Fünf Jahre Flüchtlingshilfe in Eckental

„Mitgefühl alleine hilft nicht“

Sie sehen noch viel Arbeit für die Eckentaler Flüchtlingsinitiative: Claudia Blöchl (links) und Friederike Popp (rechts), die beiden derzeitigen Vorsitzenden. | Foto: PZ-Archiv/Krieger2020/06/Fleck-Eckental-JubilaumFoto-Isabel-Krieger0001.jpg

ECKENTAL — Im Januar 2015, in der Hochphase der Flüchtlingsströme nach Deutschland, gründete sich der Verein Fleck e.V. Während andere Initiativen ihre Arbeit inzwischen eingestellt haben, ist Fleck e.V. bis heute aktiv und mit 250 Mitgliedern eine der größten ehrenamtlichen Flüchtlingsinitiativen bayernweit. Der Verein, der in diesem Jahr den Förderpreis der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern bekommen hat, sieht auch im fünften Jahr noch Arbeit vor sich. Die PZ hat mit den Vorsitzenden Claudia Blöchl und Friederike Popp gesprochen.

Frau Blöchl, in Eckental leben bis heute die meisten Geflüchteten im Landkreis Erlangen-Höchstadt. Das liegt daran, dass die Regierung und der Landkreis hier fünf Gemeinschaftsunterkünfte betreiben. Wie ist die Situation?

Blöchl: Wir haben aktuell rund 300 Menschen, darunter viele Familien, die wir mehr oder weniger intensiv im Alltag begleiten. Nachdem im westlichen Landkreis Sammelunterkünfte geschlossen wurden, weil ja kaum mehr Asylbewerber nach Deutschland kommen, konzentriert es sich auf Eckental. Wir sprechen allerdings in den allermeisten Fällen nicht mehr von Geflüchteten oder Asylbewerbern, sondern von Migranten. Die überwiegende Zahl hat bereits einen entsprechenden Status, ist also anerkannt oder hat subsidiären Schutz wegen drohender Verfolgung im Heimatland.

„Wir wussten nicht, was auf uns zukommt“


Das Jahr 2015 war ein besonderes: Noch nie kamen so viele Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland. Die „Flüchtlingskrise“ hat viele verunsichert. Heute ist das Thema aus der öffentlichen Wahrnehmung fast verschwunden. Wenn Sie zurückblicken, was sehen Sie?

Blöchl: Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, aber es war klar, wir wollen und müssen helfen. Nicht nur wegen der Flüchtlinge. Wenn in so einer Gemeinde plötzlich ein paar hundert Menschen aus verschiedensten Ländern aufschlagen, ist das ein Riesenthema. Alle die, die bei der Gründung dabei waren, haben gewusst, es muss gehandelt werden. Die Motive waren ganz unterschiedlich. Für viele, auch für mich, war es christliche Pflicht. Und weil ich eine politische Bürgerin bin.

Popp: Am Anfang war vieles einfach nicht da. Wir haben Wäsche und Anziehsachen für Kinder besorgt, Bettdecken, Kosmetikartikel, Bilder- und Schulbücher. Später dann Möbel aus Haushaltsauflösungen für Familien oder Alleinstehende, die außerhalb der Gemeinschaftsunterkünfte eine Bleibe gefunden haben. Wir haben uns um Ausweise gekümmert, um Papiere, um medizinische Versorgung. Mittlerweile sind das nicht mehr die zentralen Themen.

Nach der Anfangsphase, wo es viel Empathie gab, hieß es mitunter: Den Flüchtlingen wird alles hingeschoben, während arme Deutsche nichts bekommen.

Blöchl: Wir haben glücklicherweise keine Anfeindungen erlebt, jedenfalls keine massiven. Natürlich haben wir uns auch diese Frage gestellt. Deshalb war es uns auch wichtig, unsere Arbeit nicht nur auf Flüchtlinge zu begrenzen. Von Anfang an haben wir gesagt, zu uns können auch bedürftige Eckentaler kommen. Doch das wurde kaum genutzt. Doch es gilt auch weiterhin: Unsere Plattform fleck.net, mit der wir Menschen bei der Arbeitssuche unterstützen, ist für alle da.

Popp: Beim Thema Gerechtigkeit muss man sehr sensibel sein. Es gibt da zu recht auch einen Anspruch auf Verhältnismäßigkeit und Klarheit. Wir haben uns deshalb immer um Transparenz unserer Arbeit bemüht.

Rechte Parteien haben die Flüchtlingskrise für sich genutzt. In Eckental konnten sie damit nicht landen.

Blöchl: Das ist richtig, aber wir haben auch von Anfang an Verschwörungstheorien entgegengewirkt. Wenn ein Flüchtling Mist gebaut hat, haben wir es benannt. Wenn ein Gerücht auftauchte, sind wir dem nachgegangen. Da hat uns auch die Gemeinde, insbesondere die Bürgermeisterin, toll unterstützt. So konnten wir verhindern, dass die Flüchtlingsarbeit einen verdächtigen Touch bekam. Wir selbst haben uns auch politisch positioniert. Vergangenes Jahr sind wir dem Bündnis gegen Rechtsextremismus beigetreten.

„Jeder von uns hatte auch Vorurteile“


Haben Sie sich durch die Arbeit verändert?

Blöchl: Den Wandel vom „Gutmenschen“ zum professionellen Flüchtlingshelfer haben wir sicher alle gemacht, auch wenn ich es immer noch für gerechtfertigt halte, dass man in Situationen wie 2015 emotional handelt. Wir haben viel gelernt, haben unseren Horizont erweitert. Und natürlich hatte jeder von uns auch Vorurteile, das ist uns zum Teil erst in der Arbeit mit den Menschen bewusst geworden. Vieles konnten wir durch das Miteinander abbauen.

Popp: Am Anfang war es sicher so, dass wir in hohem Maße vom Mitgefühl für die Schicksale getrieben waren, insbesondere für die Trauma derer, die den Bürgerkrieg in Syrien erlebt und alles verloren haben. Das ist ja auch legitim. Mitgefühl allein aber hilft nicht. Es braucht Wissen. Es braucht Strukturen, Geld und eine klare Haltung. Wir hatten zwischenzeitlich auch Supervision, auch um uns im Ehrenamt selbst nicht zu übernehmen.

Worum geht es jetzt in der Arbeit von Fleck e.V.? Mittlerweile sind doch die meisten Flüchtlinge angekommen. Viele haben Arbeit.

Blöchl: In der Tat ist es auch uns gelungen, einen Teil in Jobs zu bringen, und das sind gar nicht so wenige. Doch gerade die Schulabgänger und Azubis beispielsweise brauchen Unterstützung. Diese jungen Menschen haben in wenigen Jahren so viel Neues lernen müssen, vor allem kulturell. Viele waren in ihren Ländern im Großverbund der Familien eingebunden, hier müssen sie jetzt allein bestehen. Das ist ein großer Lernprozess. In den letzten Wochen, als wir sie wegen Corona kaum unterstützen konnten und auch nicht in die Unterkünfte durften, sind einige von ihnen flügge geworden. Die haben kapiert, worauf es ankommt. Ich bin stolz darauf.

Popp: Deutschland hat in der Integration der Gastarbeiter viel falsch gemacht, gerade bei den Frauen. Da ist eine ganze Generation durchgerutscht. Deshalb setzen wir seit gut zwei Jahren den Schwerpunkt auf die Frauenarbeit. Wir bieten ein Frauencafé an, Sprachkurse, Vorträge über Gesundheit und Verhütung oder zum Umgang mit Behörden. Parallel dazu gibt es immer Kinderbetreuung. Wenn es uns als Gesellschaft nicht gelingt, diese Frauen fit zu machen, gibt es wieder eine verlorene Generation. Und die Kinder dazu.

Hat die Politik aus Ihrer Sicht verstanden, wie wichtig Integrationsarbeit ist?

Blöchl: Beim Thema Integrationskurse für Mütter haben wir deutliche Kritik. Frauen von kleinen Kindern haben bis heute keinen Anspruch darauf. Das ist falsch. Ansonsten gibt es mittlerweile gute Verbindungen, gerade auch durch Innenminister Joachim Herrmann, der regelmäßig zu uns kommt. Fast immer nimmt er etwas mit. Ansonsten haben wir mittlerweile auch einen guten Draht zu den Behörden. Nicht selten ist es leider so, dass Spielräume dort nicht umgesetzt werden, das haben in Corona-Zeiten wieder gemerkt. Da hat man die Flüchtlingsunterkünfte zum Teil einfach vergessen. Man muss dann immer wieder anrufen, Themen benennen. Nun können wir, nachdem wir ein Hygienekonzept vorgelegt haben, wenigstens wieder Nachhilfe anbieten. Ich hoffe, dass auch die Deutschkurse bald wieder möglich sind. Es sind immer kleine Schritte.


Info: Wegen der Corona-Beschränkungen fehlen Fleck e.V. derzeit Lagerflächen. Der Verein freut sich über Angebote (www.fleck-ev.de).

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