Lernentwicklungsgespräche an Grundschule

Eine halbe Stunde Reden statt „Giftzettel“-Lesen

Statt Zwischenzeugnis: Lehrerin Margit Ziegler (rechts) führte das Lernentwicklungsgespräch mit Nina Lukas und Tochter Sophie. Foto: A. Pitsch2015/02/Zeugnis.jpg

HERSBRUCK – Sophie hat schon auf ihre Bewertung des ersten Schulhalbjahres angestoßen – mit Saft, denn sie ist in der ersten Klasse. Aber Zeugnisse gibt es doch erst heute? Eigentlich schon, aber Sophie gehört zu den Schülern, die an der Hersbrucker Grete-Schickedanz-Grundschule erstmals an den neuen Lernentwicklungsgesprächen teilgenommen haben. Diese sind ab diesem Schuljahr in Bayern statt Zwischenzeugnis in den Klassen eins bis drei möglich – auch in Hersbruck. Das bedeutet für Kinder, Eltern und vor allem Lehrer einen Mehraufwand, aber auch einen großen Mehrwert.

Als Sophie mit ihrer Mama Nina Lukas den Klassenraum betritt, darf sie sich zuerst am schön gestalteten Tisch etwas zum Trinken aussuchen – es wird angestoßen auf das erste Halbjahr, und zwar zusammen mit der Lehrerin der 1b, Margit Ziegler: „Wir wollen eine wertschätzende Atmosphäre schaffen und die Stärke des Kindes aufzeigen.“ Es ist der Auftakt zu einem rund halbstündigen sogenannten Lernentwicklungsgespräch, in dem Klassleiterin, Eltern und Schulkind gemeinsam die Talente und „Baustellen“ der Schützlinge besprechen.

Das erscheint fast ein bisschen wie ein Mitarbeitergespräch, erinnert sich Rektorin Ruth Schneider an die ersten Reaktionen, als sie die Idee im Elternbeirat zum Schuljahresanfang vorgestellt hatte. Denn dieser musste zustimmen, um den Testlauf in Hersbruck starten zu können. „Erprobt wurden die Lernentwicklungsgespräche im Rahmen der flexiblen Grundschule“, klärt Schneider über die Hintergründe dieses Novums auf, „seitens des Kultusministeriums wurden sie nun statt der Zwischenzeugnisse in den Klassen eins bis drei erlaubt, wenn Kollegium und Elternbeirat einverstanden sind“.

Da seit Herbst ein neuer Stundenplan, der auf Kompetenzen ausgerichtet ist, gilt, wollten Schneider und Kollegen diese Möglichkeit einfach einmal ausprobieren. Auch der Elternbeirat hat diese „gut akzeptiert“ – wobei natürlich diskutiert wurde, ob die Gespräche und die aufwändigen Vorbereitungen für die Lehrer machbar sind. Vor allem, weil es keine exakten Vorgaben seitens des Kultusministeriums gab, ist Schneider noch immer etwas verwundert: „Es kam lediglich ein Schreiben, dass statt Zwischenzeugnissen dokumentierte Gespräche möglich sind.“

Diese Freiheit findet Schneider toll, selbst zu bestimmen und auf die Schule speziell einzugehen – trotz des riesigen zeitlichen Aufwands im Gegensatz zum klassischen Halbjahresschein: Wie soll die geforderte Dokumentation ausfallen? Ein Protokoll wie an einer Nürnberger Grundschule? Oder Bögen zur Einschätzung für Kind und Lehrer? Und wie sollen die dann aussehen? Im Oktober starteten die Pädagogen daher mit der Erstellung der vierseitigen Bewertungspapiere. „Hier haben die Kollegen in den jeweiligen Jahrgangsstufen gemeinsam dran gearbeitet“, blickt Sandra Grund, die schulinterne Beauftragte für die Lernentwicklungsgespräche, zurück.

Einen solchen Bogen bekam auch Sophie mit nach Hause, um ihre Stärken und Schwächen selbst einzuschätzen. Da musste die Mama der Erstklässlerin einiges vorlesen und erklären. „Ab und zu“ habe sie sich schwer getan, gibt Sophie ganz leise zu. Mutter Nina findet diese Herausforderung der Selbsteinschätzung gut. Sie hat dabei festgestellt, dass Sophie sich entweder richtig gut oder schlecht bewertet: „Die Zwischenstufen fehlen ihr.“ Diese Selbstreflexion haben die Schüler bei Lehrerin Ziegler im Unterricht vorher geübt, damit es nicht völlig unbekannt für sie ist. Und Ziegler musste genau den gleichen Bogen bearbeiten – eben über Sophie. Der Vergleich beider Dokumente, die Sophie heute als eine Art „Zeugnis“ bekommt, bildete die Grundlage des Gesprächs.

„Es wurden alle Bögen ausgefüllt und wieder bei uns abgegeben, das ist erstaunlich“, freut sich Schneider über die ausnehmend positive Resonanz der Eltern, die natürlich vor der neuartigen Prozedur etwas skeptisch waren, wie Grund verrät. Was auf die Mamas und Papas alles zukam, hatten diese im Dezember bei einem Elternabend erfahren. „Bei so was ist eine umfassende Information ganz wichtig“, begründet Schneider die Veranstaltung, bei der alle Eltern da waren. Die Stimmung blieb ihr als positiv im Gedächtnis – vielleicht weil die Mütter und Väter schnell verstanden, dass jetzt alle miteinander reden bei einer Sache, wo eigentlich über jemanden gesprochen, über dessen Fähigkeiten geurteilt wird.

„Lesen“ – das sieht Sophie als ihre große Stärke, wie auch Lehrerin Ziegler: „Ganz oft stimmten die Einschätzungen echt überein.“ Grund hat beim Studium der Bögen herausgelesen, dass sich die Schüler vor allem nach Fächern eingeschätzt haben, die Lehrer eher soziale Kompetenzen würdigten: „Dieses Lob zum Einstieg zauberte Eltern wie Kindern ein breites, schönes Lachen ins Gesicht. Einige Mamas und Papas fühlten sich bestätigt, andere freuten sich, dass ihr Nachwuchs diese Eigenschaft hat, auch wenn sie diese von daheim nicht kennen.“ Und das ist auch gewinnbringend für die Pädagogen.

Gerade die Stärken des Schülers werden in den Unterhaltungen viel deutlicher hervorgehoben als im Zeugnis. „Das ist an Wortbausteine gebunden und nicht so persönlich und tiefgehend“, finden Schneider, Grund und Ziegler. Außerdem können Eltern beim „Giftzettel“ nicht sofort nachfragen, wenn ihnen eine Einschätzung des Lehrkörpers unklar ist, bemerkt Lukas, die das ganze Prozedere „unheimlich positiv“ empfindet und hofft, dass es beibehalten wird.

Doch viel Redezeit ist für Lukas nicht vorgesehen, es ist eher ein Gespräch zwischen Ziegler und Sophie über die teils unterschiedlichen Einschätzungen. „Wir können hier auf die Ebene des Kindes heruntergehen“, lässt Grund einen Vorteil der Neuerung einfließen, „das Zeugnis müssen Mama und Papa ja oft regelrecht übersetzen“. Natürlich ist die Erstklässlerin da besonders aufgeregt, nestelt nervös am Rock herum und muss sich von den Kameraden fragen lassen, ob sie denn schon bei Frau Ziegler war. „Die Interaktion zwischen meinem Kind und der Lehrkraft zu erleben, mitzubekommen, wie sich Sophie in der Schule verhält, das ist total wertvoll“, schwärmt Lukas regelrecht, die sich aufgrund dieser Erfahrung gerne die Zeit für den zusätzlichen Schul-Termin genommen hat.

Umgekehrt geht es den Pädagoginnen ähnlich: „Wir lernen die Eltern besser kennen und kriegen einen kleinen Einblick in die Eltern-Kind-Beziehung.“ Beeindruckend für die drei Damen war, dass viele Erziehungsberechtigte zu zweit erschienen sind oder sich Begleitung in Person einer Übersetzungshilfe gesucht hatten und die Kleinen dann mächtig stolz waren. „Ein Schüler ist beispielsweise auf seinen Papa zugestürmt“, erzählt Grund. Auch Sophie zeigte Mama Nina ihr Klassenzimmer und ihren Sitzplatz.

„Wir haben gemerkt, dass es den Kindern gut getan hat, dass Eltern und Lehrer sich mal eine halbe Stunde nur für sie Zeit genommen haben“, resümiert Schneider, „in dieser wertschätzenden Atmosphäre lässt sich dann natürlich leichter über Verbesserungen sprechen“. Der Lernerfolg wird größer sein – weil alle in einem Boot sind, ist sich Schneider sicher.

Nach den Stärken und dem Abklären der Unterschiede in den Bögen sind die Zielvereinbarungen der letzte Punkt im Lernentwicklungsgespräch, in die die Eltern aktiv eingebunden werden. „Was möchtest Du dieses Jahr noch schaffen?“, fragt Ziegler Sophie. „Schöner schreiben“ – so schön wie Mama. Damit das auch klappt, sollen die Schüler das Ziel mit einem Bild verknüpfen, von der Person, die das bereits besonders gut kann. Das Foto wandert dann in Sophies Mäppchen – als Erinnerung an ihre persönliche Herausforderung für das zweite Halbjahr.

Um zum Beispiel diese Idee zu entwickeln, war viel Gedankenaustausch im Kollegium nötig, was diesem Schwung und Zusammenhalt gegeben hat. Hefte und Proben ansehen mussten die Lehrer natürlich weiterhin – alles also ein riesiger zeitlicher Mehraufwand? „Eigentlich ist nicht so viel Unterschied zu den normalen Erst- und Zweitklass-Zeugnissen, nur die Organisation ist anders“, hat Grund erlebt. Die Vorbereitung auf die Einzelgespräche ist zeitintensiver, punktueller und verteilt sich auf eine Stoßperiode von rund zwei bis drei Wochen im Januar. Bei den „Giftzetteln“ hat man die Masse fast auf einmal.

Während man diese bequem daheim schreiben kann, wuselten die Lehrer nun abends und am Wochenende in die Schule, um die individuell vereinbarten Termine wahrzunehmen. „Da konnte man aus einem regelrechten Strauß wählen“, lobt Lukas den Einsatz der Pädagogen. Und genau das ist es, was die Lehrkräfte jetzt bestätigt: „Unser Aufwand wird von den Eltern wertgeschätzt und wir bekommen direktes Feedback“, freut sich Grund. Klar ist man nach vier bis sechs Gesprächen am Stück – eine Klasse hat in Hersbruck im Schnitt 27 Kinder – „platt“. Aber auch wenn die Lehrer anfangs nicht wussten, worauf sie sich einlassen, sie wollten es laut Schneider ausprobieren – und jetzt wissen sie: „Es ist gut für unsere Kinder“.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch