entscheidung

Wir müssen verhindern, dass auf der Bahnstrecke rechts der Pegnitz in naher Zukunft kein Zug mehr fährt. Der Preis, den wir ohne eine Elektrifizierung zahlen müssten, wäre höher als bei der jetzt vorgestellten Lösung“, sagte Hersbrucks Bürgermeister Robert Ilg auch im Namen von Landrat Armin Kroder. „Mit dem Gutachten ist noch keine Entscheidung gefallen, wir sind aber einen großen Schritt vorangekommen“, wertete Karl Holmeier das Resultat.

„Was sind uns unsere Natur, unsere Heimat, unsere Bürger wert?“ fragte Dieter Dehling von der IG „Bahnstrom – so nicht“ und äußerte dadurch seine Missbilligung, dass vor allem wirtschaftliche Punkte in der Empfehlung berücksichtigt wurden.

Es wird Jahre dauern

„Unsere eigenen Vorschläge sind technisch machbar. Die Erdverkabelung kostet halt was“, sah sich sein IG-Kollege Gerhard Pirner bestätigt, der kritisierte, dass vor allem die „Preisschilder“ bei der Beurteilung der Möglichkeiten eine Rolle gespielt hätten. Bundestagsmitglied Stefan Schmidt aus Regensburg nannte die Erdverkabelung ebenso wie Akkus und Wasserstoff „keine ernst zu nehmenden Alternativen“.

Konkrete Zeiträume bis zur Verwirklichung der Elektrifizierung aller Strecken mit einer Länge von 500 Kilometern nannte keiner. Arnd Stephan schätzt, dass die anstehenden Verfahren mit Planfeststellungsverfahren und Bürgereinsprüchen sechs bis neun Jahre dauern können. Die eigentliche Bauphase ist deutlich kürzer.

Am Dienstag, 29. Juni, führt die Bahn um 18 Uhr einen digitalen Themenabend zum Gutachten mit Professor Arnd Stephan durch (www.bahnausbau-nordostbayern.
de).

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